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David Pfister

Rasierklingen, Schokolade, Zentralnervensystem, Ananas, Narzissmus und Ausgehen.

8. 5. 2011 - 14:09

Witching Hours

Ladytron sind eine hinterhältige Gemeinschaft. Außerdem: Carla Bozulich & Guests, Kap Bambino und andere wilde Leute. Der letzte Tag am Donaufestival.

Ladytron haben es faustdick hinter den Ohren. Mit ihren süßen kleinen Melodien und Ohrwürmchen schaffen sie es problemlos in jede Frühstücksshow und Mütter würden sich niemals im Leben über laute Ladytron-Musik beschweren.

Aber hinter all der Niedlichkeit und dem poshen Hello Kitty-Style des weiblichen Parts von Ladytron lauerte schon immer eine verschluckende Dunkelheit. Schon mal aufgepasst, was die da mitunter singen?

Ladytron

Florian Schulte

Destroy everything you touch today, Everything you touch you don’t feel, Do not know what you steal, Shakes your hand, Takes your gun, Walks you out of the sun

Dieses Konzept erinnert mich immer wieder an die amerikanische Band Coven aus den Sechzigern. Die machten flotten Psychdelic-Beat - nett; aber verglichen mit anderen musikalischen Kalibern der damaligen Zeit nicht besonders hart. Inhaltlich war das aber eine der ersten Bands, die einen ernsthaften Satanismus propagierten und ihren Hippie-Sound der Vernichtung widmeten.

Little Black Angles

Ihre süß-bittere Fahrtrichtung haben Ladytron seit ihrer Gründung 1999 niemals geändert; und ihr Sarkasmus hat der Band wohl auch geholfen, nicht im Nebel der Generation Electroclash verloren zu gehen.

Ladytron

Florian Schulte

Im Mittelpunkt des Ladytron-Konzerts stand dann das Best Of-Album, also eine bemerkenswerte Reihe von Hits. Allerdings ziemlich nachlässig und schludrig vorgetragen. Aber gerade diese Borniertheit und gewisse Fadesse fand ich ziemlich attraktiv. Kann aber auch ein S/M-Komplex von mir sein.

Under The Skin

Das Motto des Donaufestivals war zwar "Knoten, Wurzeln & Triebe", aber eigentlich stand kontinuierlich der Tod im Mittelpunkt. Das ist sogar mir als überzeugtem Endzeitromantiker aufgefallen. Und auch am letzten Festivaltag wurde in der Minoritenkirche nicht mit Ernsthaftigkeit gespart. Die Amerikanerin Carla Bozulich war zum zeiten Mal in Krems zu Gast und konzipierte mit einer Armada von MusikerInnen extra für das Festival die Musik-Performance "Eye For Ears 5 - Under The Skin". Bozulich hat schon öfters für spezielle Gebäude Musikkonzepte erarbeitet und nutzte die Möglichkeiten der Minoritenkirche voll aus. Ich hab folgende Genreerfindung schon für Lydia Lunch und David Tibet verwendet; und auch jetzt trifft das Wort "Todesblues" am schönsten in's Schwarze.

Carla Bozulich

florian schulte/donaufestival

Carla Bozulich

Die Meisterin marschierte Pauke schlagend in einem mit Glocken besetzten Kleid in die Kirche ein, ihre MitmusikerInnen waren zu Beginn an verschiedenen Stellen im Kirchenraum stationiert und kommunizierten musikalisch miteinander durch den Raum hindurch. Eine einzige Klage über Verlust mit schönem Licht- und Raumkonzept und nicht zu wenig Pathos.

Lady Grinning Souls

Aber ich habe die Geschichte ja mit den Superstars begonnen.

Es war ja noch mehr zu sehen und zu entdecken am Donaufestival. The Irrepressibles aus London eiferten den Gender-Glam-Klassikern Bowie und Nomi nach und neigen auch zu rüdem Operetten-Kitsch wie ihn die Tiger Lillies mögen. File under Hedwig And The Angry Inch.

Und dann übernimmt Kollege Philipp L'Heritier die Tastatur:

"Ein letztes Brummen in der Minoritenkirche. Das aus San Francisco stammende Duo Barn Owl eröffnet den letzten Tag des Donaufestivals mit fast schon sonnendurchflutet anmutenden Drones. An zwei Gitarren und Effektpedalen entsteht eine wie aus Glas geblasene Musik, die sich zu gleichen Teilen auf die große Riff-Kunst im Andenken der ewigen Helden von Black Sabbath wie auf den kristallinen Minimalismus von Terry Riley und La Monte Young beruft. Evan Caminiti und Jon Porras gelingt eine wunderbare Balance zwischen strenger Avantgarde und Rock-Habitus, die für diese vergleichsweise wenig eingängige Art von Musik beinahe schon Pop-Appeal übermitteln kann. Schwer empfehlenswert ist das 2010 beim verlässlichen Chicagoer Qualitätslabel Thrill Jockey erschienene Barn Owl-Album „Ancestral Star“. Nach sechs Tagen Donaufestival ist dann aber vielleicht der Speicher für derlei andachtsfordernde Kunst mittlerweile schön langsam ein bisschen voll.

Nach dem Wiegenlied von Ladytron darf der allerletzte Act des diesjährigen Donaufestivals noch einmal die niedersten Instinkte aufschütteln. Und die kleine Halle zerlegen. Das französische Duo Kap Bambino ist die stumpfeste Mischung aus Dosenbier-Beats, Rave-Signalen vom Autodrom und derbstens kickender Rock-Elektronik. Caroline Martial und Orion Bouvier machen diesen geilen Quatsch schon seit zehn Jahren, weshalb diese beiden hypersympathischen Menschen im Interview auch sagen dürfen, dass die Crystal Castles weiche Musik für irgenwelche Hipster sind, die in Brooklyn in irgendwelchen szenigen Cafés abhängen, und dass bloß Kap Bambino der real shit ist.

Kap Bambino

florian schulte/donaufestival

Kap Bambino

Kap Bambino hören lieber Suicide und Black Flag, schmeißen noch drei Dosen Digital Hardcore, Peaches, die Stooges, 90er-Jahre-„Rave“-Rave und Runaways in den Mix und dann explodiert der ganze Bus. Orion Bouvier steht hinter seiner elektronischen Schaltzentrale und fährt ein Getöse in den Saal, das neben all dem Noise überraschend poppig ist: Alles hier ist Riff, Hook und easy mitbrummbares Dum-Dum-Dum. Da-Dum! Caroline Martial ist die so ziemlich beste Frontfrau, die man sich vorstellen kann: Moshen im Publikum, irgendwelchen Typen auf die Schultern klettern, Luftgitarre, Rauchen – das ist nämlich verboten – auf der Bühne, Dose Bier in der Hand – alle Posen hat sie drauf. Alle tanzen. Man muss ein Festival voller Kirche, Performance, Forschungsmusiken und Superfluxus natürlich mit so einem fantastischen Radau beenden. Sehr laut war es auch. Manche sind noch immer wach."