Standort: fm4.ORF.at / Meldung: "Randnotizen aus Berlin III"

Susi Ondrušová

Preview / Review

19. 2. 2011 - 19:54

Randnotizen aus Berlin III

Bright Eyes. Bright Eyes. Bright Eyes.

"I want people to feel sorry for me. I like to feel the burn of the audiences eyes on me when I´m whispering all my darkest secrets into the microphone. When I was a kid I used to carry this safety pen around me and everywhere I went when people weren´t paying enough attention to me I dig it into my arm until I'd start crying. Everyone would stop what they were doing and ask me what was the matter."

Dieser (fake!) Interviewausschnitt ist das Outro zu "An Attempt To Tip The Scales" vom 2000er Album "Fevers And Mirrors" Ein schön geskriptetes überzogenes Statement des damals unter den überhitzten Scheinwerfern befindlichen 20jährigen Künstlers, der Zeit seines Lebens nichts anderes gemacht hat, als "snapshots of a given time" aka Alben veröffentlichen, also seine inneren und äußeren Wahrnehmungen der Welt musikalisch zu dokumentieren, und nebenbei bzw. mittendrin herauszufinden, was die beste Methode, sei mit so etwas wie Erfolg umzugehen. Humor ist gut. Den Publikumsaugen einen Spiegel vorhalten ebenso.

Bei meinem 24stündigen Abhörexperiment, das sich durch Obersts Diskographie ziehen und als Vorbereitung auf mein Interview mit ihm dienen sollte, habe ich außerdisziplinäre Umwege gemacht: Monsters Of Folk (sicherlich!) und Mystic Valley (eh klar!).

ondrusova

Tim Kasher im Berliner Privatclub.

Warum nicht gleich auch M Ward "Hold Time" und Tilly And The Love "O" und Neil Young "Best Of" (auch klar odr?) und weil Janet Weiss, die weltbeste Schlagzeugerin Conor Oberst bei seiner weißen "Cassadaga" Phase on tour begleitet hat, warum nicht auch gleich ein bisschen Quasi "American Gong" und dann Foals "Total Live Forever" hintendran, weil sich Herr Oberst genauso wie die Foals mit Ray Kurzweil´s Texten zur künstlichen Intelligenz beschäftigt hat. Nicht zu vergessen: Cursive, The Good Life also all things Tim Kasher related. Jugendfreund von Conor Oberst, Labelkollege, Songwriter, Sänger, der bis gestern mit der Münchener Band Mexican Elvis als Backingband durch das deutschsprachige Europa gezogen ist, um sein neues Album "The Game Of Monogamy" vorzustellen. Ein Album das sich, wie der Titel schon verrät mit der Thematik "von Ehe bis Ex" beschäftigt. Ein lyrisches Konzeptalbum. Katharsis eben. Tim Kasher hat nicht nur im Privatclub hier in Berlin gespielt sondern ist beim gestrigen Bright Eyes Gastspiel im ausverkauften (nein: AUSVERKAUFTEN!) Lido aufgetreten. (Und auch älteres Material gespielt u.a. das hier performt!)

Beim Blinddate Zusammentreffen spiele ich Tim Kasher auf meinem Musikabspielgerät den Openersong vom neuen Bright Eyes Album "The People´s Key" vor: Firewall.

Warum lest ihr gleich.

°°°werbeunterbrechung°°°

ondrusova

Band Of Horses. Nicht im Bild: "the ghost in my house"

°°°werbeunterbrechung over°°°

Es ist nämlich so, dass Bright Eyes bei aller Bewunderung für Melodie und Wort für mich keine überfanatische Säule meines Musikkonsums mehr darstellen. Ich meine damit: Bright Eyes ist eine verlässliche Band der ich nicht hinterherjagen, bei der ich es nicht eilig haben muss. Conor Obersts Songs sind wie Ruhepole in der musikalischen Antarktis. Wie eine Haltestelle mit pünktlichen Busankünften. Du wirst immer abgeholt. Musst nur einsteigen.

saddle creek

"Firewall" hab ich zuerst in so einem komischen vorab-watermarked-cia-fbi-schlagmichtot-csi-firewallausweildasistkeinporno-stream angehört und nach dem wirren aber beeindruckenden Eröffnungsstatement von Denny Brewer hab ich bei den ersten Gitarrenriff vom Song so dermaßen laut und krumm angefangen zu lachen, dass ich zurückklicken musste und nach zweimal hören sowohl mein Erinnerungsvermögen als auch Cache leeren musste.

"Doesn't 'Firewall' remind you of 'Enter Sandman'?" frage ich also Tim Kasher beim Konzert im Privatclub.
"I can hear a slight resemblance now that you mention it!" antwortet er.

So baut man natürlich kein Vertrauen auf und treibt den Gesprächsfluss voran, also nehme ich mir vor meine Abhörsünde für mich zu behalten.
Beim Interview mit Nate Walcott und Mike Mogis, den zwei tragenden Säulen im Genie-Dreieck der Bright Eyes frage ich nach den Studioarbeiten zu "The People´s Key" und ob sie sich einen Song aussuchen könnten und seine "most challenging" Entstehungsgeschichte erzählen könnten.
Zufälligerweise war Firewall einer dieser "three most challenging" Tracks gewesen, denn: "It has this intense arrangements and at the end when Nate´s mellotron keyboard kicks in. It went thru a fair amount of revision with the beat that is in there!" meint Mogis.

Setlist Bright Eyes 18.Feb Lido Berlin

FIREWALL
HAILE SELASSIE
GOLD MINE GUTTED
LOVER YOU DON'T HAVE TO LOVE
THE PEOPLE'S KEY
BOWL OF ORANGES
OLD SOUL SONG (FOR THE NEW WORLD)
SHELL GAMES
APPROXIMATE SUNLIGHT
ARC OF TIME (Time Code)
TRIPLE SPIRAL
JEJUNE STARS
CLEANSE SONG
NO ONE WOULD RIOT
BEGINNERS MIND
CARTOON BLUES
POISON OAK
NOTHING GET´S CROSSED OUT
THE CALENDAR HUNG ITSELF
---
AN ATTEMPT TO TIP THE SCALES
PADRAIC MY PRINCE
ROAD TO JOY
ONE TO YOU

bright eyes

ondrusova

Nate Walcott und Mike Mogis. Die Couch hat die Farbe Gold!

Die Titel der anderen beiden Songs wollen sie partout nicht verraten. Dafür haben sie versucht mir einzureden, dass die Band in Berlin ihren allerletzten Gig spielt. Ich erzähle ihnen, dass - sorry - bis ich die Nachricht nach Österreich überbracht habe, und sie einen viralen oder irgendeinen Weg nach Amerika findet, so viel Zeit vergehen wird, dass sich die Band bis dahin doch längst wiedervereinigt und die Weltordnung wiederhergestellt ist.
Wir einigen uns auf den 5.Juli in der Arena, wo ich ihnen vielleicht eine Frage stellen werde nach den Outtakes dieser People´s Key-Sessions. Denn das wirklich bewegendste an diesem Bright Eyes Album ist die Tatsache, dass es ein derart kompakt zusammengehaltenes Album ist (They don´t do them like that anymore!) dass ich fasziniert bin vom Zustand das übriggebliebenen Outtake Materials. (Aber das nur als Nebensache.)

Während Nate Walcott und Mike Mogis auf der Couch im wohl hässlichsten Hotel Berlins (wenn nicht dieser Welt!) sitzen, absolviert Conor Oberst im harmlosesten Winkel dieses Etablissements (ich glaub es war das Bad) ein Telefoninterview. Er ist sehr höflich und trotz des kühlen, bunten und extrem unwohnlichen Ambientes im hässlichsten Hotel Berlins, das ein "6 year old girl" entworfen haben muss, gut gelaunt und gesprächig.

ondrusova

Seas!

Das Interview mit den drei Bright Eyes Musikern ist am 7.3. in Eva Umbauers FM4 Heartbeat Sendung zu hören.

"To me Bright Eyes is whenever Nate, Mike and me make an album together which is what happened in this case. When we make an album I want to make an album that fits into a certain tradition with our other albums."

Wie diese Tradition aussieht?

"They all start weird!" antwortet Conor Oberst und bezieht sich wieder auf die Metaebene der spoken word-Elemente, die sich durch die Discographie von Bright Eyes Alben durchzieht. Vom oben genannten Fevers&Mirrors Interview-Spaßdokument bis zum letzten Statement auf People´s Key nämlich "when there´s total enlightment there will be peace. Enlightment is knowledge, as much knowledge as you can get people to seek and understand, you know?"

Mehr denn je muss "People´s Key" als ein Ganzes angehört werden, Mike Mogis bestätigt: "It actually strengthens each individual song to experience the album as a whole, as a group of songs. It makes them stronger songs for better or worse."

Bright Eyes spielen am 5.7. in der Arena Wien

Die Empfehlung zum haptischen oder linearen Erwerb und der dazugehörigen Auseinandersetzung mit den humanistischen Themen von "People´s Key" versteht sich an dieser Stelle von selbst. Heute, morgen oder nach dem 5.Juli. Da werden Bright Eyes in der Wiener Arena auftreten.
Ich weiß nicht ob die Setlist vom Bright Eyes Gig im Lido stellvertretend ist für die Sommertermine. Ich weiß nur, dass die Band noch an einem visuellen Rahmen für diese Konzerte arbeitet. Es wird nicht weiß getragen, soviel ist sicher.

Das Konzert selber war mitreißend bis großartig. Wer bei Conor Oberst an den traurigen Jungen mit der umgehängten Gitarre, der im obigen Fake-Interview-Zitat porträtiert wird denkt, der wird Conor Oberst auf der jetzigen Tour nicht wiedererkennen. Mit der Selbstsicherheit eines Kanye West der die richtige Klaviertaste gefunden hat (wie hier bei Saturday Night Live), klimpert Conor stehend auf das Keyboard ein und erobert tänzelnd den Bühnenraum, springt nicht nur beim fantastischen Weltumarmungshit "One For You One For Me" in den Graben um seine Gäste anzusingen.

Und das ist auch schon das Beste an der Bright Eyes Version 2011: diese Loslösung von der persönlichen Herzschmerz Textebene, die zwar immer auch grandios war, aber an dessen Facettenreichtum sich Conor Oberst lyrisch einfach schon abgearbeitet hat. Zwischenmenschliche Beziehungen bleiben als Überthema im neuen Bright Eyes Kapitel erhalten - sie sind auch das, was uns zu den Konzerten treiben wird - aber den Durchblick kann man sich neuerdings nur mit einem Teleskop mit Sicht über den Tellerrand des Universums hinaus verschaffen.

Das nächste Mal: Buback feiert Geburtstag und PJ Harvey singt.

Und da wären wir wieder bei den Wahrheiten:

"There is a prophetic kinda relationship to the (science fiction) genre and that's interesting. I think as far as the writing goes, with science fiction or magical realism if the writer is allowed to bend the rules of reality a little bit I think sometimes you can get to a more emotional truth. Sometimes it´s more effective than straight realism to me."

Like.