Standort: fm4.ORF.at / Meldung: "Viva la Mopedrock!"

Andreas Gstettner-Brugger

Vertieft sich gern in elektronische Popmusik, Indiegeschrammel, gute Bücher und österreichische Musik.

19. 5. 2014 - 19:03

Viva la Mopedrock!

Liebe, Sex und Politik. Chanson, Punk und Pop. Alles vereint in "Virage", dem neuen Album der frankophilen Österreicher Mopedrock.

Es gibt Bands, in deren Sound und Attitüde man sich vom ersten Song an absolut verlieben kann.

Das gilt auch für Mopedrock, der französisch singenden Band aus Österreich, die mit dem herrlich dahin polternden Stück "Mme Beauvoir" ihr zweites Album eröffnen. Da dürfen die Gitarren legere geschlagen werden, das Schlagzeug darf ungestüm davon galoppieren und mit energischer Stimme wird von Liebe, Sex und Zärtlichkeit bei einem Verkleidungsspiel gesungen. Ein witziger, wilder und trotzdem charmanter Song, der weder aufgesetzt noch unnatürlich klingt. Hier werden einfach die Zügel des guten Indiepoppunk-Geschmacks von der ersten Sekunde an locker gelassen.

Die Sache mit der Liebe

Auf "Virage" dreht sich vieles um die Liebe in ihren verschiedensten Ausprägungen. Wer Mopedrock kennt, weiß, dass sich das Quartett meist einen ungewöhnlicheren Zugang zu diesem Thema sucht. Wie bei "L'Arrache-Bras", auf deutsch "Der Armausreißer". Texter und Sänger Jakob Ortis geht in dem Lied von der Phrase aus "Du hast mich verlassen und es fühlt sich an, als hättest du mir einen Arm ausgerissen" und setzt sie konsequent fort. Nach dem Arm sind nämlich Herz, Zunge, Augen, Füße und bald der ganze Rest dran. Untermalt wird dieses fast schon kannibalische Stück mit locker dahin schlenkerndem Groove und flockigen Gitarren, die hin und wieder recht gemein zupacken.

Albumcover "Virage" von Mopedrock

Mopedrock / Konkord Records

Ganz anders verhält es sich bei dem balladesken "Ce Monde-Là", eine zarte und wundervoll melancholische Nummer, in der einer Geliebten - dem gemeinen Alltag zum Trotz - eine konträre, wunderschöne Welt erbaut wird. Mit einem Himmel voller Geigen und Regenbögen, versteht sich. Und eines der Highlights der Platte, das poppige "Qui" beschreibt den Zustand, manchmal nicht zu wissen, wer da eigentlich vor einem steht und dass man oft versucht herauszufinden, wer hinter der Fassade eigentlich steckt. Es ist eine berührende und gleichzeitig auch hoffnungsvolle Nummer, die mit ihrem zweistimmigen Gesang den absolut schönsten Refrain der Platte stellt.

Auch das keck dahinhüpfende "Sous La Scène" hat mit der Anziehung zwischen Mann und Frau zu tun. Darin reagiert Nicoletta Hernández, die die Nummer solo singt, mit Subtilität und Augenzwinkern darauf, dass man ihr nach einem Gig gesagt hat, sie ziehe sich zu gewagt an. Mit Liebe hat das allerdings nichts mehr zu tun, dann schon eher mit einer Verteidigung.

Die Sache mit der Politik

Mopedrock live in Österreich!

  • 24. Mai: Das Werk beim Donaukanaltreiben, Wien
  • Im Juli: mit Luise Pop in Frohnleiten, Steiermark

Mopedrock nehmen sich kein Blatt vor den Mund. Manchmal werden ihre durchaus politischen Nachrichten in Metaphern versteckt, wie bei dem Kernstück von "Virage", dem Lied "Place De L´Étoile". In schwindelerregendem Tempo flitzen darin die Autos auf dem fünfspurigen Kreisverkehr des bekannten Pariser Platzes dahin, zu hektischem Gesang und Beat und zu der herrlich theatralischen Trompete von Richi Klammer. In der Mitte unter dem Triumphbogen steht Napoleon als Zeichen der Macht und Mopedrock fragen sich, wie man denn heute aus diesem ewigen Kreisverkehr ausbrechen könnte. Das "Heim-Musikvideo" dazu wurde passenderweise am Wiener Praterstern gedreht.

Konkreter wird es mit der politischen Message bei dem letzten Song von "Virage", dem zornigen "Là". Er thematisiert den Flüchtlingsstrom von Afrika nach Europa, die Tortouren, die diese Menschen durchmachen müssen, und endet mit einer unglaublichen Wut, mit der viele am Ende ihrer Kräfte alleine zurückbleiben.

"diese Schlepperbande
die mich wie einen Vagabunden behandelt
diese Übeltäter
die mich schlagen wie mein Vater
um mich abzulenken immer dasselbe Lied von
diesem Vian, der Deserteur
an der Grenze erwarten
mich Maschinenpistolen
alles was mir bleibt ist die Wut"

(Übersetzung aus "Là" von Mopedrock)

Bandfoto Mopedrock

Armin Rudelstorfer

In nur zwei Tagen haben Mopedrock all ihre Songs, die sie live eine Zeit lang erprobt haben, eingespielt. Deshalb rumpelt, kracht und zerrt es auf "Virage" gehörig. Aber genau deshalb funkelt auch das Album mit all seinen hübschen Melodien, dem unmittelbaren Charme und der unbändigen Energie. Immer wieder bringt einen das Quartett zum Schmunzeln, löst Freudengefühle aus, nie lässt es einen in schlechter Stimmung stecken. Liebevoll treten uns Mopedrock in den Hintern und spiegeln uns unsere kleinen Unzulänglichkeiten wider. Und manchmal schlagen sie auch gehörig auf den Tisch, wenn es um große Ungerechtigkeiten geht. Insofern ist "Virage" ein tief menschliches Album das obendrein unglaublich viel Spaß macht.