Standort: fm4.ORF.at / Meldung: "Zufluchtsort Istanbul: Syrische Flüchtlinge in der Türkei"

16. 7. 2015 - 15:38

Zufluchtsort Istanbul: Syrische Flüchtlinge in der Türkei

Im offiziellen Sprachgebrauch nennt man sie "Gäste", doch ein großer Teil der syrischen Flüchtlinge möchte in der Türkei bleiben. Seit Beginn der Syrien-Krise gab die Türkei etwa sechs Milliarden Dollar für die Flüchtlinge aus. Und dennoch fehlt es an allen Ecken und Enden. Ein Augenschein in Istanbul.

von Baruch Wolski

Alaa ist dreißig Jahre alt und hat in Syrien englische Literatur studiert. Seit vier Monaten lebt er in Istanbul. "Ich musste das Land verlassen, da sie mich dazu zwingen wollten, mich für eine Seite im Krieg zu entscheiden."

Der erste Einberufungsbefehl flatterte 2011 in Alaas Wohnung. Damals verweigerte er den Dienst an der Waffe. Die Folge waren vier Monate Gefängnishaft und unbeschreibliche Folter. "Sie haben uns Gefangene gequält und gedemütigt, wann immer ihnen danach war. Wir wurden gezwungen, Bashar al-Assad wie einen Gott zu huldigen."

Die Schreie der gefolterten Mithäftlinge waren Tag und Nacht zu hören. Nach vier Monaten öffneten sich für ihn die Gefängnistore. Warum er freigelassen wurde, weiß er bis heute nicht. Nach der monatelangen Tortur durfte der junge Mann in sein gewohntes Leben zurückkehren. Doch schnell kommt der nächste Einberufungsbefehl. Diesmal packt er jedoch das Notwendigste zusammen und verlässt das Land in Richtung Türkei.

Syrischer Flüchtling Alaa

Baruch Wolski

Alaa

Die Stadt ruft

Alaa ist einer von eineinhalb Millionen Syrerinnen und Syrern, die in türkischen Städten Zuflucht gefunden haben. Die Meisten davon leben in Istanbul, denn die Metropole am Bosporus ist der Wirtschaftsmotor der Türkei, die Chance auf Arbeit ist hier ungleich höher. Zudem stehen syrischen Studierenden die Universitäten der Stadt offen. Und die wenigen syrischen Schulen in der Türkei befinden sich ebenfalls alle in Istanbul.

Syrische Schule in Istanbul

Baruch Wolski

Syrische Schule

Laut Aya Abdulrahman von der syrischen Selbsthilfeorganisation "Suriye Nur Derneği" handelt es sich um vierzig Schulen, die von etwa 16.000 bis 20.000 Schülerinnen und Schülern besucht werden. Zwei davon betreibt ihre Organisation, nebst einem kleinen Krankenhaus. Der Bedarf an Schulen ist allerdings ungleich höher. Etwa 500.000 Flüchtlinge dürften im schulpflichtigen Alter sein. Zudem gibt es bis dato für syrische SchülerInnen keine türkischen Zeugnisse, sondern nur lybische. Aus dem Bildungsministerium wurden nun Pläne bekannt, diesen Umstand zu ändern. Die Schulen sollen finanziell stärker unterstützt werden und die Kinder und Jugendlichen mittels Externistenprüfung türkische Abschlüsse erhalten. Damit hätten sie dann in weiterer Folge die Möglichkeit, im regulären türkischen Bildungssystem die nächsthöhere Schulform zu besuchen. Aber noch ist das Zukunftsmusik.

Vergleichsweise wenige syrische Flüchtlinge leben in den zwanzig Flüchtlingslagern, die die Regierung errichtet hat. Sie gelten als weltweit vorbildlich geführt, wie unlängst der UNHCR bestätigt hat. Trotzdem zieht es die Menschen in die Städte. Der unregulierte Wohnungsmarkt hat rasch auf die vielen neuen EinwohnerInnen der Städte reagiert. Die Mieten sind teils dramatisch gestiegen. Für SyrerInnen bringt das noch mehr Probleme mit sich als für die einheimischen IstanbulerInnen. Denn viele VermieterInnen weigern sich, ihre Wohnungen an SyrerInnen weiterzugeben, da sie davon ausgehen, dass die Immobilie dann überbelegt und entsprechend rasch abgenutzt wird. Selbst syrische Mittelschichtsfamilien, die sich bisher jeweils eine eigene Wohnung leisten konnten, sehen sich mittlerweile gezwungen zusammen zu ziehen. Diejenigen, die dennoch an SyrerInnen vermieten, verlangen exorbitante Preise oder widmen ihre Wohnung kurzerhand in ein "Motel" um und vermieten Betten.

Haus, in dem Alaa lebt

Baruch Wolski

Das Haus, in dem Alaa lebt.

Alaa bewohnt gemeinsam mit weiteren zwei Dutzend Männern ein Apartment im Istanbuler Stadtteil Fatih. Das heißt, es teilen sich 25 Männer eine Küche, eine Toilette und ein Badezimmer. In den Räumen steht Stockbett an Stockbett. Alaas Landsmann, der die Wohnung gemietet hat, zahlt 2.400 türkische Lira im Monat, also rund 830 Euro. Das liegt weit über dem üblichen Marktpreis. Doch auch der syrische Mieter verdient noch zusätzlich an seinen Untermietern: Pro Person verlangt er 300 Lira im Monat. Ein lukratives Geschäft für Wohnungsbesitzer.

Eine sich unterstützende syrische Community gibt es kaum. Die Netzwerke der SyrerInnen sind klein. Und sie spiegeln auch die sozialen Verhältnisse wieder, in denen die Menschen ehemals in Syrien gelebt haben. Arm gesellt sich zu arm, reich zu reich.

Neue und alte Konflikte

Izzet Şahin

Baruch Wolski

Izzet Şahin

Izzet Şahin ist Vorstandsmitglied eines der größten Hilfsorganisationen der Türkei, der IHH. Er macht sich angesichts der Entwicklungen Sorgen um die Folgen der großen Fluchtbewegung. Die ethnischen und religiösen Gruppen, die es in Syrien gibt, finden sich auch in der Türkei. Das heißt, die Flüchtlinge können auch Konflikte im Land verschärfen, das gesellschaftliche Gleichgewicht verändern und die Türkei destabilisieren. "Ohne Zweifel braucht es rasch langfristige Lösungsansätze", meint Şahin. Doch die regierende AKP zögerte bisher, SyrerInnen Arbeitsgenehmigungen und Schulbildung in vollem Umfang zuzugestehen. Auch sie ist auf nationalistische Wählerstimmen angewiesen. Zumal die oppositionelle kemalistische CHP ebenso wie die ultranationalistische MHP gegen die Flüchtlinge agitieren. "Wir werden den Frieden nach Syrien bringen und die Syrer zurück in ihre Heimat", lässt die CHP vollmundig verkünden. Selbst die kleine islamistische Saadet-Partei bläst ins selbe Horn.

Derzeit gelten die syrischen Flüchtlinge offiziell als "Gäste". Denn die Regierung ging zu Beginn des Bürgerkrieges davon aus, dass das Baath-Regime rasch stürzen wird und die Zivilbevölkerung bald zurückkehren kann. Nach Jahren des blutigen Konflikts ohne jede Aussicht auf ein Ende blieb von dieser Hoffnung nicht viel mehr über als der rechtliche "non-status" der SyrerInnen in der Türkei. Sie dürfen bleiben, aber es gibt kein permanentes Visum. Sie werden nicht deportiert und der Staat drückt die Augen zu und verfolgt die illegale Beschäftigung nicht. Einerseits ermöglicht das den Flüchtlingen, ihre Existenz zu bestreiten, wenn auch mehr schlecht als recht, andererseits hat diese Politik den Billiglohnsektor unter enormen Druck gebracht. Die meisten SyrerInnen sind gezwungen, zu Dumpinglöhnen zu arbeiten, sind weder sozialversichert, noch wird von ihren Arbeitgebern für sie Steuern entrichtet. Eine Arbeitserlaubnis ist das, was sich Alaa am meisten wünscht - damit er nicht fünfzig Stunden die Woche für nur 700 Lira arbeiten muss. Damit er neben der Arbeit auch sein Studium fortführen kann. Jetzt fehlt ihm schlichtweg die Zeit dazu.

Angesichts der großen Anzahl an Flüchtlingen halten sich die Spannungen bisher in Grenzen. Nur vereinzelt kam es bisher zu Konflikten und dann in den Gegenden Istanbuls, in denen die Luft ohnehin schon dünn ist, weil die Menschen arm und die Arbeitsplätze rar sind. So brannte vor wenigen Tagen das Haus syrischer Flüchtlinge in Başakşehir, unmittelbarer Anlass dürfte ein banaler Alltagskonflikt in der Nachbarschaft gewesen sein. Aber daraus kann noch mehr werden. Denn ohne Zweifel kosten die syrischen Flüchtlinge gerade den Ärmsten der Stadt am Meisten, oftmals nämlich den Job.

Kein Blick zurück

Aya Abdulrahman von der Hilfsorganisation "Suriye Nur Derneği" redet nur ungern über die Situation ihrer Landsleute in der Türkei. Viel lieber erzählt sie von der beeindruckenden Anzahl an Hilfspaketen, Schulen, medizinischen Zentren, die ihr Verein in Syrien organisiert hat. Auf ihren Schoß krabbelt ihr kleiner Sohn. Er ist in Istanbul geboren. Aya spricht kaum Türkisch. Ihr Leben ist vollends auf Syrien ausgerichtet. Nach Zukunftsperspektiven gefragt, zuckt sie nur mit den Schultern. Das Assad-Regime müsse fallen. Alles andere scheint undenkbar zu sein.

Aya Abdulrahman

Baruch Wolski

Aya Abdulrahman

Auch die IHH hat ihren Fokus nach wie vor im Krisengebiet selbst. So werden zum Beispiel mehr als eine Million Brote täglich in Syrien verteilt - unter hohem Risiko der Helfer. Trotzdem gehört die IHH zu den wenigen zivilgesellschaftlichen Organisationen oder islamischen Stiftungen, die sich auch um Hilfe für SyrerInnen in der Türkei bemühen. Der UNHCR stellt einige Türkischkurse bereit, doch sie sind überlaufen. Es gibt nur zwei Stunden Kurs die Woche und die Warteliste ist lang.

Aber von Hilfsorganisationen könne man sich ohnehin keine nachhaltige Lösung erwarten, meint Şahin. "Es braucht politische Lösungen für die Konfliktregionen. Die Menschen verlassen ja nicht freiwillig ihre Heimat. Es sind keine natürlichen Gründe, es sind von Menschen verursachte Katastrophen. Viele Staaten verfolgen in den Krisenregionen ihre eigenen politischen Interessen. Tatsächlich müssen die Global Player von einem Teil des Problems zu einem Teil der Lösung werden und sich für die Stabilisierung der Länder einsetzen." Von der Türkei erhofft sich Şahin einen gesetzlichen Rahmen, der eine Integration der syrischen Menschen in die türkische Gesellschaft ermöglicht. Denn ein Ende des Krieges ist nicht absehbar und selbst wenn, wohin sollen die Menschen zurückkehren, wenn sie alles verloren haben?

Ähnlich pessimistisch sieht es Alaa. "Erst wenn es nichts mehr zu zerstören gibt, wird Syrien zur Ruhe kommen." Zu Hause in Damaskus sind Frau und der eineinhalbjährige Sohn zurückgeblieben. Ob er seine Familie nachholen will? Alaa zögert. Eigentlich schon, er vermisst die Beiden, aber er fürchtet um die Zukunft seines Sohnes in der Türkei. "Wird man auf meinen Sohn herabsehen? Wird er verdammt dazu sein immer ein Fremder zu sein?". Er weiß noch nicht so recht.