Erstellt am: 4. 4. 2015 - 15:22 Uhr
Und alles wegen Niklas!
Aus dem Leben der Lo-Fi Boheme
Geschichten aus der deutschen Hauptstadt von Christiane Rösinger
Arg ungemütlich war es hier letzte Woche, denn das Sturmtief Niklas brauste über Berlin und Brandenburg. Orkanartige Böen fegten durch die Straßen, Bäume wurden entwurzelt, der Bahnverkehr kam zum Erliegen. Die Touristen kamen mit ihren Rollkoffern kaum gegen den Wind an, die Radfahrer mussten absteigen, sogar der Berliner Fernsehsturm wurde geschlossen.
Regionalfernsehen und Radio riefen die BerlinerInnen dazu auf zu Hause zu bleiben - ein Gebot, das bei den eisigen Temperaturen leicht zu beherzigen war. Zuhause konnte man beobachten, wie Windböen die zarten Balkon-Gewächse malträtierten, der Sturm riss die klapprigen Fensterläden in den Altbauwohnungen auf und Graupelschauer prasselten gegen die Fenster. Draußen wurden Bäume entwurzelt, Menschen wurden verletzt, aber auch die Stadttiere waren betroffen. Eichhörnchenbabys wurden aus den Bäumen geweht, von der Berliner Feuerwehr aufgesammelt und der Tierrettung übergeben.
Wenn es so stürmt und wütet, wird das öffentliche Leben auf das allernötigste Maß zurück gefahren. Dabei war seit Wochen schon für den 1. April ein großes Happening im Görlitzer Park in Kreuzberg anberaumt worden - ein großes Solidaritäts-Kiff-In.
An dieser Stelle wurde ja regelmässig über den liebevoll "Görli" genannten Berliner Park berichtet, wie er in den letzen Monaten immer mehr zum "Problempark" hochgeschrieben wurde, wie sich die gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen den Dealern dort häuften und wie der Innensenator endlich Ordnung schaffen wollte. Nun trat also am 31. März die Null-Toleranz-Regel für den Besitz von Cannabis im Park in Kraft, das heißt, ab letzten Mittwoch wird dort der Besitz von Cannabis schon ab dem ersten Gramm bestraft. Bisher wurden Verfahren bis zu einer Toleranzgrenze von 15 Gramm eingestellt. Mit der Verschärfung will der Senat die vielen Kleindealer aus dem Park vertreiben. Wer Berlin kennt, weiß wie absurd so ein Verbot ist, weil sich ja eh keiner dran hält.
Nicht einmal die Berliner Polizei steht hinter der Idee, weil sich die Szene, seit verstärkt kontrolliert wird, sowieso schon in die Nebenstraßen verlagert hat. Solange es eine Nachfrage gibt, wird sich auch durch die Null-Toleranz-Regel der Cannabisverkauf nicht eindämmen lassen, schließlich wird der Park in vielen internationalen Reiseführern als gute und stressfreie Einkaufsmöglichkeit empfohlen.
Update aus dem Görlitzer Park. #Berlin http://t.co/kjCCtsG7VV pic.twitter.com/NpqDSeT2WK
— Berliner Morgenpost (@morgenpost) April 1, 2015
Über 3.000 Solidaritäts-Kiffer hatten sich über Facebook zur Teilnahme angemeldet, als die Seite gesperrt wurde, meldeten sich auf einer alternativen Seite wieder 3.000 an. Viele, auch Nicht-Kiffer, unterstützten den Protest, es geht schließlich darum, die Freiheiten der Städtebewohner zu bewahren, und gegen eine Politik, die diese immer mehr einschränken will.
Viele nervt, was auf Berlins Straßen passiert, die Touristenscharen mit den Bierflaschen in der Hand, die Kiffer und Raucher, die die Hauseingänge blockieren - aber ein Alkohol- und Rauchverbot auf öffentlichen Plätzen will hier keiner.
Seit Wochen war man auf das Politik-Happening am Mittwoch gespannt, und dann kam Niklas! Die Stadtreporterin machte sich trotz aller widrigen Umstände auf den Weg zum nahe gelegenen Park. Zuerst war nur ein verfrorenes Häuflein am Kiff-In-Treffpunkt auszumachen. War das Orkantief schuld oder war es doch die berühmte Kifferlethargie?
Tatsächlich sah es zunächst nach wenig Rauch um gar nichts aus, erst später wuchs die Menge auf etwa 700 Aktivisten an, ab und an wehte der typisch süßliche Geruch vorbei, ein Teilnehmer hatte einen riesigen Joint aus Pappmachè gebaut, andere verteilten Flyer für die Hanfparade am 8. August oder schwenkten provozierend Beutel mit Hanftee und getrockneten Kräutern, um die Polizei zu verwirren. Flüchtlingsaktivisten hielten Schilder hoch, auf denen "Schluss mit den rassistischen Polizeikontrollen" und "Refugees Welcome" standen.
Kommt vorbei.
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— exzessiv.TV (@exzessivtv) April 1, 2015
Die Polizei hatte sich in einiger Entfernung aufgebaut, die Einsatzwagen ein Stück abseits geparkt, vor den vielen Parkeingängen hatten sich jeweils vier Polizeibeamte justiert. Sie führten einzelne Taschenkontrollen durch und wiesen die Besucher freundlich darauf hin, das Marihuana-Besitz im Park verboten ist.
Dealer waren an diesem Mittwochabend keine zu sehen. Die waren in den letzten Wochen sowieso schon zum nahen U-Bahnhof umgezogen, aber selbst da wurde man, nicht wie sonst, mit Kaufangeboten umworben. Der Großteil der Szene hat sich angeblich schon zum Party-Areal auf der anderen Spreeseite, nach Friedrichshain verzogen.
Nachdem ein schwerer Hagel den Park und das Kiff-In niedergegangen war und viele sich in Bars und Hauseingänge geflüchtet hatten, waren nur noch etwa 300 Aktivisten vor Ort, und so ging das Kiff-In relativ unspektakulär zu Ende. Und alles wegen Niklas!