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Christiane Rösinger Berlin

Ist Musikerin (Lassie Singers, Britta) und Autorin. Sie schreibt aus dem Leben der Lo-Fi Boheme.

15. 9. 2012 - 16:03

New York 2012

Bei einem Städteurlaub denkt und lebt man doch immer alle anderen vorherigen Besuche der Stadt mit.

Die letzten zehn Jahre hatte ich mich eigentlich für fast alle Weltgegenden mehr interessiert als für die USA. Und trotz meiner New-York-Begeisterung bei meinen Besuchen vor zwanzig und fünfzehn Jahren und zuletzt im Jahr 2000, war New York längst nicht mehr der Sehnsuchtsort, der er früher einmal war. Was hatten die Berliner in den Achtzigern und Neunzigern von New York geschwärmt: Die Lower East Side! Die Kunstszene! Das CBGB! Sonic Youth! Der einzige Ort außerhalb Berlins, an dem man unter Umständen leben könnte!

Dann schien es in Berlin lange Zeit viel freier und verrückter zuzugehen als woanders und die Jugend der Welt kam eh nach Berlin. So legte man sich als Ureinwohner der neuen Trendbezirke, ständig ungewollt mit irgendwelchen nervigen amerikanisch-kunstaffinen Lifestyle-Touristen konfrontiert, einen milden Antiamerikanismus zu. Und der fällt erfreulicherweise sofort von einem ab, wenn man mit den "normalen" New Yorkern, also denen abseits von Kunst- oder Kulturzusammenhängen der "creative class" zu tun hat. Schon bei der Ankunft am Flughafen JFK ist alles wieder toll und spannend, sieht alles wie im Film aus. Das beschwingte Durcheinander am Taxiwartestand, die hip-hop-artige Choreographie der Disponenten, das kleine Häuflein der chassidischen Juden, die sich die Wartezeit in der Schlange singend und mit ausgelassenen Schreit- und Hopstänzen vertreiben.

Washington Square Park

Christiane Rösinger

Washington Square Park
Park mit Besuchern und Eichhörnchen

Christiane Rösinger

Dort, wo heute die Eichhörnchenplage grassiert, wurde früher exekutiert und exerziert. Manche der alten Bäume sollen damals schon zum Aufknüpfen benutzt worden sein.

Wer mit einer angeborenen Orientierungslosigkeit und fehlendem Richtungssinn gesegnet ist, und zur Tagträumerei neigt, kann sich auch in einer so übersichtlich angelegten Stadt wie New York immer wieder verlaufen. Einmal in ein interessantes Geschäft gegangen oder die Straßenseite gewechselt ist die mühsam eingeprägte Wegstrecke (immer geradeaus den Broadway runter bis zum Woolworth Gebäude) dahin.

Das hat den Vorteil, dass man immer wieder Gelegenheit hat Kontakt mit der New Yorker Bevölkerung aufzunehmen und sich an ihrem gutmütigen Spott gepaart mit großer Hilfsbereitschaft zu erfreuen. Es gehört ja nun wirklich nicht viel dazu die Berliner Freundlichkeit zu übertreffen, aber es ist doch immer wieder erstaunlich, wie nett der Umgangston unter Menschen im täglichen Miteinander so sein kann.

Andererseits ist der Servicegedanke hier manchmal fast zu weit fortgeschritten. An das übereuphorische "Have a nice one!" kann man sich ja noch gewöhnen, aber nicht daran, dass die schlecht bezahlten Starbucks-Mitarbeiter nach dem herzlichen Lachen über meine Versprecher und das endgültige Scheitern an den Bandwurmkaffeesortennamen betonen müssen, sie wären ja nur dazu da, mir persönlich behilflich zu sein. Da freut man sich, wenn man beim Schuhekaufen auch mal an eine teilnahmslose Verkäuferin gerät, die trotz der Wahrung des Höflichkeitsstandards eine gewisse Verachtung spüren lässt.

Das Wohltuende an so einem wiederholten Städtebesuch ist ja, dass der Druck entfällt, sich alles anschauen zu müssen, weil man ja schon fast überall war. Fast überall. Ground Zero gab es ja 2000 noch nicht und am 11. September 2012 sieht man auch nicht viel mehr als eine große umzäunte Baustelle. Auch Brooklyn stand auf der to-do-Liste, aber dann kam ein taz-Artikel dazwischen, in dem Brooklyn als der Prenzlauer Berg New Yorks bezeichnet wurde. Eine zu diesem Vergleich befragte Einheimische warf das schöne Bonmot von den "Stroller-Nazis" in die Runde, so würden die allzu selbstbewussten Park-Slope Mütter von Brooklyn genannt.

Washington Mews

Christiane Rösinger

Die Washington Mews, eigentlich eine Reihe von Stallungen, die zu den Herrenhäusern am berühmten Hinrichtungs-und Exerzierplatz Wahington Square gehören.
Washington Mews

Christiane Rösinger

Man beachte das historische Eisenstück über dem Haus rechts, da wurde angeblich das Heu für die Pferde herunter gelassen.

Am letzten Tag unseres New-York-Besuchs muss noch der Auftritt absolviert werden - deshalb sind wir ja da - aufgrund der Einladung des "Deutschen Hauses", einer Kultureinrichtung an der New York University. Das "Deutsche Haus" liegt ganz idyllisch in den Washington Mews, einer kleinen Straße direkt am Washington Park mit alten einstöckigen Häusern. Ursprünglich waren das die Stallungen der Herrenhäuser, die rund um den alten Hinrichtungs- und Exerzierplatz Washington Square gebaut wurden. Später, so um 1920, richteten dann New Yorker Maler und Bildhauer dort ihre Ateliers ein. Wir sollen hier beim Sommerfest im Garten ein paar Songs spielen.

Auftritt beim Sommerfest im Deutschen Haus

Christiane Rösinger

Auftritt beim Sommerfest im Deutschen Haus

Der Auftritt im Deutschen Haus ist natürlich ein ganz anderer als der, den man sich in den Neunzigern mit der Band in einem New Yorker Punkschuppen erträumt hätte. Und trotzdem könnten wir es nicht besser getroffen haben. Wer nach den vielen Tourjahren, die ja wie das Lebensalter von Hunden mal 7 genommen werden müssen, des Punk- und Indie-Rock-Getues samt seiner einspeisten Ranzigkeit und ewigen Burschenherrlichkeit und des unerträglichen Männerüberschusses müde ist, freut sich, in so einem denkwürdigen Ambiente, in den Gärten der Washington Mews, ein Konzert vor sprachinteressierten Menschen geben zu können. Und auf das hinterher Rumstehen und Trinken Gehen in der letzten Bar Manhattans, in der man noch rauchen darf.