Standort: fm4.ORF.at / Meldung: "Exposed: Hacking hacks hacked to death"

Robert Rotifer London/Canterbury

Themsenstrandgut von der Metropole bis zur Mündung: Bier ohne Krone, Brot wie Watte und gesalzene Butter.

8. 7. 2011 - 00:59

Exposed: Hacking hacks hacked to death

Der Skandal rund um kriminelle Recherchepraktiken bei Rupert Murdochs News International ist mit dem abrupten Ende der News of the World noch lange nicht gegessen.

Es gibt keine Guten in dieser Geschichte, niemand, dessen Darstellungen man völlig vertrauen kann, einschließlich mir selbst. Ich kann nicht vorgeben, dem Murdoch-Imperium neutral gegenüber zu stehen. Der vergiftende und manipulative Einfluss seiner Medienmacht in meiner Wahlheimat, von der Parallelrealität, die das Massenblatt The Sun seiner LeserInnenschaft aufdrückt über das von Sky News vermittelte globale Zerrbild bis zu den schmutzigen Geschichten im Sonntagsblatt News of the World, lässt schlicht keine Neutralität zu.

Die Enthüllungen der Machenschaften, die in letzterer Zeitung als Recherche durchgehen, dominieren nun schon seit Tagen alle Nachrichtenmedien außer denen in Murdochs Besitz - abgesehen von der Berichterstattung der Times, Murdochs essentiellem Qualitätsfeigenblatt, das so hohe Verluste machen darf, wie die News of the World Gewinne.

Die Affäre, die Murdochs Zeitungsverlag News International innerhalb der letzten Woche in eine moralische Existenzkrise gestürzt hat, hatte einen langen Vorlauf:

Ein Privatdetektiv namens Glenn Mulcaire und der Hofkorrespondent Clive Goodman mussten 2007 für jeweils sechs bzw. vier Monate ins Gefängnis, weil Mulcaire in Goodmans Auftrag illegal die Mailboxen der königlichen Familie und ihres Gesindes geknackt hatte.

News of the World: F1 Boss Has Sick Nazi Orgy with 5 hookers

News of the World

Der kriminelle Detektiv...

Die News of the World berief sich damals auf die Ausrede vom einen faulen Apfel in ihrem sauberen Obstkorb, aber niemand wollte das so recht glauben und die Geschichte wollte nicht schlafengehen, inbesondere als die Schauspielerin Sienna Miller sich nicht einschüchtern ließ und vor Gericht eine Entschuldigung seitens der Zeitung erkämpfte. Der Mythos vom Einzeltäter in der Redaktion war nicht mehr zu halten.

...die unantastbare Chefin

Im Jänner trat Andy Coulson, ehemaliger Chefredakteur der News of the World als Spin Doctor Premier David Camerons zurück, beharrte aber darauf, dass er nichts von den faulen Praktiken seiner Redakteure gewusst hätte.

Unisono mit Rebekah Brooks (vormals Rebekah Wade), der gefürchteten Chefin von Murdochs Zeitungskonzern News International, selbst ehemalige Chefredakteurin der Sun und der News of the World, beschwörte er blauäugig sein Unwissen darüber, wie unter seiner Aufsicht bei seiner eigenen Zeitung recherchiert wurde.

...der knastreife Ex-Spin Doctor

In Detektiv Mulcaires Auftragsbüchern fanden sich indessen bei weitem nicht nur die Daten von Personen sogenannten öffentlichen Interesses sondern tausende Namen abgehörter Privatpersonen, darunter Witwen und Hinterbliebene verstorbener Soldaten, Angehörige der Opfer der U-Bahn-Bombe in London vor sechs Jahren, vermisste (wie sich herausstellen sollte, ermordete) Kinder und deren Eltern; ja in einem Fall ging Mulcaire sogar so weit, Messages von der gefüllten Mailbox einer Vermissten zu löschen, damit ihre Verwandten dachten, sie sei am Leben und ihr neue, intime Nachrichten zur journalistischen Verwertung hinterlassen würden.

Die Sache wurde zunehmend ungustiös, ausgehend von einem Dossier des Guardian wuchs das moralische Entsetzen über die Medienseiten hinaus auf die Titelseiten des Nicht-Murdoch-Anteils der nationalen Presse. Die Stimmung war gekippt, die Skandalpresse war nun selbst Teil des Skandals.

News of the World Cover: Fergie Sells Andy for 500 pounds

News of the World

...der bedrängte Kronprinz des Medienimperiums

Mulcaire war aber nicht der einzige Lieferant unsauberer Geschichten. Auch die systematische Bestechung der MitarbeiterInnen diverser Mobiltelefonnetze, vor allem aber korrupter PolizistInnen ist offenbar eine Hauptinformationsquelle (nicht nur des Murdochschen) Boulevards.

Manchmal lief das sogar ganz öffentlich wie im Fall des Chefs der Londoner Anti-Terror-Einheit Andy Hayman, der erst mit der Ermittlung des Telefonabhörskandals betraut wurde, dabei nicht mehr als eine Handvoll Opfer gefunden haben wollte und von News International dafür prompt mit einer Zweitkarriere als Kolumnist der Times entlohnt wurde.

...Hugh Grant in der Rolle als Aufdecker

Hugh Grant, der mit dem Boulevard ein historisches Hühnchen zu rupfen hat, veröffentlichte neulich seinen Mitschnitt eines Gesprächs mit einem ehemaligen Mitarbeiter der News of the World, aus dem hervorgeht, dass derlei illegales Schürfen in der Privatsphäre von Rechercheobjekten zum redaktionellen Alltag gehörte (übrigens: während ich das hier schreibe, zerlegt Grant gerade sehr eloquent zu großem Beifall von Publikum in Studio und meinem kleinen Ausschnitt des Twitterversums Labour- und Tory-Politiker wegen deren Unterwürfigkeit gegen über Murdochs Mob in der BBC-Diskussionssendung Question Time).

Unter dem öffentlichen Druck der Empörung über diese Enthüllungen entzogen daraufhin immer mehr Werbekunden der News of the World ihre gebuchten Inserate, und heute Nachmittag griff Murdoch zur nuklearen Option:

Die auflagenstärkste Sonntagszeitung Großbritanniens (2,7 Millionen verkaufte Exemplare, 7,5 Millionen LeserInnen) ab nächster Woche nach 168 Jahren ihrer Existenz einfach einzustellen (der Australier übernahm die News of the World 1969), was 200 dort arbeitende JournalistInnen ihre Jobs kosten wird.

...George Michael als sein Sekundant

Vielleicht dürfen sie dafür dann ja nachher bei einer neu gegründeten Sonntagszeitung namens Sun On Sunday mitarbeiten, deren URL zufälligerweise zwei Tage zuvor registriert wurde.

News of the World: Poll Kills Election

News of the World

Nicht rausgeworfen wurde Rebekah Brooks, die als Gipfel des Zynismus die interne Ermittlung der Affäre bei News International zur Chefinnensache gemacht hat und somit das Privileg genießt, ihre Gewissensfrage selbst beantworten zu können.

Dass sie nicht gefeuert wird, hat einen offensichtlichen Grund: Wenn sie fällt, fällt das Licht auf den Kopf des stinkenden Fischs, den Nächsthöheren in der Hierarche: Murdochs Sohn James.

...und die Leichen im Keller von Scotland Yard

Genau jener James Murdoch, der gerade die Aufgabe hat, die bisher zu 39% Murdochs News Corp gehörende größte private Britische Fernsehplattform BSkyB zu hundert Prozent ins Familieneigentum überzuführen.

News of the world: Giggs 8yr arffair with Bro's Wife

News of the World

Bis auf individuelle Ausnahmen hatten Rupert Murdoch und seine VasallInnen bisher das gesamte britische politische Establishment in der Tasche, und die Übernahme von BSkyB würde diese enorme Machtposition noch weiter erhöhen.

Medienminister Jeremy Hunt (Tory), der drauf und dran war, Murdoch seinen Wunsch zu gönnen, wird die Entscheidung über die Genehmigung dieses Ankaufs nun bis Herbst verschieben. In der Zwischenzeit hat Labour-Chef Ed Miliband öffentlich den Rücktritt von Rebekah Brooks verlangt und eine Beurteilung des BSkyB-Deals durch die Wettbewerbskommission gefordert – undenkbar zu Zeiten Blairs oder Browns.

Cameron kann und wird sowas jedenfalls nicht sagen, er hat noch zu Weihnachten mit Rebekah am Familientisch gegessen.

Update 11.20 GMT: Brechende News: Andy Coulson wurde bereits verhaftet, just nachdem Cameron ihn als seinen "Freund" verteidigt hat. Es wird heikel.

Lustig in diesem Zusammenhang eine Serie von Tweets von George Michael, denenzufolge Brooks ihm selbst einmal erklärt habe, skandalöse Enthüllungen in ihren Zeitungen (Michael hat so einige erlebt) gingen nie von der Öffentlichkeit, sondern immer von der Polizei aus. Brooks hat übrigens auch vor einem parlamentarischen Komitee zugegeben, die Polizei bezahlt zu haben, aber der große Skandal blieb damals aus. Interessant, wie diese Dinge oft funktionieren.

Einiges davon, was jetzt im großen Stil aufgeflogen ist, war nämlich schon 2008 im Buch „Flat Earth News“ des Guardian-Journalisten Nick Davies zu lesen. In seiner Rezension schrieb damals Peter Oborne im erzkonservativen Spectator: „Davies provides fresh jaw-dropping evidence that journalism in Britain today is bent. If the practices he discloses were present in any other walk of life, they would have been exposed long ago, public outrage would have followed and criminal charges brought.“

QED: Morgen (bzw. heute Freitag – ich schreibe knapp nach Mitternacht), heißt es, wird Andy Coulson verhaftet werden – welche Polizeiinformanten haben das wohl wieder ausgeplaudert?

Die Korruption der Polizei, die offenbar routinemäßig Informationen an die Presse verkauft und nun auch gegen sich selbst ermitteln muss, ist eigentlich eine mindestens so große Story wie jene rund um News International.

Auch nicht unerheblich ist der Grad an Heuchelei seitens der empörten Konkurrenz und bisher – aus Angst vor der Boulevardmaschine – kollaborierenden PolitikerInnen, aber auch der LeserInnen jener Zeitungen, die ein Blinder beim Wegschauen als niederträchtige Dreckschleudern identifizieren können sollte.

Trotzdem: Dass jener Verlag, dessen bigotte Doppelmoral den Medienmainstream des Landes dominiert, nun selbst ein Opfer der Doppelmoral seines Publikums wird, hat schon was von höherer Gerechtigkeit an sich.

Wie sangen The Jam so schön 1978 in "News of the World":

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News of the world