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11. 10. 2012 - 15:25

Pflegende Jugendliche

In Österreich pflegen 22.000 bis 25.000 Kinder und Jugendliche ihre Eltern, Großeltern oder andere Familienmitglieder. Eine neue Plattform bietet Informationen und die Möglichkeit, sich auszutauschen.

www.superhands.at - Information und Austausch für Kinder und Jugendliche, die Angehörige pflegen.

Aber auch für Betroffene, die keinen Internetzugang haben, hat man gedacht, für sie wird ab 5. November eine Hotline eingerichtet, an die sie sich mit Fragen oder Problemen wenden können.

In Österreich gibt es über 400.000 Pflegebedürftige – und ein Großteil davon werden zu Hause, also von den Familien gepflegt. Und diese pflegenden Familienangehörigen sind manchmal nicht einmal volljährig: Der Johanniter Pflegedienst macht darauf aufmerksam, dass es in Österreich 22.000 bis 25.000 Kinder und Jugendliche gibt, die Eltern, Großeltern oder andere Familienmitglieder pflegen. Und in einigen Fällen sind sie sogar alleine damit. Bisher gibt es darüber noch nicht einmal genauere Zahlen, da dieses Thema ein Tabu ist bzw. viel von dieser Pflege hinter verschlossenen Türen passiert.

Seit heute gibt es die Plattform superhands.at über die pflegende Kinder und Jugendliche Informationen und Pflegeanleitungen bekommen und über die sie sich austauschen können. Und die Plattform soll auch ein Bewusstsein für das Problem schaffen. Denn im Endeffekt wäre hier die Politik bzw. das Sozialministerium gefragt, diese Kinder und Jugendlichen zu unterstützen.

Anneliese Gottwald

Radio FM4

Anneliese Gottwald

Bei Robert Zikmund im Connected-Studio zu Gast war heute Anneliese Gottwald vom Johanniter Pflegedienst zu Gast.

In Österreich gibt es über 20 000 pflegende Kinder und Jugendliche, wie kann man sich das genau vorstellen, was sind die Aufgaben, die die übernehmen?

Wenn zB die Mutter Multiple Sklerose hat, dann helfen die Kinder in der Früh beim Aufstehen, beim Transfer n den Rollstuhl, beim Frühstück herrichten, richten eventuell noch das Mittagessen her, bevor sie in die Schule gehen. Sie holen Medikamente, bringen die Mutter Abends wieder ins Bett - so könnte ein Tagesablauf ausschauen.

Gibt es da auch wirklich Kinder, die mit diesen Aufgaben und dieser großen Verantwortung tatsächlich auch alleine sind?

Diese Kinder gibt es, wir haben Zahlen aus Deutschland, da wurde bereits eine Studie gemacht, in Österreich ist derzeit die Universität für Pflegewissenschaft dabei, diese Zahlen zu erheben ...

Wie kann das denn überhaupt passieren, dass Minderjährige mit der Pflege allein gelassen werden. Wenn jetzt zB eine alleinerziehende Mutter schwer erkrankt, gibt es da nicht Institutionen die da einschreiten, um zu verhindern, dass das Kind die Pflege allein übernehmen muss?

Das gibt es sicher, aber man muss sich das so vorstellen, dass Kinder in diese Situation hineinwachsen und für sie diese Welt dann die normale Welt wird, in der sie leben - auch mit der Angst leben, den Elternteil zu verlieren, wenn der ins Krankenhaus muss oder Ähnliches. Das wird eine ganz enge Beziehung, wo keiner den Anderen verlassen will und der Blick nach Außen verschwindet.

Wenn man als Familie einen Großmutter oder Großvater im Familienverband pflegt, so ist das ja schon eine ziemliche Herausforderung. Wenn man sich nun vorstellt, dass ein Kind alleine oder mit Geschwistern einen Elternteil pflegt, das ist ja auch eine große psychische Belastung. Wie gehen denn die Kinder und Jugendlichen damit um?

Wir haben Kontakt mit dem einen oder anderen Erwachsenen, der als Jugendlicher in so einer Situation war und dann später in Therapie gegangen ist, weil diese Erfahrungen natürlich sehr drastisch sind. Die entdecken dann, dass ihnen ein Stück Kind sein, ein Stück Jugendlichsein genommen wurde. Es wird sicher Menschen geben, die seelische oder auch körperliche - durch zB häufiges und schweres Heben und Tragen - Schäden davontragen.