Erstellt am: 9. 11. 2011 - 17:28 Uhr
Der Beginn des Holocausts
"In der Nacht vom 9. zum 10. November brannten allein in Wien 42 Synagogen und jüdische Betshäuser, es wurden zahllose jüdische Geschäfte und Wohnungen zerstört, geplündert und beschlagnahmt. Es wurden 6547 Juden verhaftet und ein Großteil davon ins Konzentrationslager Dachau verschickt." So beschreibt Cenk Günak von der Initiative Aspangbahnhof die Novemberpogrome von 1938, die später verharmlosend und zynisch
Zur Begriffsgeschichte der Novemberpogrome siehe hier.
"(Reichs-)Kristallnacht" genannt wurden. In der "Reichskristallnacht" ging nicht nur Glas zu Bruch, die Pogrome kosteten vielen Menschen das Leben.
Laut NS-Propaganda waren die Novemberpogrome ein legitimer und spontaner Zornesausbruch der deutschen Bevölkerung gegenüber den jüdischen MitbürgerInnen, ausgelöst durch die Ermordung des deutschen Diplomaten Ernst Eduard vom Rath durch den polnischen Juden Herschel Grynszpan. Doch die Pogrome waren von langer Hand geplant, von höchsten NS-Stellen angeordnet und großteils von SA-Mitgliedern in Zivil durchgeführt.

APA
Für die Pogrome in Wien etwa lässt sich die Befehlskette eindeutig rekonstruieren. Der Wiener Gauleiter Odilo Globocnik war am 9. November in München, wo Joseph Goebbels, der oberste NS-Propagandist indirekt, aber unmissverständlich zu Aktionen gegen Juden und jüdisches Eigentum aufrief. Kurz darauf gab Globocnik telefonisch den Befehl zu Pogromen in Wien.
Wien als Hauptstadt des Antisemitismus
Die Pogrome in Wien nahmen dann aber noch schrecklichere Ausmaße an, als in anderen Städten des damaligen Deutschen Reichs. In Wien waren sie nämlich nicht nur eine von oben befohlene und gelenkte Parteiaktion der NSDAP, sondern zugleich ein von unten losbrechender privater Raubzug. Teile der Wiener Bevölkerung waren aktiv an Ausschreitungen, Denunziationen, Misshandlungen und Plünderungen beteiligt. Erst nach fünf Tagen klangen die Pogrome langsam aus.
Warum sich WienerInnen im Gegensatz zu EinwohnerInnen anderer Städte aktiv am Pogrom beteiligt haben, ist nicht ganz einfach zu erklären. Einerseits mag es daran liegen, dass Österreich damals erst ein halbes Jahre Teil des Nazi-Deutschlands war und die systematische Diskriminierung der Juden dadurch umso heftiger auf die Betroffenen hereinbrach. Andererseits war Wien schon zu Jahrhundertwende "eine Hauptstadt des Antisemitismus", wie Cenk Günak meint. "Wenn man bedenkt, dass in diesem Wien der junge Adolf Hitler mit seinen ersten antisemitischen Schriften in Berührung gekommen ist, wenn man bedenkt, dass in dieser Zeit ein Dr. Karl Lueger Bürgermeister war, der aus seinem aggressiven Antisemitismus keinen Hehl machte. Der Antisemitismus in Wien war besonders verankert, auch in der Bevölkerung. Das ist sicherlich ein Hauptgrund dafür, warum in Wien die Pogrome besonders heftig vonstatten gehen konnten."
Novemberpogrome als Hauptstation auf dem Weg zur Shoah

Otto Normalverbraucher CC
Die Novemberpogrome waren für den NS-Staat eine Vorbereitung für die Enteignung der jüdischen Bevölkerung und eine Hauptstation auf dem Weg zum geplanten Völkermord. Da kein Widerstand von der Zivilbevölkerung eingesetzt hatte, konnte man zur Tat übergehen. Jüdischer Besitz wurde beschlagnahmt, Juden und Jüdinnen in Lagern gesammelt und schließlich in Konzentrations- und Vernichtungslager deportiert, nach Sobibor, Treblinka und Auschwitz. Bis zum Oktober 1942 fanden die Deportationen in die Lager vom Wiener Aspangbahnhof aus statt. Mehr als drei Viertel der 65.000 österrreichischen Juden, die in den KZs und Vernichtungslagern umgekommen sind, sind von dort aus deportiert worden, zuerst in Personenwaggons der 3. Klasse, dann in Viehwaggons.
Den Aspangbahnhof gibt es seit 1977 nicht mehr. An seiner Stelle im dritten Wiener Bezirk steht seit 1983 ein Gedenkstein, angebracht von einer Privatperson.
Die Kundgebung beginnt heute um 18:00 am Platz der Opfer der Deportation. Neben der Mahnwache und einigen Redebeiträgen wird das "Klezmer Ensemble Scholem Alejchem" jiddische Widerstandslieder vortragen.
Seit 1994 hält die Initiative Aspangbahnhof dort eine Gedenkveranstaltung für die Opfer der Deportation ab. Ein Jahr später wurde der Platz des ehemaligen Aspangbahnhofs auch in "Platz der Opfer der Deportation" umbenannt.
Cenk Günak sagt, die Menschen sollen nicht nur zur Veranstaltung kommen, um sich an die Ereignisse vor 73 Jahren in dieser Stadt zu erinnern, sondern auch, um aus ihnen Lehren für die Gegenwart und die Zukunft zu ziehen. "Alltäglich gibt es Rassismus, Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit in Wien. Dem entgegenzutreten soll auch Teil dieser Kundgebung sein."