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Zita Bereuter

Gestalten und Gestaltung. Büchereien und andere Sammelsurien.

27. 4. 2012 - 13:46

Reportagen

Ein Schweizer Magazin lässt die Königsdisziplin des Journalismus hochleben. Und es lebt sehr schön und gut.

Es ist ein weißes Heft im handlichen A5 Format, in Leinen gebunden. Das Cover besteht nur aus Typographie: es zeigt die Überschriften und AutorInnen der meist sechs bis acht Reportagen pro Heft. Schwarz mit jeweils einer Schmuckfarbe: Die erste Ausgabe war orange, dann grün, violett, jetzt rot. Diese Farbe zieht sich dann durch das Heft: als Trennseiten, für Überschriften, für Illustrationen. Fotos fehlen gänzlich. Der Fokus liegt auf dem Text.

vier Augaben der "Reportagen"

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"Mit dem Magazin Reportagen wollen wir wahre Geschichten aus der ganzen Welt erzählen", erklärt Daniel Puntas Bernet, Gründer von Reportagen, das einfache Konzept. Es sind Geschichten, die hängen bleiben: von dem Mann, der nach dem Tsunami drei Tage auf seinem Hausdach über den Ozean trieb oder von den Hunderttausenden, die auf einem Friedhof in Manila leben, oder von dem Mann, der seine eigene Kathedrale aus Schutt und Schrott baut.

Hand blättert durch Buch

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Geschrieben werden die Reportagen von AutorInnen und ReporterInnen wie Erwin Koch, Linus Reichlin oder Sibylle Berg. Für Sibylle Berg liegt der Reiz von Reportagen darin, dass ein Thema vorgegeben ist. "Dann hast du einen Rahmen und musst dir nicht den ganzen Mist selbst ausdenken." Außerdem sei es gut, wenn man immer wieder mal raus müsse, um einen Realitätsabgleich zu machen, "wenn du nur zu Hause bist und dir was ausdenkst, siehe Grass, dann kommt die Welt ein bisschen schief."

schöne Weltkarten-Grafik

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Auf der ersten Seite werden die Destinationen der Reportagen gezeigt.

Der Beginn der Reportage:
"Kibbuz der Kauze" von Sibylle Berg

Für die dritte Ausgabe hat Sibylle Berg den weniger bekannten Norden Israels bereist. Sie wollte "weg von dem ganzen Militärscheiß und schauen, was ist da noch an normalem Leben vorhanden." Und so trifft sie auf "ganz normale verrückte Menschen". Aussteiger und Deutsche, die allen Ernstes Gasschutzanlagen an Israelis verkaufen.
Für die kommende Ausgabe hat Sibylle Berg eine Kreuzfahrt mit der Costa gemacht, "weil ich verstehen wollte, warum tun Menschen das freiwillig". Eine Erklärung habe sie auch gefunden, lacht sie: "Weil sie blöd sind."

"Reportagen"-Rücken

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Das ist natürlich subjektiv und so müssen Reportagen auch sein, meint Sibylle Berg: "Der Objektivitätsanspruch von Reportagen ist natürlich Bullshit. Es ist nie irgendwas objektiv. Es ist auch ein knallharter Wirtschaftsreport nicht objektiv. Das kann es nicht sein. Es gibt zu viele Facetten auf der Welt. Du kannst nie eine allgemeingültige Wahrheit verkünden." Reportagen seien meistens Unterhaltung und als solche sollten sie gekennzeichnet werden.

Grafik zu Schweinefleischkonsum in klassischer Grafikform: stilisierte Schweine in verschiedenen Größen zur Visualisierung von Größenverhältnissen

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Vereinzelte Infografik

Das Magazin bietet auch jeweils eine historische Reportage, etwa von Truman Capote, Mark Twain oder George Orwell und berichtet auch von Geschichten, die keine sind.
Daniel Puntas Bernet habe als Journalist selbst oft erlebt, wie viele Lügen in Zeitungen stehen und wie viele Geschichten nur ausgedacht seien. Und so liest man unter der Rubrik "Keine Geschichte" von vermeintlichen Geschichten, die nicht zur Reportage taugen. Motive dafür gibt es viele, erzählt Daniel Puntas Bernet. Weil sich die Geschichte als Lüge entpuppt, weil Protagonisten plötzlich einen Rückzieher machen oder weil die Zeitungsmacher Angst haben, Werbekunden zu verlieren. Gerade diese Rubrik "Keine Geschichte" lässt viel Raum zum Nachdenken.

schönes Buch

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Detailverliebte Typographie

"Reportagen" ist erhältlich in Bahnhofsbuchhandlungen und auf www.reportagen.com

Einziger Wehrmutstropfen von "Reportagen" ist der Preis. Mit 15 Euro pro Ausgabe liegt der mitunter höher als bei einem Taschenbuch. Daniel Puntas Bernet sieht das locker. Schließlich bekomme man mehrere gute Geschichten und das sei nicht bei jedem Taschenbuch so und echte Qualität habe eben ihren Preis. Und da hat er Recht.