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Gerlinde Lang

Innerlichkeiten. Äußerlichkeiten.

26. 1. 2011 - 18:38

Dr. Shannon jongliert auf dem Einrad

E-Mail-Mäuse, Schindluder in Las Vegas und mathematische Geniestreiche. Die Ausstellung "Codes and Clowns" über Dr. Claude Shannon.

Dass wir uns heute Emails schicken können oder mp3-codierter Musik lauschen, verdanken wir einem Forscher aus den Fünfziger Jahren, der auf seiner Uni die Gänge auf dem Einrad und jonglierend unsicher gemacht hat - Claude Shannon.

Last Chance to see! On air habe ich Euch den witzigen Wissenschafter mit dem unbeirrbaren Gleichgewichtssinn schon vorgestellt. Dieses Wochenende ist aber die letzte Chance, die Ausstellung "Codes and Clowns" im Linzer AEC zu sehen.

Shannon erforschte die Grundlagen der modernen Datenübermittlung und erfand nebenbei auch noch das Bit, die Maßeinheit der Informatik. Nur noch bis Sonntag kann man diesen Claude Shannon besser kennenlernen, in der Ausstellung "Codes and Clowns", im Ars Electronica Center in Linz.

Gerlinde Lang, FM4

Die Keulen des Genies, dahinter das große Einrad.

Wir begeben uns nicht allein in die weird and wonderful world von Dr. Shannon, wir haben Dr. Axel Roch, Autor eines Buches über Claude Shannon, dabei. Moment, Herr Roch sträubt sich noch etwas: "Wie soll das gehen, die Hörer können die Exponate doch gar nicht sehen?! Hier, das wäre was für’s Radio, die unveröffentlichte Shannonschen Gedichte, 40 Seiten, könnte man doch mal eine Stunde lang vorlesen!" Äh, lass mal stecken, Axel. Wir wollen was über das erste Ausstellungsstück erfahren. Es ist ein Labyrinth, bewohnt von einer metallenen Maus, komplett mit Augen, Schnurrhaaren und Schwänzchen aus Pfeifenputzer.

Gerlinde Lang, FM4

Algorithmus, Algorithmus, komm heraus: Gestatten, Theseus.

Axel Roch: „Das ist der berühmte Theseus. Eine Maus, die automatisch aus einem Labyrinth findet. Und wenn du so willst, ist Theseus das, was wir heute als Email bezeichnen. Denn diese Maus ist ein früher Routing-Algorithmus. Sie guckt im Labyrinth: Wo ist der Ausweg, wo komm‘ ich vorbei? Und heute müssen im Internet Datenpakete (wie eben Emails) wissen, an welchen Servern sie vorbeikönnen und wie sie zu ihrer Empfängerin finden.“

Shannon in deep: Axel Roch im Interview über sein Shannon-Buch.

Claude Shannon, geboren 1916 in den USA, Doktor der Elektrotechnik und Mathematik, knobelte in den Fünfziger Jahren in den Bell Labs an diversen Problemen. Diese Bell Labs, der Tummelplatz schlechthin für Physiknobelpreisträger, waren vom Erfinder des Telefons gegründet worden und forschten in Sachen Datenübermittlung, Enkryption, Mathematik, Physik und Rüstungstechnik für die US-Regierung.
Shannons Spielereien hatten deshalb meist einen ernsten, kriegerischen Hintergrund: Ob Jonglierautomat, das erste ferngesteuerte Spielzeugauto der Welt, Verschlüsselungsrezepte oder die „Mind Reading Machine“ aus dem Jahr 1953:

Gerlinde Lang, FM4

Leihgabe aus dem Hause Shannon.

"Man wählt als Benutzer oder Spieler plus oder minus, und die Maschine versucht vorherzusagen, was man wählt. Und sie gewinnt immer zu 55 Prozent. Es ist also eine Maschine, die Kurzzeit-Vorhersagen macht. Sehr süß, wie Shannon die Maschine gestaltet hat: In der Form eines menschlichen Gesichtes. Unten am Mund entscheidet man mit einem Schalter ob links oder rechts bzw. plus oder minus. Dann drückst du auf die Nase, und die Maschine blinkt dich dann mit dem linken oder rechten Auge an.
Der Hintergrund: Shannon entwickelte Geräte, die zeigen, dass man ein Flugzeug, das sich im Endkampf noch mal schnell nach links oder rechts bewegt, auch dann noch vorhersagen kann. Das erhöht die Trefferwahrscheinlichkeit.“

Auch Shannons Faible fürs Jonglieren mit Keulen (für Maschinen eine sehr schwere Aufgabe) trieb den "Electronic Warfare" voran. Wieviele Keulen du in der Luft halten kannst, entspricht der Frage, auf wieviel feindliche Flugobjekte man mit Kanonen zielen und treffen kann.

Dr. Shannon persönlich erläutert seinen 1982 erfundenen Jonglierroboter.


Im Jahr 1955 entwickelte Shannon zusammen mit KollegInnen einen tragbaren Roulettecomputer. Daraufhin gab’s einen kleinen Betriebsausflug des Teams nach Las Vegas und 10.000 Dollar Gewinn im Roulette.

Gerlinde Lang, FM4

Viva Wearable Computing!

Nach seiner Arbeit an den Bell Labs wurde Claude Shannon Professor am MIT. Das Massachusetts Institute of Technology ist anscheinend ein sehr netter Arbeitsplatz für Genies. Shannon durfte dort basteln, Einrad fahren auf den Gängen und nach Herzenslust jonglieren.

Kurz vor seinem 50. Geburtstag eröffnete er aber seinen Vorgesetzten, er wolle von nun an nur mehr zuhause bei sich im Keller forschen (seinem "Toy Room" im "Entropy House"). Kein Problem fürs MIT, wo eine gewisse Schrulligkeit gern gesehen wird.

Natürlich ist damit die Maschine nicht ausgeschaltet - sie arbeitet ja noch weiter, um den Deckel zu schließen und die Hand zurückzuziehen. Aber das ist eine andere Geschichte.



Zum Schluss wagen wir uns noch an ein Kästchen aus Holz mit einem Ein/Aus Schalter:

Claude Shannons "Ultimate Machine". Stellt man den Schalter auf "ein", öffnet sich das Kästchen. Eine metallene Hand kommt unter lautem Dröhnen hervor und – stellt den Schalter wieder auf "aus".