Erstellt am: 28. 4. 2015 - 19:00 Uhr
Notfunk in Nepal unter schwierigen Bedingungen
Drei Tage nach dem verheerenden Erdbeben in Nepal zeichnet sich langsam das wahre Ausmaß der Katastrophe ab. Die nepalesische Regierung geht mittlerweile von 10.000 Todesopfern aus, die ersten Hilfstrupps stehen angesichts der völlig zusammengebrochenen Infrastrukturen vor enormen Schwierigkeiten. Wie in jedem Katastrophenfall sind Information und Kommunikation das erste zu lösende Problem.
Allein im benachbarten Indien stünden hunderte Funkstationen sofort zur Verfügung, seit Sonntag besteht auch ein weltumspannendes, moderiertes Netz aus Kurzwellenstationen, deren Frequenzen für Funkverkehr aus Nepal reserviert sind. Was aber derzeit noch fehlt, sind Stationen, die aus Nepal senden, weil Funklizenzen dort aus politischen Gründen bis 2011 praktisch nicht erhältlich waren.
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Die Situation vor Ort
Deshalb gibt es in Nepal gerade einmal 50 Funkamateure, die allesamt über nur drei Jahre Funkerfahrung verfügen und unzureichend ausgerüstet sind. Diese kleine Truppe ist mit der Unterstützung lokaler Kommunikation im UKW-Bereich bereits völlig überlastet, die Mehrzahl der meist jungen Funker besitzt außerdem noch keine Kurzwellenstation.
Aktuell dazu in ORF.at
Laut Tektonikexperten hat das starke Beben die gesamte Stadt Kathmandu um bis zu drei Metern auf der Erdoberfläche verschoben
Das lokale UKW-Notfunknetz, das seit 2012 explizit für den Fall eines schweren Erdbebens errichtet wird, funktioniert nach Meldungen indischer Funker zwar. Allerdings besteht es erst aus einer einzigen Relaisstation für Kathmandu und Umgebung, ansonsten konnte landesweit gerade einmal ein Dutzend kleiner Funkstationen auf UKW beobachtet werden. Die erste von mehreren geplanten UKW-Relaisstationen, über die einfache Handfunkgeräte in weitem Umkreis miteinander kommunizieren können, wurde erst 2012 auf dem Dach der nepalesischen Behörde für Katastrophenschutz errichtet.

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Das große Umdenken
Nach dem schweren Erdbeben in der Provinz Sikkim 2011 hatte die nepalesische Regierung einen radikalen Schwenk vollzogen, das de-facto-Verbot für Amateurfunk in Nepal fiel praktisch über Nacht. Maßgeblich an diesem Kurswechsel beteiligt war eine Handvoll Enthusiasten rund um den Rechtsanwalt und Notfunkpionier Satish Kharel (9N1AA) aus Kathmandu.
Der hatte da schon jahrelang vor den verheerenden Auswirkungen eines schweren Erdbebens im Kathamandu-Tal gewarnt und den Aufbau eines Notfunknetzes gefordert, was in direkter Verbindung mit der Forderung nach einer Liberalisierung der Amateurfunkzulassungen stand. Erst nach dem Erdbeben 2011, in dem große Teile der Provinz Sikkim nicht nur unzugänglich, sondern auch von jeglicher Kommunikation tagelang abgeschnitten waren, fand Kharel Gehör bei der Regierung
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Worst Case Szenario eingetroffen
Erst ab da konnte mit dem Aufbau eines Notfunknetzes und der Ausbildung von Funkern in Nepal begonnen werden. Das im Grundkurs für die ersten, angehenden Funker geschilderte Szenario nach einem großen Erdbeben in Kathmandu ist 2015 leider genauso eingetroffen, wie es Satish Kareel 2012 eingeschätzt hatte. Der damalige Vortragende steht nun mit seiner kleinen Funkertruppe selbst im Katastropheneinsatz. Wie aus indischen Quellen zu erfahren war, hatte Kharel bereits direkt nach dem Beben am Samstag mit einem solarbetriebenen UKW-Gerät Kontakt zu den lokalen Blaulichtorganisationen hergestellt.
Am Sonntag gab es dann erste Kontakte zur Außenwelt auf Kurzwelle, nämlich zu US-Funkern in Afghanistan, einer Station aus Indien sowie einer aus Israel. Im nächsten Schritt besetzten Amir Bazak (4X6TT) aus Israel - ein Notfunker mit langjähriger Erfahrung - und andere starke Stationen aus Portugal, England, Deutschland, Finnland, Dubai und den USA einen Frequenzbereich, der seitdem im Schichtbetrieb freigehalten wird.

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Das ist unter den chaotischen Bedingungen der Kurzwelle gar nicht so einfach, da jeder der Hunderttausenden Lizenzinhaber weltweit auf jedem der für den Amateurfunk gewidmeten Frequenzbereiche funken darf, sofern er damit nicht andere Stationen stört. Gerade das ist aber oft schwer festzustellen, wenn ein Funker aufgrund der Ausbreitungsbedingungen auf Kurzwelle selbst überhaupt nicht hört, dass auf seiner Frequenz bereits andere funken, die er mit seinen Signalen heftig stört. Da die Bedingungen noch dazu rasch und oft radikal wechseln, ist es kein ungewöhnliches Phänomen, dass vorher völlig unhörbare Funkgespräche von anderen Kontinenten abrupt aus dem Rauschen auftauchen und eine Zeitlang ebenso laut zu hören sind wie der lokale Funkverkehr.
Das 9N1 Nepal Emergency Network
Das 9N1 Emergenceny Network kommuniziert parallel zur Kurzwelle per E-Mail und auf Facebook. Es werden weitere starke Stationen ab 400 Watt Leistung mit großen Antennen gesucht, um die Moderatoren auf 14,205 MHZ zwischendurch abzulösen.
Das von 4x6TT und anderen organisierte Nepal Emergency Network ist rund um die Uhr auf den Frequenzen von 14,205 bis 14,2015 MHz aktiv, sobald Funkverkehr mit Nepal theoretisch möglich ist, wird 14,205 für die schwachen nepalesischen Stationen freigehalten. Anfangs hatten die Koordinatoren noch alle Hände voll zu tun, um andere Funker zu verscheuchen, bis sich weltweit herumgesprochen hatte, dass dieser Frequenzbereich für jeden anderen Funkbetrieb gesperrt ist.
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4X6TT Amir Bazak
Die Handvoll der am Sonntag beteiligten Notfunkstationen war bis Dienstag auf weit über hundert auf allen fünf Kontinenten angewachsen, es wäre also längst schon möglich, Nachrichten aus Nepal und umgekehrt weiterzuleiten. Da es jedoch an Gegenstationen aus Nepal fehlt, wurde seit Montag das Schwergewicht der Bemühungen darauf gelegt, Funkgeräte und Antennen für Nepal aufzutreiben.
Kontakte nach Nepal
Eine ganze Reihe der beteiligten Funker ist mit anderen, nationalen Hilfsorganisationen permanent in Kontakt, um das von Funkerverbänden und Privaten gespendete Equipment mit anderen Hilfsgütern möglichst schnell nach Nepal zu bringen. Ein aus zehn Personen bestehendes Funkerteam aus Indien ist am Montag bereits nach Nepal aufgebrochen, weitere Unterstützung kommt von in Afghanistan stationierten Funkamateuren des "Military Auxiliary Radio Systems" der US-Streitkräfte.
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4X6TT Amir Bazak
Gerade im Katastrophenfall stehen Dimension und Qualität der Notkommunikation in direktem Zusammenhang zur Opferzahl, denn bevor mit der Bergung Verschütteter begonnen werden kann, muss man wissen, wo man zu graben beginnen soll. Funkamateure vor Ort funktionieren da in der Regel als dezentrale Ad-Hoc-Schnittstellen zwischen ausländischen Helfern und der betroffenen Bevölkerung, während die zentralistisch organisierten staatlichen Hilfsstellen vor allem in den ersten Tagen nach der Katastrophe stets völlig überlastet oder nicht zu erreichen sind. Zu vielen der entlegeneren Landesteile gibt es auch am vierten Katastrophentag in Nepal noch immer keine Kommunikation, da es dort eben noch keine Funker gibt.
Am 1. Mai 2014 hatten 600 Stationen aus Österreich aktiv teilgenommen, neben Funkern des Bundesheers, des Rotem Kreuzes, der Bezirkshauptmannschaften waren auch ORF-Funker dabei.
Notfunkübung in Österreich am Freitag
Am kommenden Freitag, den 1. Mai, werden wieder mehr als 500 Kurzwellenstationen zur jährlichen österreichweiten Notfunkübung erwartet. Ziel in dieser als Wettbewerb ausgetragenen Funkübung ist für jeden Teilnehmer, Funkkontakte in möglichst viele der österreichischen Bezirke herzustellen, Bonuspunkte gibt es für alle, die mit autonomer Stromversorgung operieren. Beteiligt ist dabei ein bunter Mix aus Staatsfunkstellen - Bezirkshauptmannschaften und Bundesheer - sowie stationäre und mobile Funkstationen von Privaten, die beruflich großteils Techniker sind.
Die Übung steht unter der Annahme eines großen Katastrophenfalls, der zum Ausfall sämtlicher anderer Kommunikationsverbindungen geführt hat. Damit sind nicht nur Telefonnetze und der TETRA-Behördenfunk gemeint, sondern auch zwei weitere flächendeckende Netze der Funkamateure, über die im Notfall zuerst gefunkt wird. Dabei handelt es sich um mehr als 90 mit Pufferbatterien bzw. Stromgeneratoren abgesicherte UKW-Relaisstationen, die Österreich fast komplett abdecken, ganz Nepal hat eine einzige davon. Dazu kommt in Österreich ein ebenso abgesichertes drahtloses Breitband-Backbone für TCP/IP-Datenverkehr, das ohne Internetanbindung funktioniert und ringförmig durch alle Bundesländer verläuft. All das wurde und wird mit privaten Mitteln von Funkamateuren finanziert und betriebsbereit gehalten.
Am 2. Mai 2013 hatte sich eine Abfrage aller Zählerstände aus Bayerns Gasnetz in die Steuerung des Stromnetzes verirrt und war nach Österreich gelangt. Die daraus resultierende Datenflut legte die Steuerungssysteme regional für Stunden lahm.
Behörden, Stehsätze und Funker
2014 hatte der von den Funkern angenommene Katastrophengrund, nämlich ein österreichweiter Stromausfall, noch zu erheblichen Verstimmungen vor allem der Behördenvertreter geführt. Das angenommene Szenario sei unrealistisch und deshalb Panikmache, weil Österreichs Stromnetze hervorragend abgesichert und die Behörden sehr gut auf alles vorbereitet seien, hieß es. Es ist dieselbe Art von Stehsätzen, die Satish Kharel von der Bürokratie in Nepal jahrelang zu hören bekam.