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Martin Pieper

radio FM4

Martin Pieper

Ist Moderator und Chefredakteur von seinem Lieblingssender. Hat sein Hobby zum Beruf gemacht.

17. 11. 2011 - 19:24

Very U.N.H.A.P.P.Y.

Thomas „Tomtschek“ Seidl ist tot.

Es hat sich schnell herumgesprochen: „Der Tomtschek“ ist im Urlaub tödlich verunglückt. Und niemand will es glauben. Thomas Seidl, wie Tomtschek mit bürgerlichen Namen heißt, hat mich und so viele andere seit Jahren mit der unermüdlichen Arbeit an seinem Gesamt-Club-Kunstwerk H.A.P.P.Y. zum Lachen und Tanzen verführt. Und das in Wien, wo Cool-Sein, und Unbeteiligtheit zum Standardrepertoire der Ausgehwilligen nach wie vor zum guten Ton gehören.

Seit Tomtschek Anfang der 90er Jahre die ehemalige New-Wave-Hütte Blue Box erstmals mit H.O.U.S.E. und H.A.P.P.Y. beglückte, hat er mit stets wachsender Anhängerschaft die Wände der subkulturellen Stämme zum Einsturz gebracht. Indies und Kunstis, Homos und Heteros, Liebe und Liebe zum Trash, unter der grundgütigen Hostessenschaft von Tomtschek schien plötzlich alles möglich. Und das war hochgradig ansteckend.

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Die gesamte H.A.P.P.Y. Geschichte der ersten 10 Jahre kann man Prachtband „HaareAmPoPoYeah“ der zum damaligen Jubiläum erschienen ist nachlesen.

Mentor Tomtschek und die H.A.P.P.Y. Bande - in ihren wechselnden Besetzungen, bis heute ein Netzwerk der liebenswertesten Menschen - ist alsbald ins WUK übersiedelt, die Parties wurden fetter und elaborierter. Kein Plüschfetzen aus dem 1 Euro-Shop war vor dem begnadeten Bastler, Handwerker und Schneider Tomtschek sicher.

Die regelmäßige Mitmach-Serie „S.O.A.P. - Tür auf Tür zu“ lief bis zuletzt mit großem Erfolg im WUK, mit Theater im weitesten Sinne (gar nicht zu reden von den ausufernden Filmprojekten) hat er sich immer beschäftigt. Das „schlechteste Musical der Welt“ („Lagerhouse“) hat es bis zum renommierten Donaufestival geschafft. Dann waren noch Aktionen und Projekte wie das Kuchenloch, die Happy Gazetti, das Gürteltier und so vieles mehr. Tomtschek war eine der unermüdlichen Ideenschleudern dieser Stadt.

Als FM4 in seiner Gründungsphase einen Moderator für La Boum de Luxe gesucht hat, fiel die Wahl fast automatisch auf Tomtschek, der die dogmatische Techno-Szene mit seiner gesunden Lust am Danebenen infizierte. Selbst die härtesten Gabba-Burschen im Studio hat er mit seinem Humor und Charme im Griff. Und falls einmal wieder eine Horde New Yorker Voguing-Tänzer zu Gast war, war Tomtschek sowieso in seinem Element.

Ich und alle anderen, die die Ehre hatten mit ihm zu tun zu haben, werden ihn vermissen, aber nicht vergessen. An die nächste Regenbogenparade, vielleicht ohne H.A.P.P.Y. Fußgruppe mag ich gar nicht denken.