Erstellt am: 13. 6. 2012 - 19:51 Uhr
Mett, das asoziale Tatar
Mett spielt eine zentrale Rolle in Jasmin Ramadans neuem Roman. Mett, für die Feinschmecker, die es nicht wissen, ist nichts anderes als rohes Schweinefleisch – mit sehr vielen Zwiebeln.
Man müsse das unbedingt am Tag der Herstellung verzehren, erklärt Jasmin Ramadan, die das als Kind sehr oft gegessen hat. "Meine Oma war großer Fan davon. Es ist auch ein typisches Bauarbeiterfrühstück. Ein Bierchen und ein Mettbrötchen – also rohes Schweinefleisch mit Zwiebeln. Schön viel Salz – tschack - auf ein halbes Weißbrötchen. Das ist quasi das asoziale Tatar."

klett-cotta verlag
Auch Stine, die Protagonistin in Ramadans neuem Roman, muss viel Mett essen und noch mehr verkaufen – in der Imbissbude des Vaters. Der hat sich damit seinen Traum verwirklicht. Die Träume von Stine schauen allerdings anders aus. Aber auf die wird in ihrer Familie wenig Wert gelegt. Da wäre Reiner, der Vater, der ganz in seinem Mettparadies aufgeht, daneben die Stiefmutter, eine passionierte Trinkerin und Bauchtänzerin, und dann gibt’s noch die Tante, eine exzentrische Lesbe. In diesem feucht-fröhlichen Umfeld wächst Stine heran, recht derb und prollig, aber dennoch mit viel Liebe – denn trotz aller Fehler, Ausrutschern und Vergehen hält die Familie zusammen. "Blut ist stärker als Schnaps" heißt es da, aber würde so viel Blut wie Schnaps fließen, wären sie längst alle gestorben …
Jasmin Ramadan lebt in Hamburg. Ihre Mutter ist Deutsche, ihr Vater Ägypter. 2009 gelang ihr mit ihrem Debüt Soul Kitchen zum gleichnamigen Kino-Hit von Fatih Akin ein Überraschungserfolg.
Trotzdem wundert man sich, warum Stine in diesem Biotop aus Schnaps und Mettwurst bleibt.
"Für mich war wichtig, dass sie an ihrer Familie wächst. Ich glaube nicht, dass es die Lösung ist zu flüchten – in eine Subkultur. Das wird einem ja immer so ein bisschen vorgegaukelt. Sondern ich glaube man muss lernen an der Familie zu wachsen und dann schafft man den Absprung."
Alles hinter sich zu lassen würde nichts bringen, glaubt Jasmin Ramadan, denn die erste große Liebe im Leben sei die Familie. Egal, wie das alles laufe, müsse man sich auf irgendeine Weise mit der Familie arrangieren und als Teil seiner selbst verstehen. „Das wird immer ein Teil von einem bleiben, selbst wenn es richtig mies anfängt.“

© Ali Yavani
Toleranz wird in dieser Familie und in Stines Freundeskreis jedenfalls groß geschrieben. "Geh deinen Weg" ist eine der Botschaften des Buches. Jasmin Ramadan ist überzeugt, dass jeder Mensch exzentrisch und schräg ist. Und dass man nur glücklich wird, wenn man der Mensch wird, der man eigentlich schon ist. "Damit eckt man dann meistens an, wenn man nicht mit dem Strom schwimmt wie die Fische", aber besser man ist das Schwein unter den Fischen.
Stine sucht also ihren Weg – der ist natürlich weder klar noch einfach und auf diesem Weg trifft sie einige komische und auch interessante Typen. Dabei ist Stine eine der coolen Mädchenfiguren, die Jasmin Ramadan in der Literatur gefehlt hat – eine alternative Heldin. "Eigentlich ist sie ja auch ganz unsicher und so, aber auch nicht das typische Mädchen, das jetzt so Medienfrauenbildern hinterher rennt."
Jasmin Ramadan erzählt viel und schnell – manches wirkt nur angedacht, manches völlig überdreht und manches ist schlicht unglaubwürdig. Sie will vor allem eines: Unterhalten. "Ich halte das auch für eine hohe Qualität, wenn die Unterhaltung groß ist – denn die Alternative ist Langeweile. Ich finde es immer sehr schade, dass Unterhaltungsromane immer so in eine Schublade gesteckt werden. Es wird oft gleichgesetzt mit Trivialliteratur. Und das sehe ich überhaupt nicht so. Unterhaltsamkeit finde ich erst mal unglaublich wichtig."
Jasmin Ramadan liest am Donnerstag,14. Juni in der Hauptbücherei in Wien. Beginn ist um 19 Uhr.
Der Eintritt ist frei.
Unterhaltsam könnte die Verfilmung von "Das Schwein unter den Fischen" sein, liest sich das Buch doch wie eine Filmvorlage: schnelle Szenen, viele Dialoge. Filme sind es auch, die Jasmin Ramadan inspirieren und dort findet sie auch ihre Vorbilder. Bei Woody Allen etwa oder Tim Burton. "Ich halte es auch für eine Kunst, mit wenigen Worten gute Bilder zu erzeugen. Und ich will die Fantasie des Lesers anregen und nicht im Detail langatmig beschreiben."