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Robert Rotifer London/Canterbury

Themsenstrandgut von der Metropole bis zur Mündung: Bier ohne Krone, Brot wie Watte und gesalzene Butter.

18. 3. 2015 - 20:39

Die andere unsichtbare Hand

Ein Gespräch mit Luke Harding, Guardian-Journalist und Autor des Buchs „The Snowden Files“ über Spione als nette Kerle und den digitalen Analphabetismus des Establishments.

Letzte Woche fuhr ich nach Colchester zur University of Essex, um mir dort den Vortrag des Guardian-Journalisten Luke Harding über sein voriges Jahr erschienenes, jetzt um ein neues Schlusskapitel erweitertes Buch „The Snowden Files“, zu deutsch Edward Snowden, Geschichte einer Weltaffäre, anzuhören.

Der Saal war übrigens prallst gefüllt mit Menschen aller Altersschichten, ganz entgegen der von - in Wahrheit bloß hoffnungslosen feigen - britischen Medien gern verbreiteten Behauptung, den Briten gehe die Schnüffelei eh am Arsch vorbei.

Anlass meiner Exkursion war ein Beitrag, den ich für ein "Ö1 Diagonal zur Person Edward Snowden", gesendet am vergangenen Samstag und bis diesen Samstag hier nachhörbar, machen sollte.

Und zwar über jenes schändliche Kapitel der Geschichte der britischen Demokratie, als im Sommer 2013 im Auftrag von David Camerons Regierung Geheimdienstbeamte ins Redaktionsgebäude des Guardian spazierten, um dort die amtlich befohlene Zerstörung jener Computer zu beaufsichtigen, auf deren Festplatten die Tageszeitung die von Snowden an sie weitergeleiteten Geheimdateien aufbewahrte.

Ich konnte es mir natürlich nicht verkneifen, Harding noch einige Fragen mehr zu diesem Themenkreis zu stellen. Zum Beispiel darüber, wie ein anonymer Hacker ihm beim Buchschreiben vor den eigenen Augen die Zeilen vom Bildschirm löschte. Und was eigentlich der Plan der britischen Regierung gewesen sein könnte. Wenn sie denn überhaupt einen hat.

Luke Harding

Robert Rotifer

Harding ist ein höchst glaubwürdiger, flüssiger Erzähler mit wachem Geist und schneller Zunge. Die Art von Typ, mit dem man redet und nachher selbst für den Rest des Tages dreimal so schnell wie sonst denkt. Was hier in Form einer übersetzten Abschrift folgt, passte in eine Viertelstunde Gesprächzeit.

Robert Rotifer

Luke Harding ringt mit seinem Pullover um die persönliche Freiheit (er gewann).

Sie waren ja selbst kein Zeuge der Zerstörung der Festplatten im Keller des Guardian-Gebäudes, aber alles wurde gefilmt:

Harding: Ich war nicht dabei, aber ich habe die Kolleg_innen interviewt, die die Computer zertrümmert haben, und ich habe mit den Spionen geredet, die das beaufsichtigt haben.

Sie haben die Leute vom GCHQ persönlich getroffen?

Harding: Ja, ich habe einen der Spione getroffen, und ich hatte lange Gespräche mit ihm darüber. Eigentlich ist er ein netter Kerl, aber die ganze Episode war, wie ich in meinem Buch schreibe, halb Stasi, halb Posse. Es war ein surrealer Moment, aber eigentlich auch ziemlich schockierend für jede_n, der oder die die Pressefreiheit schätzt.

Die offensichtliche Sinnlosigkeit dieses drakonischen Vorgehens war von Anfang an augenfällig. Es gibt ja die Verschwörungstheorie, dass Ihre Computer, obwohl sie nicht am Netz waren, schon vom GCHQ gehackt waren und es bei der Zerstörung in Wahrheit darum ging, die Spuren dieser Schnüffelei zu beseitigen.

Harding: Ich glaube, es hatte nichts damit zu tun, dass GCHQ auf unsere Computer Zugriff hatte. Es ging mehr darum, dass wir Sorge hatten, dass es die Anklage gegen Edward Snowden stärken könnte, falls es der britischen Regierung gelungen wäre, unsere Computer in die Finger zu kriegen. Sie hätten dann die Reise rekonstruieren können, die diese Daten vollzogen hatten. Zu diesem Zeitpunkt war Snowden bereits wegen Spionage angeklagt und saß in Moskau fest. Es war klar, dass ihm, wenn er je in die USA zurückkehren sollte, eine sehr langen Haftstrafe bevorstehen würde. Vor allen Dingen empfanden wir also eine Pflicht gegenüber Edward Snowden, unserer Quelle. Aber das wirklich Erstaunliche war das absurde Element daran. Es schien fast so, als verstünde Cameron das digitale moderne Zeitalter nicht und dachte, wenn man unsere Computer zerstörte, wäre das Problem gelöst. Wir hatten ganz klar gesagt, dass dieses Material in Berlin bei Laura Poitras, sowie in Rio bei Glenn Greenwald existierte und wir in Partnerschaft mit der New York Times arbeiteten. Uns dazu zu bringen, unsere Computer zu zerschlagen, würde unsere Berichterstattung nicht aufhalten. Was die Regierung aber schon erreichte, war, dass sie sich uns zum Feind machte. Ist doch allerhand: Eine westliche Demokratie im Jahre 2014, deren Regierung heimlich eine Zeitung unter Druck setzt und sie zwingt, ihre Computer zu zerstören. Wer hätte gedacht, das sowas passieren könnte?

Eines der ständig wiederkehrenden Themen in Ihrem Buch ist der digitale Analphabetismus der Regierung. Die Beamten, mit denen Sie zu tun hatten, wussten nicht, wie viele Dokumente von GCHQ gestohlen worden waren, und es schien sie nicht sonderlich zu konsternieren.

Harding: Die waren schon sehr betroffen über die undichte Stelle in ihrem Informationsnetz. Aber sie waren ahnungslos. Ein amerikanischer Vertragsbediensteter, der in Hawaii saß, hatte sich Zugang zu geheimem Material verschafft, das GCHQ mit den Amerikanern geteilt hatte. Er hatte dieses ganze Zeug gestohlen, und niemand war es aufgefallen. Das ist ja schon ziemlich bemerkenswert. Spione sollten ja eigentlich gut darin sein, Dinge herauszufinden, und dann haben sie ein Leck im Herz ihrer eigenen Organisation zu finden, und es war ihnen nicht einmal aufgefallen.

Die wahre Absurdität ist aber doch, dass es der Guardian war, dem man in Großbritannien die Gefährdung der Sicherheit des Landes vorwarf. Bis heute behaupten Politiker wie Malcolm Rifkind, Ihre Enthüllungen hätten den Terroristen genutzt. Niemand betrachtete das Bild von der logischen, anderen Seite: Wenn ein Angestellter einer privaten Vertragsfirma all diese Daten extrahieren kann, dann liegt das wahre Sicherheitsrisiko doch darin, dass diese Daten auf solche Weise von GCHQ und NSA erhoben und zusammengetragen werden. Noch dazu unter der Aufsicht digital analphabetischer Politiker_innen.

Harding: Das stimmt, aber da schwingt noch eine Hintergrundgeschichte mit. Als 9/11 passierte, fanden die amerikanischen Geheimdienstagenturen, dass sie untereinander nicht genug Information geteilt hatten, und dass es da draußen lose herumliegende Strohhalme gab, die niemand aufgehoben hatte. Also versuchten sie ein System zu erschaffen, wo die Agenturen miteinander sprechen und Informationen teilen könnten. Aber das Problem war, dass dieses in dieser Ära der Big Data unüberschaubare Ausmaße ausnahm. GCHQ teilte sogar Daten über die Verwaltung seines Wagenparks mit den Amerikanern. Streng geheime Dokumente, Rätsel aus der Monatsschrift, alles mögliche. Edward Snowden war ein Unfall, der irgendwann passieren musste. 750.000 Amerikaner_innen waren berechtigt, auf hochsensibles, vom GCHQ mit den USA getauschtes Material zuzugreifen. Nicht nur Vollangestellte der NSA, sondern auch Angestellte von Vertragspartnern wie Snowden. Das war eindeutig ein Versagen, von den Briten ebenso wie von den Amerikanern selbst. Wir wissen nicht, ob irgendjemand dafür entlassen oder bestraft wurde. Niemand sagt uns was.

Sie beschreiben in Ihrem Buch eindringlich die Atmosphäre innerhalb des Guardian, die Spannung, die in der Luft lag, sowohl während der Veröffentlichungen als auch nachher, als Sie die Repression der Staatsmacht zu spüren kriegten. Hatten Sie damals schlaflose Nächte?

Harding: Wir waren nicht schlaflos, aber wir arbeiteten gegen die Uhr. Ein kleines Team von uns arbeitete in unserem Geheimbunker auf dem vierten Stock des Guardian-Gebäudes, der rund um die Uhr von feisten Kerlen in Uniformen bewacht wurde. Unsere Computer waren nicht am Netz und nie vorher benützt worden, wir hatten die Fenster zutapeziert, damit niemand reinschauen konnte, aber wir hatten das Gefühl, dass früher oder später PC Plod (der sprichwörtliche britische Polizist) die Stiegen herauf poltern und uns eine gerichtliche Verfügung umhängen würde. Wir versuchten, mit der Regierung so offen wie möglich umzugehen, so wie wir es auch mit der Obama-Administration gehandhabt hatten, aber wir hatten es hier mit Leuten zu tun, die fanden, unsere Berichte seien nicht von öffentlichem Interesse. Sie fanden, die Spione hatten recht, wir sollten dieses Material nicht untersuchen und grundsätzlich überhaupt aufhören.

Glauben Sie, dass Großbritannien ein Sonderfall ist, weil es keine faschistische oder sonstige Diktatur erlebt hat und damit auf gewisse Weise naiver gegenüber dem Eindringen des Staates in persönliche Sphären ist? Schließlich ist Großbritannien als flächendeckender überwacht als irgendein anderes Land in Europa, und es gibt keinen nennenswerten öffentlichen Widerstand dagegen.

Harding: Ich glaube, der historische Kontext ist wichtig. Ich habe viele gute Freund_innen in Deutschland und in Österreich. Sie verstehen instinktiv, dass Privatsphäre was Wichtiges ist und dass Regierungen sich gut aber auch sehr schlecht benehmen können, und was für enorme Risiken es in einer Gesellschaft heraufbeschwört, wenn eine Regierung Zugang zu allen Daten hat. Die letzte Revolution bei uns Briten war im 17. Jahrhundert, sie war unblutig, und wir sind aus Gründen unserer geographischen Lage dem Nazi-Desaster entkommen. Wir haben ziemlich robuste Institutionen, aber in diesem Fall, wo es um Spionieren und Überwachung geht, haben sie versagt. Es gibt eine Ergebenheit gegenüber der Obrigkeit in der britischen Gesellschaft und eine generelle Akzeptanz dessen, was der Staat macht. Das waren die perfekten Voraussetzungen, um diese zutiefst antidemokratische Spioniererei im Geheimen zu etablieren, ohne je dafür zur Rede gestellt zu werden.

Sie beschreiben in Ihrem Buch die freundlichen Agenten des GCHQ, die mit der Löschdrossel im Rucksack im Redaktionsgebäude des Guardian vorbeikommen. Hatten Sie den Eindruck, dass diesen Leuten die Sinnlosigkeit ihrer Arbeit bewusst war?

Harding: Die Leute vom GCHQ sind intelligent, und sie wussten genau, was los war. Sie gehorchten politischen Befehlen. Natürlich wollten sie auch nicht, dass wir dieses Material dort liegen hatten, aber was ziemlich kurios war, war dass für jemand, der bei GCHQ arbeitet, Journalisten genau die Sorte Leute sind, die er nie trifft. Es war also ein bisschen wie zwei fremde Lebensformen, die einander vorsichtig beäugen. Aber seither habe ich auch andere pensionierte Leute vom GCHQ getroffen, und ich würde sagen, die sind anständig, patriotisch, keine schlechten Menschen. Wir erkennen ja auch an, dass es da draußen Bedrohungen und daher eine Rolle für Spione und Geheimdienste gibt. Aber was falsch gelaufen ist, ist dass niemand vor ein paar Jahren einmal einen Schritt zurück gemacht und sich mit ein wenig kritischer Distanz angeschaut hat, was da abgeht: Terroristen nachgehen ist eine Sache, aber Daten von Großmüttern in Graz oder von der ganzen Bevölkerung Deutschlands zu sammeln, ist das überhaupt effektiv, ist es verhältnismäßig, entspricht es der europäischen Menschenrechtskonvention, und was am wichtigsten ist: Funktioniert es überhaupt? Macht uns das sicher?

Allerdings, denn sie erwähnen ja auch, dass es gerade die Geheimdienste sind, die Hintertüren in die Verschlüsselungen einbauen. Wir wissen ja auch nicht, wie viele Snowdens es gibt, die ihren Zugang und ihr Wissen nicht für aktivistische, sondern einfach kriminelle Zwecke nutzen.

Harding: So ist es. Die Leute, die für die NSA arbeiten sind Staat-Hacker_innen, und wenn sie dasselbe privat machen würden, wäre das zutiefst illegal. Aber man muss sich fragen: Wenn die das können, können das nicht andere auch, die Russen, die Mafia, undsoweiter. Und Sie haben recht: Wenn man die Verschlüsselung schwächt, dann macht man für alle das Hacken leichter.

Sie haben erwähnt, dass eine unsichtbare Hand in ihrem Text herumzulöschen begann, während Sie Ihr Buch schrieben, obwohl sie strikt offline arbeiteten. Haben Sie irgendeinen Verdacht, wie das passieren konnte?

Harding: Ich kann es nicht beweisen, aber ich war in Rio auf Besuch bei Glenn Greenwald, und als ich ihn traf, mussten wir immer wieder den Ort wechseln, weil wir von jungen Männern verfolgt wurden, die sich sehr für unser Gespräch zu interessieren schienen. Ich nehme an, dass jemand in mein Hotelzimmer eingedrungen sein und mein Laptop manipuliert haben könnte. Ich habe nachher Erkundigungen angestellt, und man hat mir gesagt, dass ich ab dem Moment, wo jemand Zugang zu meiner Maschine hatte, nichts mehr dagegen machen kann.

Diese Leute können also ihr W-LAN aufdrehen, ohne dass sie es merken.

Harding: Ja. Ich habe zum Beispiel Jacob Applebaum getroffen, einen sehr berühmten Hacker/Security-Experten in Berlin, und der sagte: "Luke, das einzige, was sich abschaltet, wenn du dein W-LAN abdrehst, ist das Dreieck auf deinem Bildschirm. Du bist immer noch online. Du musst deinen Router abstecken und die Batterien rausnehmen. Und außerdem: Wenn irgendjemand Zugang zu deinem Laptop hatte, ist es sowieso vorbei." Ich hatte also diese Periode von sechs Wochen, wo von Zeit zu Zeit diese Dinge vorkamen. Es war eine der eigenartigsten Erfahrungen meines Lebens. Ich war gerade in Deutschland und hielt einen Vortrag über Überwachung und Snowden, und einer meiner Kollegen erwähnte gegenüber der Berliner Zetung, dass ich gehackt wurde. Sobald das in der deutschen Presse erschienen war, hörte es schlagartig auf. Ich weiß nicht, was da los war. Ich schrieb danach in einem Artikel im Guardian, dass ich gern wüsste, was diese Person von meinem Buch hielt. Ich würde mich freuen, wenn er oder sie mir einmal schreiben könnte. Manchmal denk ich mir einfach, das war irgendein 24-Jähriger in der NSA-Direktion mit seinen Füßen auf dem Schreibtisch, der furchtbar gelangweilt war, weil meine Beschattung sichtlich keine sehr aufregende Mission war. Und dann ärgerten ihn manche Dinge, die ich schrieb.

Was für Dinge denn?

Harding: Die mysteriösen Löschaktionen passierten üblicherweise, wenn ich was Böses über die NSA schrieb. Das erste Mal, wo es vorkam, hatte ich gerade geschrieben, dass ihre Aktivitäten Silicon Valley Milliarden und Abermilliarden Dollars gekostet hatten. Die Verbindungen der NSA zu Konzernen wie Apple oder Microsoft, die ihre Kundschaft mühevoll davon zu überzeugen versuchten, dass sie ihre Daten nicht weiterleiten, hatten schweren Schaden genommen. Das war ein besonders sensibles Thema. Aber ich weiß natürlich nicht, wer das machte. Ich weiß nur, dass ich in meiner Karriere schon oft gehackt wurde, zum Beispiel vom FSB in Russland, als ich der Bürochef des Guardian in Moskau war, das ist eine gängige Sache für amerikanische oder britische Korrespondenten. Obwohl ich weiß, dass der FSB in meinem Fall weiter ging. Ich weiß, dass die in meine Wohnung eingebrochen sind und dass sie diverse Überwachungsgeräte installiert haben. Ich ließ mich dann diesbezüglich von der britischen Botschaft beraten. 2011 wurde ich schließlich aus Russland deportiert. Ich habe also Erfahrung mit russischer Überwachung, die sehr demonstrativ ist. Und ich hatte auch Erfahrungen mit US/UK-Überwachung, und ehrlich gesagt, habe ich genug davon, ich wünschte, diese Typen könnten mich in Ruhe lassen. Gut, ich bin ein Aufdeckerjournalist, aber warum sollten die eigentlich sowas tun? Unsere Arbeit ist wichtig in einer demokratischen Gesellschaft, und es irritiert mich zutiefst, dass jemand meine Emails liest, meine Bewegungen analysiert und den Inhalt meines Buchs hackt.

Sie haben schon recht, es hat diesen Konzernen geschadet. Der Umstand, dass Google Glass so ein Flop war, hat letztendlich wohl mit Snowden zu tun, weil die Leute keine Lust hatten, die wandelnde Überwachungskamera zu spielen.

Harding: Das sollte man hoffen, aber alles deutet daraufhin, dass die Leute ihr Verhalten nicht besonders verändert haben. Anderseits, wenn man die Wahl dazwischen hat, zu wissen, dass die Geheimdienste das Mikrophon deines iPhone ferngesteuert aktivieren können, und es nicht zu wissen, würde man es immer noch lieber wissen. Insofern hat Snowden einen unschätzbaren Dienst geleistet, indem er diese Information an die Öffentlichkeit gebracht hat, damit die Leute ihre eigene Entscheidung darüber treffen können, wie sie damit umgehen. Sein berühmter Ratschlag war ja, das iPhone in einen Cocktail Shaker zu stecken. Ich habe jedenfalls mein eigenes Verhalten verändert. Ich habe immer noch ein iPhone, aber wenn ich einen heiklen Termin habe, halte ich mich an das, was meine Frau als die „Moskau-Regeln“ bezeichnet. In Russland, wo die Regierung so autoritär ist, haben die Journalisten routinemäßig die Batterien aus ihren Telefonen rausgenommen.

Aber beim iPhone geht das nicht.

Harding: Nein, ich lasse es einfach zurück. Wenn ich am Sonntag mit meiner Frau spazieren gehe, bleibt das iPhone zuhause. Und wenn ich eine Quelle treffe, dann deren Telefon auch.

Was aus Ihrem Buch nicht ganz klar wird, ist wie nun die Telefonfirmen und die großen Internet-Konzerne zur Überwachung stehen. Einerseits wird klar, dass sie für ihre Kooperation mit den Geheimdiensten bezahlt werden. Andererseits stellt sich zum Beispiel Google gern als Gegner der Überwachung dar, und wenn man einen neuen Firefox-Browser herunterlädt, wird der Schutz der Privatsphäre groß angepriesen. Ist das alles nur Täuschung, arbeiten diese Firmen heimlich enthusiastisch mit den Schnüfflern zusammen?

Harding: Wir haben das selbst nie definitiv feststellen können. Dem PRISM-Programm zufolge waren alle großen Silicon Valley-Firmen willige Partner der NSA und gaben ihre Daten weiter. Aber auf diese Enthüllung hin gab es einen Riesenaufschrei von Google & Co, die sagten: "Keineswegs, wir werden unter gerichtlicher Drohung dazu genötigt, dieses Material auszuhändigen, aber wir geben denen so wenig wie wir können." Das alles würde dann aber von einer Story der Washington Post hinfällig gemacht, die nachwies, dass die NSA ohnehin die Kabeln der Datenzentren anzapft, die Google und Yahoo verwenden. Es gibt also einen legalen Mechanismus und einen supra-legalen darüber hinaus, durch den sie ohnehin an diese Daten gelangen. Offen bleibt, ob die Internet-Konzerne willentlich kooperieren. Im Moment vermitteln sie den Eindruck, als täten sie das nicht. Oder nur so weit, wie sie müssen. Weil die Enthüllungen ihren Profiten geschadet haben. Und was immer für Wurzeln diese Gesellschaften in der Gegenkultur und der Tech Revolution der Sechziger und Siebziger haben mögen, am Ende geht es nur ums Geld.

Edward Snowden, die Geschichte einer Weltaffäre ist bei Edition Weltkiosk erschienen.

Oliver Stone dreht gerade in München eine Filmversion von Luke Hardings Buch, unter anderem mit Joseph Gordon-Levitt und Nicolas Cage.