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Christiane Rösinger Berlin

Ist Musikerin (Lassie Singers, Britta) und Autorin. Sie schreibt aus dem Leben der Lo-Fi Boheme.

7. 5. 2011 - 13:16

Apropos Tyrannenmord

Am Montag kam die Nachricht vom Tod Bin Ladens und bis heute weiß man noch nichts Genaues über die näheren Umstände.

In Deutschland und Berlin haben aber die Reaktionen auf die Todesnachricht zu einer moralisch-philosophischen Debatte geführt. Bundeskanzlerin Angela Merkel hatte US-Präsident Barack Obama zu dem Einsatz gegen den Gründer der Al-Qaida mit den Worten gratuliert: "Ich freue mich darüber, dass es gelungen ist, Bin Laden zu töten."

Wegen dieser alttestamentarisch anmutenden, spontanen Freude über den Tod des Gegners wurde die Pfarrerstochter jetzt von ihrer eigenen christlichen Partei und den Kirchen kritisiert. Der Militärbischof findet es befremdlich, dass die Kanzlerin Freude über den Tod von Osama Bin Laden geäußert hat. Denn auch dessen Würde sei unantastbar. Der Vatikan hat erklärt: "Angesichts des Todes eines Menschen freut sich ein Christ nie."

Warum haben wir so ein ungutes Gefühl, wenn sich jetzt viele offensichtlich über diesen Tod freuen? Man ist sich einig, es wäre Grund zur Freude gewesen, hätte man Bin Laden festgenommen und einem ordentlichen Gerichtsverfahren zugeführt, denn wir sehen uns ja als Bürger eines demokratischen Rechtsstaats und sind aus gutem Grund gegen die Todesstrafe. Inzwischen hat Merkel ihre Äußerung zwar nicht zurück genommen, aber erklärt, sie habe eigentlich sagen wollen, sie freue sich dass Bin Laden keine Terroranschläge mehr planen könne.

Zwei Statuen

Christiane Rösinger

Tyrannenmörder

Durch ihre umstrittene Äußerung wurde nun die Debatte um das uralte Thema "Tyrannenmord" - bereits in der antiken Philosophie eine beliebte Streitfrage - wieder belebt. Der Anschlag auf die Tyrannen-Brüder Hippias und Hipparchos so um 514 vor Christus gilt ja, laut Geschichtslexikon, als Geburtsstunde der Demokratie in Athen.

Nun war ja Bin Laden gar kein "Herrscher" oder Regierungschef, wie Gaddafi oder Ceauşescu. Es hat sich kein geknechtetes Volk gegen ihn erhoben und von seinem Widerstandsrecht Gebrauch gemacht. Er wurde unbewaffnet von einem Tötungskommando einer anderen Regierung aufgespürt und erschossen, wohl eher hingerichtet. Also stimmt das Bild vom moralisch vertretbaren Tyrannenmord in diesem Falle nicht so richtig.

In den Gesprächen, die in diesen Maitagen mit einem Getränk in der Hand vor einer Bar geführt werden, einigt man sich darauf, es sei vertretbar, eine gewisse Genutguung über den Tod eines Menschen zu empfinden, der für den Tod so vieler anderer verantwortlich ist. Aber die regelrechte Freude am Tod Bin Ladens bei anderen zu sehen, bliebe ein befremdliches Gefühl.

Sinnigerweise feiern wir ja am Sonntag auch den 8. Mai, den Tag der Befreiung vom Faschismus - und apropos Tyrannenmord: Was wäre gewesen, wenn das Attentat gegen Hitler am 20 Juli 1944 gelungen wäre? Wahrscheinlich hätten einige Millionen Menschen überleben können.