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Ali Cem Deniz

Das Alltagsmikroskop

2. 7. 2015 - 14:21

Traiskirchner Fastenbrechen

Jeden Abend treffen sich knapp 2.000 Flüchtlinge in der kleinen Selimiye-Moschee in Traiskirchen. Dort essen sie gemeinsam nach Sonnenuntergang und bilden für ein paar Stunden einen Raum, der frei ist von Zwängen und dem tristen Lageralltag.

Über zwei Stunden vor dem Iftar - dem Fastenbrechen - setzen sich die ersten Flüchtlinge aus dem Erstaufnahmezentrum auf den Gehsteig vor der Selimiye Moschee. Dann warten sie in stoischer Ruhe den Sonnenuntergang ab.

Warten auf das Fastenbrechen

Ali Cem Deniz/Radio FM4

Das große Warten auf das große Essen

Sependen und Unterstützung

Die Selimiye Moschee unterstützt die Flüchtlinge nicht nur im Ramadan. Jeden Tag werden hier Essen, Bekleidung, Hygieneartikel und Spielzeug an die Asylsuchenden verteilt. Finanziert wird das ganze über Spenden. Allein das Iftar kostet derzeit pro Tag knapp 3.000 Euro. Deshalb braucht der Verein dringend Unterstützung.

Spendenkonto: AT 51 2020 5003 0013 0259, Türkisch-islamischer Kulturverein Traiskirchen.

Außerdem sammelt die Moschee derzeit besonders Schlapfen und Flip-Flops, die die Flüchtlinge dringend brauchen, um die Sanitäranlagen im Erstaufnahmezentrum zu betreten.

"An den ersten Ramadantagen war es nicht so ruhig", sagt Seref Ekinci vom türkisch-islamischen Kulturverein. Da kam die Polizei, um zu schauen, was die hunderten Menschen auf dem Gehsteig machen. Als die Flüchtlinge das Blaulicht und die Beamten sahen, stieg die Anspannung. "Sie werden panisch, wenn sie die Polizei sehen. Eigentlich wollte die Polizei nur helfen, aber wir haben die Beamten dann gebeten, dass sie sich nicht einmischen", sagt Ekinci.

Bruder, Schwester, abi, achy

Während die jungen Männer stillschweigend auf den Einlass warten, kommen gelassen die Frauen und Kinder. Ihnen wird der Vorrang gegeben. Sie dürfen schon vor Sonnenuntergang ins Iftar-Zelt im Hinterhof der Moschee. Die Kinder fasten nicht und können deswegen gleich mit dem Essen anfangen.

Die Warteschlange vor der Moschee, die jetzt um ein Vielfaches gewachsen ist, wird von ein paar Männern in grünen Westen in Schach gehalten. An der Spitze der Warteschlange steht ein einzelner junger Mann. Er trägt auch eine grüne Weste, unterhält sich abwechselnd auf Deutsch, Englisch, Arabisch, Farsi und Türkisch mit den Fastenden.

Um die Wartenden und sich selbst bei Laune zu halten, macht er Fußballtricks mit einer leeren Getränkedose. Aus dem Innenhof schreit dann jemand "12", "16" oder "20". Dann zählt der junge Mann die Flüchtlinge durch und lässt sie Gruppenweise hinein.

Innenhof der Selimiye Moschee

Ali Cem Deniz/Radio FM4

Das Iftar ist ein Wettlauf gegen die Zeit

Erst im Innenhof wird klar, wie die kleine Moschee mit ihrem Team aus Flüchtlingen, Vereinsmitgliedern und freiwilligem HelferInnen in weniger als zwei Stunden knapp 2.000 Menschen mit Essen versorgt.
Es wird nicht lange gezögert und jeder hat hier den Ablauf verinnerlicht. Wer sich sein Tablett mit Suppe, Bohneneintopf und Reis schnappt, setzt sich sofort ins Zelt und fängt an zu essen. Zum Essen bekommt jeder eine Dose Fruchtsaft und ein Stück Fladenbrot.

Abdel-Fateh kommt aus Somalia. Er ist einer von den Flüchtlingen, die hier nicht nur essen, sondern mitarbeiten. Der 16-Jährige ist alleine nach Österreich gekommen. Seine sieben Geschwister und seine ganze Familie leben noch in Somalia. Hier rennt er zwischen Zelt und Abwäschern hin und her. Dabei trägt er hunderte Tabletts und macht locker ein paar Kilometer.

Wie alle anderen macht er die Arbeit mit einer außergewöhnlichen Leidenschaft. Während Abdel-Fateh durch die Gegend läuft, verteilt er High-Fives und begrüßt alle. "Brother, Schwester, abi, achy" hört man von allen Seiten. Kombiniert mit ein paar Handbewegungen, ist das hier die gemeinsame Sprache unter Flüchtlingen und den Vereinsmitarbeitern.

Bohneneintopf in der Selimiye Moschee

Ali Cem Deniz/Radio FM4

Das Essen wird in riesigen Töpfen in der kleinen Küche der Moschee gekocht. Die Töpfe hat der Verein letztes Jahr schon gekauft, weil klar war, dass dieses Jahr die Nachfrage steigen wird. Letztes Jahr hatte das Iftar-Zelt noch durchschnittlich 700 bis 800 BesucherInnen pro Tag. Dieses Jahr sind es doppelt so viele. Mit einem so großen Anstieg hatte die Moscheegemeinde nicht gerechnet.

"Wir wissen was für eine Nahrung fastende Menschen brauchen. Deswegen essen sie gerne hier. Mit dem Reis haben wir so lange herum experimentiert, bis alle zufrieden waren", sagt Erdal Kaymaz vom Vorstand der Moschee.

Wenn trotzdem nicht alle etwas zu essen ergattern, machen die Vereinsmitarbeiter zusätzlich noch Sandwiches mit Fladenbrot, Tomaten und türkischem Käse. Bis jetzt hat niemand das Iftar-Zelt hungrig verlassen.

Alle kommen, alle essen, alle arbeiten mit

Mittlerweile kommen auch viele nicht-muslimische Flüchtlinge. Erdal Kaymaz schätzt, dass es ungefähr 30 bis 40 Prozent sind. "Da stehen Leute in der Warteschlange für das Iftar, die rauchen oder trinken. Die fasten offensichtlicht nicht, aber bei uns sind alle willkommen“, sagt er lächelnd. Das Essen in der Moschee kommt bei allen Flüchtlingen gut an.

Doch die Menschen kommen nicht nur wegen dem Essen. "Die Leute erzählen uns, dass sie wegen der familiären Atmosphäre hierher kommen", sagt Seref Ekinci. Im gemeinsamen Fasten, Essen und Arbeiten entsteht Solidarität.

Bis 22 Uhr müssen die Flüchtlinge wieder zurück im Erstaufnahmezentrum sein. Im Zelt wird in höchstem Tempo gegessen, außerdem noch nebenbei alles abgewaschen und sauber gemacht.

Völlig durchnässt steht Norbert Ciperle beim schmutzigen Geschirr. Er ist Gemeinderat von der Traiskirchner SPÖ und kommt seit einer Woche in die Moschee, um mitzuhelfen. Bei der Atmosphäre und der Solidarität bekommt er Gänsehaut, erzählt er: "Hier vergesse ich alle meine Sorgen. Die Menschen hier freuen sich über jede positive Begegnung mit Menschen, die sie nicht jeden Tag sehen."

Fastenbrechen in Traiskirchen

Ali Cem Deniz/Radio FM4

Pensionistin Ludwiga verteilt Fladenbrot an die Flüchtlinge

In den letzten Tagen kommen immer mehr Menschen aus der Nachbarschaft, um den Verein zu unterstützen. Roland und seine Mutter Ludwiga verteilen im Zelt die Fladenbrote. Sie wohnen gegenüber vom Aufnahmezentrum. "Ich bin Pensionistin und kann nicht viel spenden, aber ich kann helfen", sagt Ludwiga.

Eine neue Willkommenskultur

Am Ende des Essens ist von der stoischen Ruhe nichts mehr übrig. Die Flüchtlinge verlassen hektisch das Zelt.
Im Gemeinschaftsraum der Moschee sitzen währenddessen die erschöpften MitarbeiterInnen und trinken Tee. Die meisten finden erst jetzt die Zeit, um selbst etwas zu essen. Gesprächsthema ist hier wie jeden Abend die Situation der Asylsuchenden in Traiskirchen und das Essen für den nächsten Tag.

Mit dem Versagen der Regierung in der Lösung des "Flüchtlingsproblems" steigt die Bereitschaft in der Zivilgesellschaft. Nicht nur die Selimiye-Moschee, sondern auch andere Vereine und NGOs versuchen in Traiskirchen zu helfen, wo es geht. Jeden Tag kommen Privatpersonen beim Aufnahmezentrum vorbei, um Sachen zu spenden. So wächst die Solidarität und es entsteht eine Willkommenskultur jenseits der offiziellen Strukturen.