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Robert Rotifer London/Canterbury

Themsenstrandgut von der Metropole bis zur Mündung: Bier ohne Krone, Brot wie Watte und gesalzene Butter.

23. 1. 2016 - 16:46

Hinter den roten Türen

Wir müssen über Rassismus in unserer Mitte reden. Ziemlich dringend.

Also vom Zeitplan her wollte ich hier ja darüber schreiben, dass am Montag die Band Hinds in Wien spielt. Ihr Album „Leave Me Alone“ ist fantastisch, die vier Spanierinnen sind gewitzt, gescheit und schreiben tolle Songs, aber es tut mir leid, ich hatte in den letzten Tagen einfach zu viel sonstiges zu verdauen, um in meinem Kopf Platz für Musikschreibe zu machen.

Selbstzensur kann schließlich auch keine Lösung sein, nur damit man seine Ruhe vor all den Hobby-Donald Trumps hat, die jeden Widerspruch zu ihrem von einem reißerischen DieWelt-Link zum anderen angeheizten Eifer – vermutlich aus reiner Lust am Paradoxon – als „naiv“ brandmarken.

2016 schickt sich also an das Jahr zu werden, in dem der Rassismus nicht nur im Mainstream, sondern auch bei den Hipsters angekommen ist.

Er gehört nicht mehr per bloß den üblichen Verdächtigen auf der Rechten, er ist mitten unter uns, für wen immer wir uns auch halten mögen, Kinder der Popkultur.

Man schmückt ihn mit vorausgeschickten Toleranzbekenntnissen, einer aus anekdotischen Erfahrungen und selektiver Statistik geschöpften empirischen Gewissheit und dahin improvisierten kulturalistischen Kurzschlüssen, belegt durch Schilderungen der Rückständigkeit der Länder, aus denen die Leute fliehen; in der logischen Annahme, dass die von dort her Geflohenen nichts anderes im Sinn haben können, als genau jene Rückständigkeit nach Europa zu exportieren.

Man rechnet den Antirassismus extra-perfid gegen Feminismus auf, so als gäbe es eine Entweder-oder-Entscheidung zwischen Pauschalverdächtigung des muslimischen Mannes und Duldung sexueller Gewalt.
So als wäre es ein verzichtbarer Luxus, Menschen nicht nach ihrer Herkunft, sondern ihren Taten zu beurteilen.

Man unterstellt allen, die solche in einer Nicht-Monokultur buchstäblich brandgefährliche Narrative ablehnen, sie verteidigten oder verharmlosten die Verbrechen des Islamismus bzw. die Frauenfeindlichkeit im arabischen und nordafrikanischen Raum.

Man behauptet, Leute, die bei rassistischer Vorverurteilung nicht mitmachen wollen, „verdrängen das Problem“, und verlangt als Lösung nach einer Ausgrenzung, die dazu geschaffen scheint, das Problem bloß noch zu eskalieren.

Man ergeht sich in der Kollektivanalyse ganzer Ethnien und derer Sitten und Charakter – wohl wissend, dass diese Menschen genauso wie Angehörige aller anderen Kulturen und Religionen in jene hinein geboren wurden, und zwar mit allen damit einhergehenden individuellen sozialen Bindungen und Konflikten.

Trotzdem tut man dabei so - und darin liegt der Rassismus -, als wären all diese Menschen entweder allesamt automatisch denkunfähig unkritische Produkte archaischer Klan-Gesellschaften oder, noch schlimmer, Teil einer bösartigen Weltverschwörung (wo kennen wir das bloß her?).

David Bowies Witwe ist übrigens auch muslimischen Glaubens. Dass die sich noch nicht davon distanziert hat...

Und jetzt, wo all die auf meiner Timeline, die ihre hinreichend anekdotisch belegten Ängste und Befürchtungen äußern, die Obergrenze kriegen, die sie wollten, sind sie dadurch erwartungsgemäß keineswegs beruhigt, sondern verlangen nach Abschiebung derer, die schon da sind mit einer nach unten offenen Skala von Begründungen.

Dass vor der Küste Griechenlands gerade wieder einmal 45 Menschen ertrunken waren (mehrheitlich übrigens Frauen und Kinder, nur so nebenbei), fand in meiner eh schon liberal gefilterten Facebook-Welt gestern gleich gar keine Erwähnung mehr. Ersaufen dürfen sie, aber nicht Baden in Mödling.

Ein krasser Vergleich, ich weiß. Nicht halb so krass wie die Realität oder die Zahl an zustimmenden Kommentaren zum Stadtbad Mödling, die es in meinen News-Feed geschafft haben.

Natürlich checke ich hier mein Privileg als von sexuellen Übergriffen unbedrohter Mann Mitte vierzig, der selbst – um auch ein paar Privilegien zu nennen, die wir alle teilen – nicht in Armut und Wassermangel lebt, nicht ausgebombt, von Daesh verfolgt oder in die syrische Armee einberufen wurde, und der all das noch dazu aus sicherer Entfernung vom kontinentalen Aufruhr liest: Im Land jenseits des 20 Meilen breiten Wassergrabens namens Ärmelkanal, wo man jene Obergrenzen-Politik schon seit längerem praktiziert. Daher ja auch der sogenannte Dschungel von Calais, wo die Leute derzeit in ihren eigenen Exkrementen erfrieren – als kleiner Vorgeschmack darauf, wie es bald überall an den Grenzen zur Festung Europas aussehen wird.

Ich war auch leider nicht bei der Now Conference in Wien, wo man von den versammelten Bürgermeister_innen und NGO-Mitarbeiter_innen mehr darüber hätte erfahren können. Die Ironie, dass Österreichs Regierung es vorzog, auf ihrem Obergrenzengipfel unter sich zu bleiben, während all diese international geteilte Information griffbereit in der Stadt war, spricht allerdings für sich.

Aber zurück zu meiner Wahlheimat und dem Schicksal derer, die es trotz der Zäune von Calais in die Festung Großbritannien geschafft haben. Wie ich erst vergangene Woche mitkriegte, hält sich die britische Regierung nämlich auch bei der Unterbringung von Flüchtlingen an ihr bevorzugtes, universelles Lösungsmittel des Outsourcing.

Das Home Office betraute die bekannte Alleskönner-Firma G4S mit jener lästigen Aufgabe, die gab sie wiederum wie üblich an einen Subcontractor weiter, in diesem Fall einen Low-Budget-Immobiliengroßbesitzer namens Jomast, der die Asylwerber_innen geballt in Behausungen in möglichst billigen Gegenden möglichst billiger Städte wie zum Beispiel Middlesbrough unterbrachte.

Und dann ließ jene Firma die Türen der Häuser, die sie den Aylwerber_innen zuwies, einheitlich knallrot anmalen.

Wie zur hilfreichen Kennzeichnung der Ziele zur Entladung des vorhersagbaren, medial nicht weniger als in euren Breiten geschürten Volkszorns.

Das wenig überraschende Resultat sind mit Hundescheiße beschmierte Eingänge, Mobs, die Eier und Steine an die Fenster werfen, und natürlich Brandanschläge gegen alle Häuser mit roten Eingangstüren.

Betroffen sind auch davon nicht nur die allesamt so herkunftsbedingt bedrohlichen jungen Männer, sondern auch Frauen und Kinder.

Obwohl das Thema offenbar schon 2012 bei einer Sitzung des Home Affairs Select Committee im Unterhaus aufs Tapet kam, behauptete Stuart Monk, der Chef von Jomast, bei ihm habe sich bisher niemand beschwert. Die Türen seien bloß rot, weil er seine Farbe en gros einkauft, und jeder Vergleich mit "der Apartheid in Nazi-Deutschland" lächerlich.

Er vergisst dabei oder weiß gar nicht, dass nicht nur der Hass und die Diskriminierung, sondern auch die praktische Effizienz im Umgang mit Untermenschen ein Teil derer Demütigung im Nazi-System war. Man nimmt ihnen hier zwar noch nicht wie damals dort und heute in Dänemark die Wertsachen ab, aber so wie die Dinge gerade laufen, würde ich sagen, das kann noch werden.

Kann gut sein, dass mich das alles bloß deshalb so aufregt, weil ich selber nicht da wäre, wenn ein paar nette Leute in Frankreich meine Großeltern nicht unter Lebensgefahr bei sich aufgenommen hätten. Was es da nicht alles an westlichen Werten gab im aufgeklärten Deutschland inklusive Ostmark, vor denen es besser zu fliehen galt.

Gestern ging ich in der Londoner Liverpool Street Station an jenen zwei Statuen vorbei, die zum Gedenken an den Kindertransport errichtet wurden, der damals 10.000 jüdischen Kindern das Leben rettete - dank der Initiative von Menschen wie Sir Nicholas Winton bzw. gegen den Widerstand der britischen Bürokratie und der den Flüchtlingen gegenüber feindlich eingestellten Presse.

Statue zum Gedenken an den Kindertransport vor der Liverpool Street Station.

Robert Rotifer

Plakette der Statue: "in gratitude to the people of Britain for saving the lives of 10,000 unaccompanied children who fled from Nazi persecution in 1938 and 1939"

Robert Rotifer

Der Wiener Westbahnhof war damals Ausgangspunkt, nicht Endpunkt der Reise.

Statue "für das Kind" in der Liverpool Street Station

Robert Rotifer

Mein Blick blieb aber auch an der Zahl von anderthalb Millionen in der Shoa ermordeter Kinder hängen, die nicht mitdurften. So wie übrigens auch nicht die Eltern der 10.000 Kinder. Jede Rettung ein Trauma.

Plakette "Für das Kind" mit Referenz an Sir Nicholas Winton

Robert Rotifer

Der Kindertransport, so heroisch er war, war ein klassischer Fall von mit aller Härte praktizierter Obergrenze. Und die Geschichten all der Nazi-Opfer, die nicht mitfahren konnten, blieben unerzählt.

Menschen waren sie trotzdem.