Erstellt am: 31. 10. 2011 - 14:31 Uhr
Wien bei Nacht
Eine Gruft im Stadtpark hat sich letzten Freitag geöffnet und den Geist und die Geister unvergessener, verschwitzter Party-Nächte belebt. Der Con:verse Club der zu Recht hoch verehrten, seit 2002 geschlossenen Meierei ist aus der Versenkung zurück gekehrt und hat mit seinen wichtigsten Protagonisten wie Kruder & Dorfmeister die Pratersauna heimgesucht. Damit ist die ist die Wiener Partyfackel offiziell übergeben worden, die Sauna-Landschaft im zweiten Bezirk als legitime Nachfolgerin ernannt. Und das, obwohl einige nach wie vor sehr motivierte Meierei-Stammgäste im Gegensatz zu internationalen Szene-Fibeln nichts mit den Erben anfangen können. Das ist schade, denn diese unprätentiösen Gesprächs- und TanzpartnerInnen fehlen.

batesman
Zwischen Meierei und Pratersauna liegen fast zehn Jahre Wiener Clubkultur, die sich nach dem Ende der Stadtpark-Institution und dem Brand der Sophiensäle bis auf wenige Ausnahmen wie das Flex, Roxy, Camera Club… neu erfunden hat. Nennenswert war einzig der mutige Fokus auf die stiefkindlich behandelten Partytage – Sonntag, Montag und Dienstag: Soul Sugar, Dub Club und Crazy verlängerten die dünnen Wochenenden. Der Beginn dieser Dekade war langweilig, das Ausgeh-Angebot mit einem Auge überschaubar und stark segmentiert.
Motor Tristesse
Rückblickend war diese - verglichen mit heute - Tristesse vielleicht der Motor, der jetzt die Lichter in den Clubs kaum noch angehen lässt. Den finalen Party-Killswitch bestimmt nun eher der Körper, weniger die Veranstalter. 24-Stunden-U-Bahn, Sperrstundenaufhebung und ein feierphiles Publikum machen es möglich.

Fluc
Zwischen Fadesse, Schicki-mickis und Streifenleiberl hat sich ab 2002 eine DIY-Szene formiert, allen voran um das Fluc, das den Praterstern erstmals auf den Radar der Nachtschwärmer gesetzt hat. Die niederschwelligen „fluctuated rooms“ von Martin Wagner und Stefan Parnreiter bespielten auch schon bald das für Veranstaltungen mittlerweile wieder geschlossene Planetarium, das bis vor einem Jahr zusammen mit dem Fluc, der Pratersauna und dem Blue Banana den Praterstern zum oft zitierten Partystern veredelt hat.

Florian Wieser
Die Rückkehr zum Beton war charmant, erfrischend und notwendig nach dem loungigen Kuschelkurs der späten Neunziger. Spartanisch klingt auch der musikalische Status Quo dieser Jahre - Minimal Techno: Icke Micke hör dir trapsen. Wien-Berlin-Bobo-Theorien, das war der Small-Talk der noch nicht aperol-kontaminierten, "Ich-mach-auch-was-mit-Medien"-Gäste der Künstlerhauspassage, deren lo-fi-Bunker-Atmosphäre für viele Besucher den kreativen Selbstversuch in der Clubszene nahe legte, wenn man nicht schon längst infiziert war.
Die "Glücksritter"
"Glücksritter" nennt Claus Prechtl aka DJ Lazy Mason die Jungspunde, die sich im Wiener Nachtleben als DJs und Veranstalter ihre Sporen verdienen wollen. Seit 2005 ist die Zahl der ambitionierten Partychecker ständig gestiegen, ihre musikalische, hedonistische und ökonomische Erfahrung befruchtet die Dancefloors und treibt schillernde Blüten.
Claus Prechtl ist seit langer Zeit aktiv in der Szene unterwegs. Früher war er Veranstalter in der oben erwähnten Meierei, seit acht Jahren freut er sich über internationale Gäste und ein sehr leiwandes Publikum bei seinen The Loud Minority-Partys. Gestartet im Europa Hinterzimmer, bespielen TLM sowohl musikalisch als auch location-technisch flexibel wie kein anderer Club die Stadt: Roxy, Volksgarten Pavillon, Pratersauna, Porgy&Bess, WUK,… die Liste ist lang und doch hat sich das TLM-Kollektiv nun eine kleine Homebase in Form einer Galerie am Burgring geschaffen. Dort gibt es neben Kunst auch auf 300 Stück limitierte 7-Inches zu kaufen. Gerade eben ist der erste Vinyl-Solo-Release von Sixtus Preiss auf TLM-Records erschienen, der normalerweise seine Effektgeräte unter dem Dach der Affine-Community herzt.

The Loud Minority
Doch nicht nur TLM, auch die Praterei hat ein Faible für schwarze Kleinode Marke Eigenbau. In unregelmäßigen Abständen veröffentlichen sie White-Labels der Musiker, die bei ihren Partys aufgetreten sind. Dass Clubkultur nicht mehr dem flüchtigen Moment der Nacht vorbehalten bleibt, ist vor allem Social-Media-Netzwerken geschuldet. Facebook, das billigste und noch immer effektive PR-Tool der Veranstalter bindet das Publikum noch stärker an den Club. Man vernetzt sich, man kennt sich, man ist immer up-to-date. Die Szene ist transparenter geworden, Haare raufend erinnert man sich an die elitäre Geheimniskrämerei der Neunziger Jahre, die schon im Plattenladen angefangen hat - zum Leidwesen der Hobby-DJs.
Digitale Distributionsmöglichkeiten
Das ist nun anders und das ist gut. Claus Prechtl vermutet, dass die digitalen Distributionsmöglichkeiten und der easy DJ-Access via Serato, Traktor und Laptop der Wiener Szene einen weiteren Push gegeben haben. Wer auflegen will, muss sich als Anfänger seine eigenen Partys organisieren, sofern es nicht schon eine im gnädigen Freundeskreis gibt. Seine Kollegin Anna Leiser sieht das genauso, denn sie kennt das aus eigener Erfahrung. Sie war zuerst Drum´n´Bass-DJ, schwenkte dann den Tonarm auf Techno und House um, dessen Output sich keinen räumlichen Gegebenheiten mehr unterordnet. Denn Annas Platten oszillieren bei der relativ neuen Internet-Radio-Show Bebop Rodeo auf Klangextase.de. Das Substrat der Radio-Show, die jeden zweiten Mittwoch aus dem Elektro-Gönner oder der Pratersauna streamt, bildete die famose Freuquenzenschleuder Resolut, die mal fragil, dann wieder fett die Fluc Wanne mit Techhouse gefüllt hat. Anna Leiser und ihre Crew-Mates Moogle, Laminat, Dr. Blake und Slick gehören zur umtriebigen U30- Liga, doch auch im U20-Bereich wird schon fleißig veranstaltet. Laut Fluc-Booker Peter Nachtnebel sind die Drum´n´Bass-Partys in der Fluc Wanne fest in der Hand von Maturanten.

Florian Wieser
Siehe auch:
Trashpartys und Underground
Die Grazer Abordnung disko404 über das lokale Geschehen. (Maria Motter)
Doch natürlich bewahrt der notwendige Nachwuchs die Clubkultur bzw. ihre Protagonisten nicht vor dem schonungslosen Zahn der Zeit. DJs, die noch lange nicht in Party-Pension sind, beklagen sich, das die Kiddies in den Clubs sie für Polizisten auf Zivil-Streife halten, wenn sie nicht gerade hinter den Plattentellern stehen. Und während der Con:verse Club den G-Stone-Nimbus von Kruder & Dorfmeister in der Pratersauna bemüht, ist die Wiener Clubkultur fast völlig verwandelt und voller guter Vorsätze in der Gegenwart angekommen.

Florian Wieser
Heute in der Homebase: ein Talk über die österreichische Club-Kultur mit :
- Katharina Seidler (FM4 / Party-Kolumnistin bei der Stadtzeitung Falter)
- Felix Fuchs aka DJ Felix the Houserat (E-Nix & Red Bull Music Academy)
- Rudy Wrany aka DJ Crazy Sonic (Crazy/Flex)
Host: Kristian Davidek
Vorbei sind die Zeiten, in denen man modernen Clubsounds nachhinkte, Wiens spannendstes Label in Sachen angewandter Elektronik mit Dubstep/HipHop/FutureFunk Allüren feiert justament auch an diesem Freitag im Morisson Club eine Release Party. Affine Records hat eben das Debüt "Rain are in Clouds" von Zanshin aka Gregor Ladenhauf von Ogris Debris veröffentlicht. Ein Abend, an dem man zwischen den Geistern der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft wählen konnte.
Party on
Und kommenden Freitag, 4. November kann man sich auf 14 österreichischen Clubs in einer Location einigen. Bei der FM4 Unlimited Party im Wiener Rathaus.