Erstellt am: 5. 9. 2015 - 21:33 Uhr
Transitzone
Der Hauptbahnhof in Salzburg ist die letzte Station für die Flüchtlinge, die in diesen Tagen aus Ungarn kommen und nach Deutschland wollen. Wie in den anderen großen Bahnhöfen in Österreich haben sich hier Freiwillige und Hilfsorganisationen zusammengefunden, die die Flüchtlinge empfangen und sie an diesem kurzen Zwischenstopp versorgen.
Alles läuft ruhig ab. Wenn ein Zug mit Flüchtlingen ankommt, warten schon Menschen mit großen Einkaufswagen am Bahnsteig, mit Nahrung, Wasser, aber auch warmer Kleidung und Schuhen, denn es ist bitterkalt hier in Salzburg. In den wenigen Minuten, die die Flüchtlinge hier verbringen, versuchen sie, etwas in ihrer Größe zu erwischen.
Die Organisation in Salzburg klappt hervorragend: Polizei, Rettung, Caritas, Muslimische Jugend und andere HelferInnen arbeiten hier gut zusammen. Koordiniert wird die Hilfe in der Landespolizeidirektion, in enger Abstimmung mit der Politik. Seit Donnerstag Mittag gilt ein Notfallplan. "Dort ist minutiös jeder Schritt aufgefädelt wie eine Perlenkette", sagt der Salzburger Landesrat Josef Schwaiger, und momentan laufe alles nach Plan. Die Kapazitäten würden ausreichen für die aktuell kolportieren Flüchtlingszahlen - bis zu 10.000 allein am Samstag.
Herausforderungen annehmen und meistern
"Ich sag immer: Dann, wenn's kritisch wird, funktioniert die Eisenbahn noch besser wie sonst", kommentiert Rene Zumtobel, ÖBB-Sprecher in Salzburg die Herausforderung dieser Tage. Er spricht von der Euphorie seiner Mitarbeiter und man sieht, dass auch er davon angesteckt ist. Die Mitarbeiter kämen freiwillig und niemand von ihnen würde danach fragen, ob er die Überstunden ausbezahlt bekomme. Sie wollen alle helfen. An die 20-30 MitarbeiterInnen mehr als sonst sind heute am Bahnhof Salzburg im Einsatz, andere koordinieren von ihren Büros aus oder am Bahnhofsvorplatz.
Simon Welebil
Für die ÖBB sei hier in Salzburg die größte Herausforderung die Ströme der Reisenden zu koordinieren und die Sicherheit aller zu gewährleisten, meint Zumtobel. Er dankt allen, die dabei mithelfen: seien es die Freiwilligen, die Bahnhofsdurchsagen auf Arabisch machen, den Hilfsorganisationen, die Güter verteilen, aber etwa auch den tausenden Fußballfans, die sich heute aus dem Westen auf den Weg nach Wien gemacht haben und bereits in Hütteldorf in die U-Bahn gewechselt sind, um den Westbahnhof zu entlasten. Große Zeichen der Menschlichkeit sieht er heute überall.
Extra-Leistungen
Vier Sonderzüge sind am Samstag bereits aus Wien nach Salzburg gekommen. Der Großteil der Flüchtlinge fährt allerdings mit den regulären Reisezügen, die eine Kapazität von 500-600 Personen haben. Etwa die Hälfte davon wird mit Flüchtlingen aufgefüllt, mit der anderen Hälfte der Plätze will man die reguläre Reisetätigkeit aufrecht erhalten.
99% der Flüchtlinge hätten übrigens gültige Fahrkarten, sagt Rene Zumtobel, doch die Fahrkartenkontrolle habe an solch einem Tag keine Priorität. Heute gehe es darum, ein Zeichen der Menschlichkeit zu setzen, gemeinsam für eine Mobilität zu sorgen. Es gehe ums Helfen und zu zeigen, dass Österreich und die ÖBB als Unternehmen gerüstet sind, so etwas abzuwickeln.
Simon Welebil
Der letzte Zug des Tages, der in Salzburg kurz vor 23 Uhr einfährt, wird am Samstag extra nach München verlängert. Die private deutsche Bahn Meridian stellt zusätzliche Garnituren. Sollte es in Salzburg keinen Anschluss mehr für Flüchtlinge geben, wollen die ÖBB bei Bedarf eine Zuggarnitur zum Übernachten auf Bahnsteig 1 stellen. Außerdem stehen am Bahnhof 450 Feldbetten im Bahnhofsgelände bereit, zusätzlich haben sie ein Notquartier in der Hinterhand - nur wenige Kilometer entfernt, mit noch einmal 400 Plätzen.
Simon Welebil
Informationsaustausch
Landesrat Schwaiger kann an diesem Tag nicht viel überraschen. Seit in den frühen Morgenstunden am Samstag über 6.500 Flüchtlinge in Nickelsdorf im Burgenland eingetroffen sind, gäbe es einen regen Informationsaustausch der Salzburger Behörden mit dem Innenministerium und auch den Behörden in Deutschland. Von letzteren kam sogar der Vorschlag, mit Sonderzügen eine Alternativroute über Passau nach Frankfurt zu eröffnen, um die Weststrecke und München zu entlasten.
Bis 17:00 sind über 2.000 Flüchtlinge in Salzburg durchgekommen. Nur zwei von ihnen hätten bisher einen Antrag auf Asyl in Österreich gestellt, sagt Josef Schwaiger. Zumindest einer mehr wird es wohl werden. Die Salzburger Landeshauptmann-Stellvertreterin Astrid Rössler erzählt mir, dass ein Asylwerber in Salzburg seinen syrischen Cousin in einem der Züge entdeckt und rausgefischt habe. Family-Reunion am Bahnsteig.
Gewappnet für Änderungen
Sollte sich die Situation in den nächsten Tagen ändern und Deutschland sich entscheiden, die Grenzen für Flüchtlinge zu schließen, sei man auch vorbereitet. Ad hoc-Entscheidungen würde es nicht geben. Man habe sich sowohl in Deutschland, als auch vom Innenministerium eine Vorlaufzeit für Entscheidungen ausbedungen. Für den Notfall habe man vereinbart, dass die Notplätze in Salzburg als letzte aufgefüllt werden. "Denn dann sind wir Endbahnhof", sagt Landesrat Schwaiger, "und wenn die Reserve dann schon belegt ist, können wir nicht mehr viel machen um noch einen Puffer zu haben."
Simon Welebil
Überstunden
Noch sind die Grenzen offen. Für die ÖBB heißt das, in diesen Tagen möglichst viele Menschen an ihr Ziel zu bringen. Mehrere MitarbeiterInnen seien schon mehrere Tage im Einsatz, sagt ÖBB Sprecher Rene Zumtobel. Doch in dieser besonderen Situation gelte ohnehin, nicht lang zu reden, sondern zu handeln:
"Es ist heute Wochenende, aber viele Leute hier machen kein Wochenende. Die schauen, dass die Menschen, die die letzten Wochen wahrscheinlich Unglaubliches erlebt haben, einmal sehen, dass es auf dieser Welt auch gute Menschen gibt. Die nicht nur über andere Dinge reden, sondern auch was tun."
#refugeeswelcome: Der FM4 Twitter-Feed zum Thema
Siehe auch: Was tut sich? Was kannst du tun?