Erstellt am: 1. 6. 2014 - 15:16 Uhr
Trotzdem Pop
"Chuzpe klingt so ähnlich wie Kotze, hat aber Klasse."
So erklärt Sänger und einzige personelle Konstante der Band, Robert Wolf alias Robert Räudig, im Buch Wien Pop die Wahl seines Bandnamens.
1977 war Chuzpe die erste Punkband Österreichs, die sich Anfang der Achtziger Jahre parallel zum aufgekratzten Zeitgeist hin zur zackigen New Wave Coolness entwickelt hat. Mit ihrem Cover des Joy Division Klassikers "Love Will Tear Us Apart" landeten sie 1980 sogar in den Ö3-Charts und die vielleicht wichtigste heimische Punkrock-Hymne "Beislanarchie" geht ebenfalls auf ihre Kappe.

Chuzpe
Nach Jahren der Funkstille sind Chuzpe wieder da. Das neue Album heißt "Vor 100 Tausend Jahren war alles ganz anders" und ist das zweite in der Besetzung Robert Wolf - Sänger und Postler in Pension, Andreas Kolm - Produzent und Jurist - und Stephan Wildner - Keyboarder, Sänger und Psychiater von Beruf.
Der Titel bezieht sich auf die Anfangstage der Band, wie Sänger Robert Wolf erklärt: "Das war so die Zeit um 1976/77, in der Wien wirklich noch grau und trist war. Das kann man sich heute nicht einmal mehr an einem Novembertag vorstellen. Und wenn man so will, war Chuzpe der Stein, der ins Wasser geworfen wurde und so weite Kreise gezogen hat."
Was vom Punkrock übrig blieb

Recordbag
"Vor 100 Tausend Jahren war alles ganz anders" ist durch Zufall entstanden. Der Produzent der Band, Andreas Kolm, hat vor sich hingespielt und experimentiert, bis wieder etwas, wie er sagt "Chuzpisch" geklungen hat: "Das hat es zirka 30 Jahre lang nicht gegeben, das in meinen eigenen Hervorbringungen etwas ‚chuzpisch’ geklungen hätte. Plötzlich hatte ich ein Schnipsel, dann noch eines. Daraufhin hab ich gedacht, ich kontaktiere den Robert und schicke ihm eine CD mit diesen Schnipseln."
Aus Kolms Soundfragmenten und Wolfs assoziativen Text-Collagen sind zehn neue Songs entstanden, die zwischen melancholischem New Wave und pulsierendem Minimalismus pendeln. Die Songs heißen "Zwischen allen Stühlen" oder "Was vom Punkrock übrig blieb" und beschreiben die Musik bzw. die Haltung der Band ziemlich gut. Die Band selbst nennt ihren Sound "pathetische Psychedelic".

Hannah Wildner
Das Trio ist altersmilde geworden. Die nervöse Zackigkeit der Anfangstage, festgehalten auf dem mittlerweile als Klassiker geltenden Album "1000 Takte Tanz" aus dem Jahr 1982, ist einer sarkastischen Gelassenheit gewichen. Ihrer eigenen Generation der Wutbürger halten sie mit dem Song "Das Ganz Egal Komitee" einen Spiegel vor: "Das Ganz-Egal-Komitee sind die da oben, auf die man schimpft. Seien es Spekulanten, Politiker oder was auch immer. Man schreit nach Veränderung, aber in Wirklichkeit will man das gar nicht, weil es lebt sich ja eh gut so. Man braucht halt was zum Shitstormen und schreibt Leserbriefe oder Postings. Es geht um das Unbehagen beim Bravsein."
Die vielleicht tanzbarste Nummer des Albums ist die kosmische Post-Punk-Rummelplatz-Nummer "Superschalter". Für Sänger Robert Räudig klingt der Song wie der Wiener Wurstlprater: "Mich hat das an das Tagada und diese elektronischen Wahnsinnsmaschinen erinnert. Da ist immer so passende Musik dazu gelaufen und der "Superschalter" hat mich total daran erinnert. Wie ich den Text geschrieben habe, war gerade dieser Hydron-Collider und die Suche nach den Gottesteilchen in aller Munde und so hab ich das vermischt."
"Vor 100 Tausend Jahren war alles ganz anders" ist eine abwechslungsreiche Achterbahnfahrt mit textlich pointierten New-Wave-Höhen, aber auch so manchen seichten Stellen, die Sänger und Keyboarder Stephan "Graf Hadik" Wildner so kommentiert: "Es hat auch zum Teil einen Radio-Burgenland-Sound. Das ist auch wieder eine Chuzpe, wenn Chuzpe so einen Sound macht. Man weiß nie, was auf einen zukommt und das war auch immer schon eine wichtige Intention."
Das Chuzpische
In der Nacht von Sonntag, 1. Juni auf Montag, 2. Juni gibt es im FM4-Soundpark eine Album-Listening-Session mit Chuzpe.
Das Trio hat eine ganz bestimmte Vorstellung von dem, was die Band ausmacht und nennt es immer kryptisch "Das Chuzpische". Doch was meinen sie damit genau?
"Eigenwillig und immer am Punkt vorbei. Diese Melodien und diese Texte sind immer um eine Spur zu schräg oder zu eigenwillig, um jetzt wirklich am Mainstream anzustreifen, und das ist das, was das Chuzpische ausmacht. Und es ist ja nicht so, dass wir das Chuzpische für uns gepachtet haben. Für mich haben Bands wie Der Nino aus Wien oder Bilderbuch auch dieses Element. So eine widerständige Haltung, aber trotzdem Pop."
Hörtipp
In der Nacht von Sonntag auf Montag im FM4 Soundpark (01-06) und danach 7 Tage on demand zu hören: eine ausführliche Listening Session zu "Vor 100 Tausend Jahren" (außerdem zu Gast sind KIDS N CATS, siehe hier, und The Boys You Know, siehe hier.