Erstellt am: 27. 5. 2015 - 16:18 Uhr
Die Lösung der Flüchtlingsfrage
In diversen europäischen Internetforen wird ernsthaft diskutiert, ob die Flüchtlingsboote von Afrika nach Europa, die plötzlich Schlepperboote heißen, beschossen werden sollen. So könnte laut einigen Usern das "Flüchtlingsproblem" leicht gelöst werden. Die Flüchtlinge wären weg, noch bevor sie die Grenzen Europas erreicht hätten. Und die, die überleben, sollten in Lager gesteckt werden.
Die User, die solche Sachen anonym im Internet veröffentlichen, schreiben so was während sie gemütlich vor ihren Computern sitzen und leckere Croissants oder Currywürste verschlingen. Die Wannseekonferenz begann auch mit einem Frühstück. Danach wurde die "Endlösung der Judenfrage" entschieden. Während sie über die Vernichtung von einigen Millionen Menschen redeten, fühlten die Teilnehmer der Konferenz noch den leckeren Nachgeschmack von Speck und Käse in ihren Mündern.

Isabella Purkart
Ich denke darüber nach, während ich eine Zigarettenschachtel betrachte. Ich bin in der ehemaligen Fabrik von Oskar Schindler in Krakau, heute ein interaktives Holocaustmuseum. Die Zigarettenschachtel ist aus Menschenleder. Im Krakauer Judenviertel Kazimierz leben heute sehr wenige Juden. Die meisten, die den Holocaust überlebt haben, sind nach Israel oder nach Amerika ausgewandert. "Falls ihr Glück habt, könnt ihr heute einen echten lebenden Juden sehen", sagt unser Guide lächelnd. Wir hatten kein Glück.
Viele Krakauer betrachten das Schicksal der Juden als ein gutes Touristengeschäft. Viele Touristen interessieren sich mehr dafür, wo Spielbergs "Schindlers Liste" gedreht wurde, als für Auschwitz und die perfekte Vernichtungsmaschine der Nazis. Die Touristen fotografieren sich lächelnd an Orten, die Schmerz und Verzweiflung in sich tragen. Vielleicht fühlen sie sich ein bisschen wie Hollywoodschauspieler? Wenn ihr euch an den Film erinnert, da rettet der Protagonist seine Arbeiter aus purem Humanismus von der Vernichtung. Viele in Krakau sagen, Oskar Schindler hätte die Arbeiter seiner Emailfabrik wegen der kostenlosen Arbeitskräfte und nicht aus humanistischen Gründen gerettet. Die Rettung dieser Menschen vor ihrem Tod in Auschwitz ist aber eine Tatsache.

Isabella Purkart
Heute ist der Humanismus wieder nicht in Mode. So wie es nicht modern ist romantisch, bescheiden und unauffällig zu sein. Geschätzt werden die skeptischen, sarkastischen und resignierten Menschen. Und wenn sie noch dazu reich sind, ist alles noch besser. In unserer Welt gibt es keinen Platz für die Armen und die Leidenden mehr. Ihr Anblick ist unerwünscht. Deshalb brauchen wir uns nicht wundern, dass Menschen Arbeitslager für Flüchtlinge vorschlagen.
Ich frage mich, wo sich die anonymen Internetuser diese Lager vorstellen. Wieder in Polen oder dieses Mal woanders? Vielleicht ja auf einer britischen Insel. Und die Briten dürften eine Volksabstimmung organisieren um zu entscheiden, auf welcher. Die Briten stehen ja neuerdings auf Volksabstimmungen.
Das mag euch wie das Geschwafel eines Verrückten vorkommen, liebe Leserinnen und Leser. Lest euch ein paar österreichische Internetforen durch und ihr werdet verstehen, dass andere die Verrückten sind. Entscheidungen werden schnell getroffen. Die Wannseekonferenz dauerte genau eineinhalb Stunden. Danach tranken die Beteiligten Cognac.