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Christiane Rösinger Berlin

Ist Musikerin (Lassie Singers, Britta) und Autorin. Sie schreibt aus dem Leben der Lo-Fi Boheme.

22. 8. 2015 - 14:32

Ein brutaler Sommer

Alles wie immer - und trotzdem war der Sommer dieses Jahr anders. Heißer, brütender, brutaler.

So langsam neigt sich der Sommer in Berlin dem Ende zu, es ist immer noch See- und Schwimmbadwetter, aber abends wird es schneller kühl und nach und nach kommen alle aus dem Urlaub zurück.

Auch in der alljährlichen badischen Sommerfrische gab es eine Hitzewelle, eine recht erträgliche. Tagsüber große Hitze, ab und zu ein Gewitter, morgens ist die Luft ganz feucht und ein feiner Dunst steigt aus den Feldern.

Schwimmreifen an Badesee

Schwimmreif / flickr

Mitte August ist dieses Jahr schon alles abgeerntet und umgepflügt, nix mehr mit Weizenfeldern, die im Wind wogen und dem typischen Sommergeruch. Die Äcker liegen platt und braun da, lediglich Futtermais und Topinambur stehen noch hoch und sorgen für ein bisschen Grün.

Unser Baggersee in 5 Minuten Fahrradnähe wurde weiter ausgebaggert - der alte Badeplatz ist verwüstet. Alle Bäume sind gefällt, Warnschilder "Vorsicht Steilufer!!!" und "Lebensgefahr!" sollen die Badenden abschrecken. Jetzt muss man ein paar Kilometer um den See zum anderen Ende durch den berühmten "badischen Dschungel" fahren - durch die Auenwälder an den still gelegten Altrheinarmen, dem Lebensraum der blutrünstigen Altrheinschnaken, Bremsen,Wespen und anderer Blutsauger. An der Badestelle angekommen, zählt man erst einmal die Stiche und versorgt sie mit Spucke. Der neue Platz ist nicht so gut, arg steinig und zudem hat sich hier bereits eine verschworene Gemeinschaft von Nacktbadern niedergelassen, die erst mal argwöhnisch guckt.

Dabei dachte man hier im Badischen vor den Textilfreien sicher zu sein!

Aber hier laufen die dicken, alten, nackten Männer zum Glück nicht zeige- und baumelfreudig in der Gegend rum, sondern liegen dezent hinter den Büschen. Die besten Plätze sind besetzt, denn man drapiert Handtücher in die kleinen Badebuchten, um sie für die später eintreffenden Naturistenkumpels frei zu halten. Aber wenigstens wird man hier, anders als im Berliner Umland, das ja aus dem ehemaligen FKK-Paradies DDR besteht, nicht angefeindet und mit giftigen Blicken getötet, wenn man Badeanzug trägt. Das Wasser ist natürlich herrlich, in Berlin müsste man lange fahren, um so einen klaren See zu finden.

Auch ist der badische Sommer tropischer und artenreicher: Salatbesteckgroße hellblau schimmernde Libellen gleiten über das Wasser, Graureiher stehen dekorativ im Schilf, die lustigen Haubentaucher kommen ganz nah ran, während die Schwanenfamilien hier noch schön und scheu vorbeiziehen und nicht rumbetteln, wie die degenerierten verfressenen Berliner Stadtschwäne.

Abends ist man ganz müde von den vielen Freizeitaktivitäten, ein bisschen Facebook, ein bisschen Promi-Big-Brother und dann schlafen.

Zelte

Happy.ThankYou.MorePlease!!

Zelte in Traiskirchen

Facebook wird immer unwirklicher, überfordert immer mehr. So viele Geschichten und Artikel zu Flüchtlingen auf Kos, in Traiskirchen und Berlin. Dazwischen Geburtstagskinder, Urlaubsbilder, Paddeltouren. "Warum Veganer besseren Sex haben", "Which 60ies song was written for you?" "Selbstgezüchtete Zucchini tötet Gärtner".

Dann immer mehr Nachrichten vom Berliner Lageso (Landesamt für Gesundheit und Soziales), weil dort Hunderte Geflüchtete ohne Trinkwasser und Versorgung tagelang bei bis zu 39 Grad auf ihre Registrierung warten müssen. Auf Facebook rollt die große Hilfswelle an - es bilden sich wohl in vielen Berliner Stadtteilen Initiativen von ehrenamtlichen Helfern: "Moabit hilft" ," Wilmersdorf hilft", "Rahnsdorf hilft".

Dann viele Berichte über die erbarmungslose deutsche Bürokratie, die alles tut, um den ehrenamtlichen Helfern Steine in den Weg zu legen.

Immerhin hat sich jetzt der Berliner Bürgermeister eingeschaltet. Es werden immer mehr Flüchtlinge nach Berlin kommen, sagt er. Wir müssen sie gut versorgen und unterbringen, die Stadt Berlin muss das schaffen, und wir werden es schaffen.

Auf Facebook nehmen die lyrischen Selbsterfahrungstexte der Helfer überhand. Der eine hat Wasser verteilt, die andere spielt mit den Kindern oder fährt die Flüchtlinge zur Notunterkunft. Manche helfen sich dabei geradezu in einen Rauschzustand.

Sind die Leute halt einfach ehrlich betroffen, haben sie vielleicht das erste Mal in ihrem Leben das Gefühl, etwas wirklich Sinnvolles zu tun? Oder wollen sie nur sich selbst und dem Rest der Facebook-Welt beweisen, wie engagierte und gute Menschen sie sind?

Oder geht beides Hand in Hand, Altruismus und Berechnung - tu Gutes und rede darüber?

Nun also wieder der Alltag in Berlin. Der Sommer wird gehen, die Flüchtlinge werden bleiben.

Auf der Seite des Berliner Flüchtlingsrats sind "Möglichkeiten zur Unterstützung von Geflüchteten in Berlin" aufgelistet. Es gibt sehr viele Möglichkeiten, es müsste für jeden was dabei sein. Am Ende der Seite heißt es:

Aufgrund stark begrenzter Kapazitäten und der Vielzahl an Anfragen ist es uns leider nicht möglich, Kunst- und Kulturprojekte zum Thema "Flucht" zu begleiten oder dafür Kontakte zu geflüchteten Menschen zu vermitteln.
Das gleiche gilt für Referate, Hausarbeiten, Bachelor-, Master- und Diplomarbeiten.
Wir hoffen auf Ihr Verständnis.

Flüchtlingssolidarität ist mancherorts geradezu Popkultur geworden, hat letztens jemand in der taz geschrieben.

Aber selbst wenn dem so ist, ist es wahrscheinlich trotzdem besser, mal Kontakt aufzunehmen, statt sinnlos auf Facebook rumzuhängen.