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19. 3. 2011 - 10:27

"Wir wollen keinen Kuchen mehr, wir wollen Brot"

Tausende Kroaten protestieren schon seit einem Monat für den Rücktritt der Regierung - bisher friedlich und ohne Erfolg.

Von Marijana Miljkovic

Marijana Miljkovic

Marijana Miljkovic

Die gebürtige Kroatin Marijana Miljkovic ist in Graz aufgewachsen und arbeitet seit 2010 als Korrespondentin für mehrere österreichische Medien in Zagreb.

Jeden zweiten Tag ein Spaziergang durch die Stadt, das machen seit vier Wochen Tausende Kroaten. Es ist kein neuer Volkssport, sondern es finden Demonstrationen statt, die immer mehr Menschen auf die Straßen bewegen. Die Unzufriedenheit mit der wirtschaftlichen Situation, der hohen Arbeitslosigkeit und der Machtlosigkeit der Politik, die keinerlei Willen zeigt, dringende Reformen anzupacken, ist enorm. Die Demonstranten, die keinen Anführer haben und sich über Facebook organisieren, fordern den Rücktritt der konservativen Regierung.

Am Samstag finden Demos in 13 Städten statt. Der Sturz der Regierung ist ihnen bisher nicht gelungen, doch sie haben Unruhe in die Machtstrukturen gebracht. Zuletzt griff Staatspräsident Ivo Josipovic ein, und beorderte die Parlamentsparteien zu sich. Denn gefährdet ist nicht nur das politische System, sondern seiner Ansicht nach auch der EU-Beitritt. Die Bevölkerung ist derart unzufrieden mit der Regierung, dass ein Referendum zum EU-Beitritt zur Abrechnung mit der Regierung missbraucht werden könnte, so die große Befürchtung. Schon jetzt würde das Referendum laut Umfragen gegen den Beitritt ausgehen. Auf einer Demo wurde die EU-Fahne verbrannt, "Nicht in die EU", ist auf Plakaten in der Menge zu lesen. Die Skepsis wird immer größer. Die Opposition und der Präsident fordern daher Parlamentswahlen vor dem Referendum. Es wären außerdem keine Neuwahlen, regulär soll in Kroatien heuer gewählt werden.

"Wir kämpfen gegen die Mafia"

Die Bewegung startete der 25-jährige Aktivist Ivan Pernar. Pernar ist ein Medizintechniker, der schon einige Jahre politisch aktiv ist, und etwa aus der grünen Bewegung geschmissen wurde. Der breiten Öffentlichkeit wurde er erst durch die Demos bekannt. Als Anführer akzeptierte ihn die Masse jedoch nicht. Wenn sie sich jeden zweiten Tag im Zentrum der Hauptstadt Zagreb versammeln, machen sich die Demonstranten auf den Weg, scheinbar ohne Ziel, und marschieren stundenlang durch die ganze Stadt. "Wir wollen keinen Kuchen mehr, wir wollen endlich Brot" ist etwa eine der Botschaften auf den Transparenten. Der Humor geht der Menge aber auch nicht aus: "Ihr werdet heute Nachtschicht schieben", bekommen die Polizisten regelmäßig zu hören.

In Zagreb scheint offenbar auch jeder zu wissen, wo die Politiker zu Hause sind: Parolen wurden jedenfalls regelmäßig vor den Fenstern der Regierungsmitglieder, mehrmals auch vor der Wohnung von Ministerpräsidentin Jadranka Kosor (HDZ), geschrien. "Jaca (Jadranka, Anm.) hau ab!" Die HDZ hat sich in den zuletzt sieben Jahren an der Macht nicht mir Ruhm bekleckert, im Gegenteil: Der einst geschätzte und angesehene EU-offene Premier Ivo Sanader sitzt wegen angeblicher krimineller Machenschaften in Österreich in Untersuchungshaft. Kroatien hat seine Auslieferung beantragt. Auch dort fliegt eine Korruptionsaffäre nach der anderen auf. Zu Prozessen oder Verurteilungen ist es bisher aber kaum gekommen. "Wir kämpfen eigentlich gegen die Mafia", empört sich ein Demonstrant.

"Ihr habt ja keine Ahnung wie es den Leuten geht! Ihr seht die Leute nicht, die in den Mistkübeln wühlen. Das ist eine Schande“, sagt eine andere Demonstrantin an die Adresse der Politiker. Die Demos bekommen spontan ein Motto: Mal sind es die Banken, oft das staatliche Fernsehen, einmal auch die Kirche: jede Institution kriegt ihr Fett ab. Die Banken, weil es ihnen gut geht, die Kroaten aber bei Wohnkrediten etwa doppelt so hohe Zinsen als beispielsweise in Österreich zahlen müssen (über sieben Prozent).

Hooligans und Veteranen

Bis auf die ersten beiden Demos Ende Februar, ist jede Demo zwar laut, aber friedlich abgelaufen. Nachdem der Initiator bei den ersten beiden Malen von der Polizei verhaftet wurde, weil er die Demo nicht genehmigen hatte lassen, werden diese nun ordnungsgemäß angemeldet. Bei der Demo der Kriegsveteranen wurden zig Unruhestifter festgenommen. Laut Polizei waren es Fußballhooligans. Die Veteranen aus dem Krieg 1991 bis 1995, der zum Zerfall Jugoslawiens geführt hat, forderten ebenfalls den Rücktritt der Regierung. Deren Grund war die Verhaftung eines Veteranen in Bosnien aufgrund eines serbischen Haftbefehls. Der Mann soll in Vukovar, der am stärksten umkämpften Stadt, serbische Soldaten getötet haben. Der serbische Haftbefehl stützte sich auf Aussagen, die der ehemalige Soldat unter Folter in einem serbischen Gefangenenlager ausgesagt hat.

Unruhen seitens der Hooligans werden auch am Samstag erwartet: Zeitgleich mit den Demos findet das Fußballspiel Dinamo-Hajduk statt. Die Dinamo-Anhänger Bad Blue Boys weigern sich, in Stadion zu gehen und schauen das Spiel in Cafés in der Innenstadt. Laut Umfragen ist der überwiegende Großteil der Bevölkerung auf der Seite der Demonstrierenden, wählen will man so schnell wie möglich. Auf Facebook hat die Gruppe "Große Proteste für den Sturz der Regierung" fast 33.500 Anhänger. Auf die Straßen gehen Menschen aller Altersgruppen, unterschiedlicher politischer Einstellungen und gesellschaftlicher Milieus. Sie richten aus: Sie werden erst stehen, wenn die Regierung geht.