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Todor Ovtcharov

Der Low-Life Experte

8. 7. 2015 - 16:30

Unsere lieben Nachbarn

In meinem Heimatland Bulgarien wird eine "finanzielle Solidarität mit Griechenland" nicht kapiert.

Mit Akzent

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Unter meinen bulgarischen Facebookfreunden ist ganz aktuell folgender Witz populär:

In einem griechischen Restaurant fragt der Kellner:
"Wie zahlen sie, bar oder mit Karte?"
"Mit einem Referendum!", antworten die Kunden.

Ich habe versucht, diesen Witz meinen österreichischen Freunden zu erzählen, aber sie lachten nicht, sondern schauten mich nur streng an. Man solle nicht die armen Griechen verarschen, die Opfer von den gierigen Politikern und Bankern geworden seien. Sie haben ja irgendwie Recht. Die Politiker und die Banken saugen uns aus und man muss was dagegen unternehmen, aber was?

Free Greece

APA/EPA/FOTIS PLEGAS G.

In meinem Heimatland Bulgarien wird eine "finanzielle Solidarität mit Griechenland" nicht kapiert. Vielleicht weil die niedrigsten Renten in Griechenland höher sind, als die Höchsten in Bulgarien. Oder vielleicht, weil die "Sozialleistungen" in Bulgarien eher symbolischen Charakter haben. Weil die bulgarischen Frauen momentan mit 61 in Rente gehen müssen und zukünftig erst mit 65 gehen können. Weil man, sogar wenn man krankenversichert ist, trotzdem immer etwas beim Arzt dazu zahlen muss. Weil es keine Gratisarzneimittel gibt. Oder vielleicht auch weil - nach offiziellen Statistiken - 120.000 Bulgaren in Griechenland leben und arbeiten und trotz Krise behaupten, dass sie lieber dort bleiben, weil sie keine Zukunftsperspektive in Bulgarien sehen. Viele von diesen Bulgaren arbeiten als Pfleger und Pflegerinnen für ältere Menschen. In den bulgarischen Medien wurde sogar gescherzt, dass jetzt "griechische Frauen gesucht werden, die sich um bulgarische Rentner kümmern." Vorher gab es in Griechenland einen ähnlichen Witz:

"Ich habe eine ganz tolle Pflegerin, sie ist Lehrerin von Beruf", sagt ein Grieche zum anderen.
"Ha, das ist nichts, meine ist Uniprofessorin!", antwortet der Zweite.

Es ist traurig, aber es stimmt: sehr viele bulgarische Lehrerinnen hatten ihren Beruf hingeschmissen, um Altenpflegerinnen in Griechenland zu werden.

Viele griechische Firmen kommen nach Bulgarien, viele Griechen überweisen ihr Geld an bulgarische Banken. Die Bulgaren haben einen Sprichwort: "Wenn der Bär im Hof deiner Nachbarn ist, dann kommt er auch zu dir!" Man sagt, dass die alten Menschen in Griechenland jetzt ihre Pflegerinnen heiraten.

Ich mag das griechische Meer und das griechische Essen. Ich will nicht, dass Griechenland aus der EU rausgeschmissen wird. Es gibt ein anderes Sprichwort, ein türkisches: "Man kauft sein Haus mit seinen Nachbarn inklusive." Ich hoffe, wir leben nachbarschaftlich gut weiter zusammen.