Standort: fm4.ORF.at / Meldung: "Iss nicht unbesorgt"

Elisabeth Scharang

Geschichten über besondere Menschen und Gedankenschrott, der für Freunde bestimmt ist.

7. 1. 2011 - 15:03

Iss nicht unbesorgt

Welcher Ernährungsstil wird die geringsten negativen Auswirkungen auf unsere Umwelt und unsere Klima haben? Ein FM4 Jugendzimmer zum Thema Ernährung.

„Die negativen Auswirkungen unserer Ernährung auf das Klima sind mindestens so lange bekannt wie die klimaschädlichen Emissionen von Kraftfahrzeugen.“

Damit beginnt das Vorwort zu Martin Schlatzers Diskurs zum Einfluss der Ernährung auf Umwelt und Klima. Nur dass man bei den Verkehrsmitteln seit Jahren durch gesetzliche Auflagen und eine präsente öffentliche Diskussion um eine Senkung der Umweltbelastung ringt. In der Ernährungsfrage ist da man erst am Anfang.

Die umweltrelevanten Folgen für unser Klima resultieren aus der Art der Erzeugung, Verarbeitung, Vermarktung und Zubereitung unserer Lebensmittel, und natürlich durch die Entsorgung von all dem Verpackungsmüll. Der wichtigste Beitrag der Ernährung zur Stabilisierung des Klimas kann dadurch erzielt werden, dass wir weniger Fleisch essen, so Schlatzers These.

Kuh

twicepix

Bild: twicepix unter Creative Commons Lizenz

Über 24 Milliarden Nutztiere leben auf unserem Planeten, das sind 3mal mehr als die gesamte Bevölkerung. Über 66 Milliarden Tiere werden innerhalb eines Jahres geschlachtet. Unsere Nutztiere nehmen den Großteil des verfügbaren Landes ein und benötigen einen guten Teil unseres Frischwassers.

Vegane Lösung?

Aber kann eine vegane oder vegetarische Ernährung eine Lösung dieser Probleme darstellen? Oder wird über die Massenproduktion von pflanzlichen Produkten und Lebensmittel nicht nur ein Problem verschoben? Kann man eine nachhaltige Ernährung in dem Ausmaß ermöglichen, in dem sie notwendig wäre, um alle satt zu bekommen? Oder ist das ein Privileg aufgeklärter Menschen, die sich Bewusstsein leisten können und wollen?

Lebensmittelskandale, Tierseuchen, Schadstoffe ...

Der FM4 Schwerpunkt zum Thema "Tiere essen" im September 2010:

... auf der anderen Seite stehen verunsicherte Konsumenten, die ratlos vor den Regalen im Supermarkt stehen. Der aktuelle deutsche Tierschutzskandal zeigt die Dimension des Dilemmas zwischen Massenproduktion, Massentierhaltung und einem fehlerhaften Kontrollsystems. Bereits seit März 2009 soll bekannt gewesen sein, dass mit Dioxin verseuchtes Industriefett zu Futtermitteln verarbeitet wurde. Diese erste Probe vor zehn Monaten, bei der ein erhöhter Dioxinwert festgestellt wurde, stammte aus einer Eigenkontrolle des betroffenen Futterherstellers bei einem privaten Labor. Der Fall hätte gemeldet werden müssen, so das deutsche Agrarministerium. In der Zwischenzeit sind fast 5000 deutsche Betriebe gesperrt.

Wie soll man die Lebensmittelproduktion nachhaltig in den Griff bekommen, wenn der Bedarf an Lebensmittel stetig steigen wird? Die Weltpopulation wird laut der Vereinten Nationen bis 2050 von 6,8 Milliarden auf 9,1 Milliarden Menschen ansteigen. Die Kernfrage lautet also: Welcher Ernährungsstil wird die geringsten negativen Auswirkungen auf unsere Umwelt und unsere Klima haben und gesundheitspolitisch vertretbar sein? „Aus Sicht der Ernährungsökologie würde eine Reduzierung des Fleischkonsums neben der Verminderung der Umweltbelastung auch einen positiven Einfluss auf die Gesundheit haben“, betont der Ernährungsethiker Martin Schlatzer.

Wurst am Grill

Ranger 82

Bild: Ranger82 unter Creative Commons Lizenz

Animal.Fair

Petra Schönbacher hat aus gesundheitlichen Gründen ihre Ernährung umgestellt und ist seither überzeugte Veganerin. Als Obfrau des Vereins animal.fair hat sie sich auf die praxisbezogenen Fragen konzentriert, die sich stellen, wenn man nicht nur vegan essen sondern vegan leben möchte. „Wir fällen jeden Tag ein Urteil über das Leben von Tieren – nicht nur, wenn wir Fleisch und Milchprodukte essen, sondern auch wenn wir Kleidungsstücke, Schuhe, Daunendecken, Kosmetika, Putzmittel, Farben oder Pflanzen kaufen. Die wenigsten wissen, wie viel verstecktes Tierleid hinter ihren Einkäufen steckt“, so steht es auf der Homepage von animal.fair zu lesen. Der Verein versteht sich als Begleiter beim Einkauf des täglichen Bedarfs: Wo bekommt man welche Produkte, die vertretbar, leistbar und für viele vielleicht bisher unbekannt waren.

Tiermissbrauch

Literatur:

  • Martin Schlatzer: Tierproduktion und Klimawandel, LIT Verlag 2010
  • Jonathan Safran Foer: Tiere Essen, Kiepenheuer&Witsch 2009
  • Karen Duve: Anständig essen, Verlag Galiani 2011

J.S. Foer wird am 22.1. im Rabenhof gemeinsam mit der Autorin Karen Duve unter dem Titel „Anständig essen“ aus seinem Buch lesen und diskutieren.

Aus dieser lebensnahen Sicht hat sich auch der amerikanische Autor Jonathan Safran Foer in seinem Bestseller „Tiere Essen“ dem Thema genähert. Ich kenne in der Zwischenzeit vier Menschen aus meinem näheren Umfeld, die nach der Lektüre von Foers Buch endgültig die Fleischgabel entsorgt haben. „Wie verbreitet müssen Grausamkeiten eigentlich sein, bis ein vernünftiger Mensch nicht mehr über sie hinwegsehen kann?“ fragt Foer. Er schreibt von bewussten Quälereien in Schlachthöfen, erfasst und berichtet von Kontrolleuren, die diesen Tiermissbrauch bei angekündigten Inspektionen beobachtet haben. In einem Drittel der amerikanischen Betriebe, die Tiere schlachten, kommt es zu schweren Quälereien. Die Tierindustrie war mit den veröffentlichten Zahlen zufrieden. Man hat betont, wie viel sich in dieser Hinsicht gegenüber der Vergangenheit verbessert habe. Foer ruft zum Boykott gegen Massentierhaltung auf, in dem man auf den Kauf und den Verzehr von Fleisch verzichtet. Es sei die einzige Möglichkeit, diese katastrophalen Missständen etwas entgegen zu setzen.

Heute, 7.1. im FM4 Jugendzimmer

Martin Schlatzer, Ernährungsethiker, und Petra Schönbacher, animal.fair

Mitdiskutieren ab 19:00 Uhr telefonisch unter 0800 226 996 oder per Email an fm4@orf.at.