Erstellt am: 3. 6. 2016 - 16:54 Uhr
Rap: The First Number One
von Paul Nawrata aka DJ Urbs
Im Radio
Urbalized Special - The History of "West End Girls" by the Pet Shop Boys wird am 4. Juni 2016 im Rahmen von FM4 Davi Decks ausgestrahlt und ist danach eine Woche lang On Demand zu hören.
Nicht, dass Chartsplatzierungen ein geeignetes Maß für die Qualität von Musikstücken wären, aber die Liste der Songs, die es an die Spitze der US-Charts geschafft haben, ist zweifelsohne ein interessanter Indikator für den Zustand der Gesellschaft im Laufe der Zeit und der Musikindustrie im Speziellen.

DJ Urbs / G-Stone
Delikat ist ganz besonders die Liste der Rap-Songs, die die Spitze der Billboard Hot 100 erklommen haben: Für gewöhnlich wird dort Blondies "Rapture" von 1981 mit dem Argument übergangen, es handle sich dabei um einen Song mit kürzeren Rap-Segmenten, nicht aber um einen Rap-Song im klassischen Sinne. Schon darüber lässt sich vortrefflich streiten, da es "klassischer" ja kaum geht, also ist Debbie Harry und Co. zumindest ein Ehrenplatz auf dieser Liste sicher.
Rappers Delight, The Message, Funky Cold Medina, die zahlreichen Hits von Run DMC, den Beastie Boys oder LLCoolJ - sie alle schafften es nicht bis ganz an die Spitze. Stattdessen wird "Ice Ice Baby" von Vanilla Ice (1990) die Ehre zuteil, der erste Rap-Song auf Platz 1 der US-Charts zu sein - ein Rap-Song zweifelsfrei, wenn auch definitiv kein HipHop-Stück. Darauf folgt mit Marky Mark Wahlberg ("Good Vibrations", 1991) ein weiteres Weißbrötchen mit rhythmischem, aber letztlich vergessenswertem Sprechgesang.
Der erste Rap-Song, der klar der HipHop-Kultur entstammt und die Nummer Eins der Hot 100 erreichte, ist PM Dawns "Set Adrift On Memory Bliss" (1991), das sich zwar beim relativ gutbürgerlichen "True" von Spandau Ballet bedient und im Allgemeinen sehr weichgespült daherkommt, doch lässt das dazugehörige Album nicht an der Ernsthaftigkeit des Projekts der beiden Kanadier zweifeln.
Bis zu Coolio´s Gangsta´s Paradise (1995) reihten sich noch einige Songs ein, die allesamt einen gewissen Novelty-Hit-Charakter besitzen: die Buben von Kriss Kross ("Jump", 1992), Miami Bass aus Seattle (Sir Mix-A-Lot´s "Baby´s Got Back") und Dancehall-Pop von einem weißen Kanadier namens Snow ("Informer", 1993).
Mit den Hits von Bone Thugz-N-Harmony, 2Pac, Puffy und Biggie hatte HipHop schließlich den Olymp erklommen und die Musikwelt nachhaltig verändert. Will Smith und Lauryn Hill symbolisieren als nächste in der Reihe zudem auch den (zwischenzeitlichen) Siegeszug von HipHop-Artists in Hollywood.
Wir aber wollen nochmal ganz genau hinschauen - war das wirklich alles? Unser Blick fällt auf 1986 und - hoppla! Falco! Rock Me Amadeus! Er war zwar ein Punker und er lebte in der großen Stadt, aber leider nicht in der Version, die die Spitze der amerikanischen Charts eroberte. Dort wurde Falco´s Rap vorsichtshalber entsorgt und durch einen Nachrichtensprecher ersetzt, der Fakten aus Mozarts Leben aufzählt, ehe der gesungene Refrain einsetzt. Schade eigentlich, das hätte schon was, Falco als erste Rap-Nummer Eins, aber fällt aus wegen is nich.
Nur etwa ein Monat nach Falco landet aber ein Song auf Platz Eins, den wir hiermit - und da lassen wir uns gar nicht groß dreinreden - ganz offiziell zum tatsächlich ersten Rap-Song an der Spitze der wichtigsten Charts der Welt ernennen. Warum das vor uns niemand getan hat, bleibt ein Rätsel. Diesem Song widmen wir unser neues Urbalized Special und wie ihr längst ahnt - es handelt sich um "West End Girls" von den Pet Shop Boys.
Wir beleuchten ausführlich die verworrene Entstehungsgeschichte von "West End Girls" sowie des Projektes Pet Shop Boys und werfen einen genaueren Blick auf den Produzenten der ursprünglichen Version, eine schillernde und zwiespältige Figur namens Bobby Orlando. Alles in allem ergibt das eine spannende und sehr unterhaltsame Spurensuche und wir versprechen, ihr werdet "West End Girls" künftig mit anderen Ohren hören.
Urbalized Special
The History of West End Girls by the Pet Shop Boys
wird am 4. Juni 2016 im Rahmen von FM4 Davi Decks ausgestrahlt und ist danach eine Woche lang On Demand zu hören.
