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29. 7. 2011 - 16:17

"Die Leute wollen gehört werden"

Kenia-Korrespondentin Antje Diekhans über ihre Arbeit im Flüchtlingslager Dadaab.

Die Dürre und die Hungerkatastrophe in Ostafrika fordert Schätzungen zu Folge täglich Tausende Opfer. Im Norden Kenias treffen zwar immer mehr Hilfsorganisationen und Hilfsgüter ein, dennoch bleibt die Lage schwierig.

Noch schwieriger ist sie in Somalia, wo radikale Milizen die Bevölkerung terrorisieren und Hilfsorgansiationen keinen Zutritt bekommen. Menschen aus Somalia versuchen daher in die großen Flüchtlingscamps nach Kenia zu gelangen und nehmen tagelange Fußmärsche auf sich. Schon zu Beginn der auszehrenden Reise sind die meisten von ihnen unterernährt.

A file photograph dated 15 June 2011 shows Aa general view of the Ifo camp, one of three camps that make up sprawling Dadaab refugee camp in Dadaab, northeastern Kenya

EPA/DAI KUROKAWA

Das Flüchtlingslager in Dadaab

Dadaab ist das größte Flüchtlingslager der Welt. Die Zelt- und Planenstadt im Norden Kenias war für 90.000 Flüchtlinge ausgelegt. Mittlerweile befinden sich 400.000 Menschen in Dadaab, täglich kommen an die Tausend weitere an. Dadaab ist - mit seiner auch nach kenianischen Standards völlig unzureichenden Infrastruktur - damit bereits die drittgrößte Stadt des Landes. Der Flüchtlingsansturm ist für die kenianische Verwaltung kaum zu bewältigen. Denn auch Kenia ist von der schlimmsten Dürrekatastrophe seit 60 Jahren betroffen.

Interview mit Antje Diekhans

In Kenia befindet sich die ARD-Korrespondentin Antje Diekhans. Im FM4-Interview mit Mari Lang spricht sie über die aktuelle Lage vor Ort:

Mari Lang: Sie berichten aus dem größten Flüchtlingslager in Dadaab in Kenia. Wie geht es eigentlich Ihnen als Journalistin? Wie schaffen Sie es, in so einer Situation objektiv zu bleiben und wie groß ist der Wunsch, helfen zu können?

Antje Diekhans: Das ist wirklich schwierig. Ich muss sagen, das war schon die bisher schwierigste Situation in meiner Korrespondentenzeit. Weil man da Menschen gegenübersteht, die verzweifelt sind und denen man ansieht, wie schlecht es ihnen geht.

Eigentlich hat man da diesen Impuls zu denken: Ich hab hier mit dem Mikrophon das Falsche in der Hand, ich müsste etwas ganz anderes machen. Aber was ich dann sehr deutlich gemerkt habe, war, dass die Leute mit mir sprechen wollten.
Dass die auch den Drang haben, von ihrer Situation zu erzählen.

Gerade die Menschen, die zu Hunderten und Tausenden außerhalb von Dadaab kampieren. Die hoffen, dass jetzt tatsächlich mehr Hilfe kommt, dass sie versorgt werden und dass sie einen Platz im Camp bekommen. Die wollen, dass sie gehört werden. Und von daher war es so, dass ich mich selbst ein wenig darüber retten konnte.

Hilfsorganisationen warnen ja schon seit langem vor dieser Hungersnot am Horn von Afrika und die Weltgemeinschaft hat ziemlich lange weggeschaut. Jetzt rollt die Hilfe langsam an, es wurden erste Luftbrücken nach Somalia eingerichtet. Wie gut funktioniert denn das und sind die Auswirkungen dieser Hilfe, die von 12 Millionen Menschen gebraucht wird, schon zu spüren?

Die Luftbrücke ist nur ein ganz, ganz kleiner Tropfen auf den heißen Stein. Das sagt das Welternährungsprogramm ja selbst. Die Maschinen, die jetzt nach Mogadischu fliegen, sollen dort vor allem Spezialnahrung für stark unterernährte Kinder hinbringen. Das sind Energieriegel mit Nüssen, die auch noch mit Mineralien und Vitaminen angereichert sind. Da hat man sich für den Luftweg entschieden, weil diese Dinge sehr gut in Kisten zu packen sind und so schnell dorthin gebracht werden können.

Flüchtlingskinder

EPA/DAI KUROKAWA

Aber das ist nicht das einzige. Die Hauptversorgung läuft weiterhin über den Hafen der Stadt. Von dort werden die Nahrungsmittel auf die Camps in der Hauptstadt verteilt. Das rollt jetzt alles langsam an, in Teilen vielleicht nicht schnell genug. Das ist ein Apparat, der sich erst träge in Bewegung setzt, wo man sich eigentlich große Geschwindigkeit wünschen würde.

In Somalia bereiten die Kämpfe zwischen den Truppen der Afrikanischen Union und den radikalen Islamisten Schwierigkeiten. Das erschwert die Verteilung der Lebensmittel schon in der Hauptstadt Mogadischu. Noch viel schwieriger, beziehungsweise sogar unmöglich, ist die Verteilung im Süden des Landes, wo zwei Millionen Menschen dringend darauf warten, dass sie Nahrung bekommen.

Dort stirbt inzwischen alle sechs Minuten ein Kind an Hunger. Diese Menschen sind aber weiterhin von Hilfe abgeschnitten, weil die radikalen Islamisten keine Helfer ins Land lassen. Man setzt jetzt auf lokale Mitarbeiter, also auf Somalis, die leichter aktiv werden können und die Sachen verteilen. Aber das glückt erst in einigen wenigen Regionen, in vielen anderen noch nicht.

Die Kenianische Regierung möchte diesem Flüchtlingsstrom jetzt einen Riegel vorschieben. Wie erleben Sie die Situation?

Das unglaubliche in Dadaab ist, dass da tausende Menschen im Freien campieren, denen dringend geholfen werden müsste. Und das wäre auch ganz einfach, denn es gibt schon Unterkünfte, Wasserversorgung und Toiletten. Es gibt sogar eine Schule. Dort könnten 40.000 Flüchtlinge bequem untergebracht werden.

Aber die kenianische Regierung will diese Flüchtlinge im Moment einfach nicht und darum gibt sie dieses bestehende Lager nicht frei. Sie sagt 'Wir wollen kein zweites Somalia hier in Kenia und all die Menschen, die jetzt hier untergebracht werden, werden wahrscheinlich nie mehr in ihre Heimat zurückgehen.'

Dadaab besteht schon seit 20 Jahren und Menschen, die dort ankommen, gehen auch wirklich nicht mehr zurück. Von daher stimmt das, aber es ist in dieser Notsituation trotzdem nicht nachvollziehbar.

Kind in einem Zelt im Flüchtlingslager Dadaab

EPA/DAI KUROKAWA

Kind in einem Zelt im Flüchtlingslager Dadaab

Die Hilfsorganisationen versuchen jetzt trotzdem Platz für diese neuen Flüchtlinge zu finden, an anderen Stellen des Lagers. Das bietet aber längst nicht sovielen Menschen Platz, und hat den Nachteil, dass es diese ganze Infrastruktur nicht gibt. Kein Wasser, keine Toiletten. Da haben die Flüchtlinge nicht mehr als ein Zeltdach über dem Kopf. Und das ist eben sehr schwer nachvollziehbar, wenn es ihnen ein paar hudnert Meter weiter soviel besser gehen könnte.

Sie haben in Daadab mit vielen Flüchtlingen persönlich gesprochen. Wie geht es denen vor Ort? Die, die neu dazukommen, denken die überhaupt an ein Morgen?

Ich habe das Gefühl, dass viele der Flüchtlinge, die jetzt ankommen, traumatisiert sind. Selbst die, denen es körperlich nicht so schlecht geht, die diesen Gewaltmarsch durch den Süden Somalias noch einigermaßen gut überstanden haben, erzählen fürchterliche Geschichten. Zum Beispiel von den vielen Toten, die sie auf dem Weg gesehen haben und von Famlienangehörigen, die sie sterbend oder schon verhungert zurücklassen mussten. Ich glaube, diese Menschen haben im Moment damit zu tun, irgendwie zu verarbeiten, was sie gerade erlebt haben.

Dann gibt es aber auch die Menschen, die schon seit vielen Jahren, vielleicht ihr ganzes Leben, in Daadab leben. Die sind zum Teil Anfang der 90er Jahre als kleine Kinder mit ihren Eltern gekommen, hier aufgewachsen, haben geheiratet und eine eigene Famliile gegründet.

Manche von diesen Menschen im Lager nehmen jetzt selbst die neuen Flüchtlinge auf, vielleicht weil es entfernte Verwandte sind oder weil sie aus dem gleichen Dorf in Somalia kommen, wie sie selbst vor vielen Jahren.

Das bedeutet natürlich auch, dass sich die Situation für diese Menschen verschlechtert, weil die Neuankömmlinge im Normalfall keine Lebensmittelrationen bekommen. Viele teilen also das, was sie bekommen auch noch mit den Neuankömmlingen und leiden dann selbst wieder unter Hunger.

Das fand ich einerseits eine beeindruckende Solidarität, andererseits muss das schnell geändert werden. Für diese Menschen, die schon so lange in Daadab leben, ist Dadaab die Welt. Sie kennen nichts anderes mehr. Sie sind da noch nie rausgekommen und haben auch keine Perspektive, dass das anders wird.

Spenden!
Hier eine Auflistung der wichtigsten Hilfsorganisationen

Wir in Europa sehen täglich die Bilder aus Ost-Afrika, hören die Geschichten, die für uns teilweise völlig unglaublich klingen. Wie können wir denn helfen? Was können wir denn als einzelne hier tun?

Also es hat keinen Sinn, den Kleiderschrank auszumisten, ein Zelt zu schicken oder Konservendosen oder so etwas. Das ist im Moment alles fehl am Platz.

Es sind ganz spezielle Sachen, die jetzt gebraucht werden, wie eben solche Spezialnahrung für Kinder oder auch ganz bestimmte Arten von Zelten. Geld ist das einzige, mit dem man im Moment vernünftig helfen kann. Und ich glaube, da muss sich im Moment auch niemand fragen, ob das Geld ankommt oder nicht.

Das ist eine klassische Situation von Nothilfe, wo man nichts anderes tun kann als spenden, damit die Organisationen mehr Hilfe auf die Beine stellen können, die hoffentlich bald bei den Menschen in Somalia ankommt.