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Erich Möchel

Netzpolitik, Datenschutz - und Spaß am Gerät.

5. 12. 2010 - 18:55

WikiLeaks hat sich verhundertfacht

Am Wochenende wurden die bisher veröffentlichten Dokumente auf hunderten Websites weltweit dupliziert. Die USA, die als erste den "netzwerkzentrierten Krieg" in ihre Militärdoktrin aufgenommen hatten, stehen diesem "Informationsangriff" hilflos gegenüber.

Der "Information Warfare" um WikiLeaks hat eine neue Dimension erreicht. Zwar hatte die US-Regierung davor einen Schlag nach dem anderen gegen WikiLeaks geführt und die Enthüllungsplattform zuerst von den Servernetzen des Anbieters von Cloud-Computing, Amazon, werfen lassen.

Dann wurde der DNS-Provider Everydns.net so lange unter Druck gesetzt, bis er Wikileaks.org aus seiner Datenbank löschte, sodass die Site selbst jetzt nur noch unter der IP-Adresse 213.251.145.96 zu erreichen ist. Am Freitag gab der Bezahldienst PayPal dann bekannt, dass man das Spendenkonto für die Enthüllungswebsite deaktiviert habe.

Hunderte WikiLeaks

Dazu kamen jede Menge offene wie versteckte Drohungen seitens der US-Regierung und von Kongressabgeordneten. Davor schon hatte die australische Regierung in den Chor eingestimmt und bekanntgegeben, dass sie im Falle einer Rückkehr des australischen Staatsbürger Julian Assange mit den USA sehr eng zusammenarbeiten würde, was nichts anderes als die Drohung mit Auslieferung bedeutet.

Amazon hatte den Kunden Wikleaks unangekündigt aus seinem Netz geworfen, nachdem Senator Joseph Lieberman, Vorsitzender des Senatsausschusses für Heimatschutz,
Amazon mit Bokott gedroht hatte. Am 1. Dezember wurde Julian Assange auf die Fahndungsliste von Interpol gesetzt.

Genützt hat all das offensichtlich nichts. Statt einer einzigen Website sind es ein paar Dutzend, die allesamt auf dem aktuellen Stand sind, weitere 165 enthalten immerhin bereits die erste Tranche der Dokumente. Das sind allerdings nur jene Sites, die von Savewikileaks.net laufend auf Aktualität überprüft werden, daneben existieren andere sogenannte "Mirrors", in Österreich wie in den USA. Hunderte andere Websites haben vor ihren Domainnamen "wikileaks" eingetragen und verlinken direkt auf 213.251.145.96, das "Original" in Schweden. Wenn es nicht gerade in Frankreich oder mehr in der Schweiz gehostet wird.

Die Spiegelungen

Für alle, die mit dem Netz schon etwas länger vertraut sind, kommt das nicht gar so überraschend, denn das momentane Geschehen rund um WikiLeaks ist nur neu in seiner Dimension, der Mechanismus selbst ist altvertraut.

Wenn Inhalte, die für die Allgemeinheit von Interesse sind, zu verschwinden drohen, werden sie vervielfacht. Und weil das Internet nun einmal rund um die Welt reicht, können die Mirrors überall stehen. Für einen, der verschwindet, gehen mehrere andere neu ins Netz. Dazu kommt eine unbekannte Zahl verdeckter Mirrors, die bei Bedarf binnen Sekunden online gehen können.

Savewikileaks.net führt längst nicht als einzige Website Listen der internationalen Mirrors. Ohne als solcher ausgewiesen zu sein, stellt auch der britische Guardian die Dokumente in einer Datenbank "onsite" zur Verfügung.

An diesem Phänomen des Mirroring hat sich auch der Supergeheimdienst NSA vor mehr als einer Dekade die Zähne ausgebissen. Man ließ ab 1995 nichts unversucht, um die Verbreitung des freien Verschlüsselungsprogramms PGP (Pretty Good Privacy) zu verhindern.

Der Fall NSA vs. PGP

Das funktionierte nicht, denn eine Unzahl Mirrors, darunter auch mehr als ein Dutzend aus Österreich, machte alle Bemühungen zunichte. Nicht einmal die US-Gesetzeskeule nützte, denn obwohl es verboten war, das Programm ohne behördliche Genehmigung aus den USA zu exportieren, gegen die Ausfuhr des auf Papier gedruckten und in mehrere Bände aufgeteilten PGP-Source-Codes griffen die Gesetze nicht.

In Europa wurde der Code aus diesen Büchern dann maschinell eingelesen und wieder in das Verschlüsselungsprogramm verwandelt. Um die Jahrtausendwende wurden die Exportbeschränkungen für Verschlüsselungsprogramme wegen Sinnlosigkeit schließlich aufgehoben.

Diese sogenannten Crypto Wars um sichere Verschlüsselungsprogramme endeten mit deren Freigabe. Die letzte große Protestwelle wurde 1998 von Australiern und Österreichern koordiniert

Wie hilflos die Supermacht USA, die als erste die vernetzte Kriegsführung - "Network Centric Warfare", "Information Warfare" ist ein Element davon - ihrer Militärdoktrin zugrunde gelegt hat, auf diesen verteilten und ziemlich asymmetrisch geführten "Informationsangriff" reagiert, zeigen zwei weitere Beispiele.

Die Library of Congress

Die "Library of Congress", die weniger eine Bibliothek als vielmehr eines der größte Multimedia-Archive der Welt darstellt, verfügt nach eigenen Angaben über 144 Millionen Einzelobjekte, davon 33 Millionen Bücher, fast 64 Millionen Manuskripte und die größte Sammlung juristischer Texte, Filme, Tonaufnahmen und Karten.

Nur über die "Cablegate"-Dokumente verfügt die Library nicht, da sie seit Donnerstag sowohl für Angestellte wie Besucher die IP-Adresse von WikiLeaks sperrt. Hunderte von Klon-Websites bzw. "Domain-Mappings" (wie oben beschrieben) der Aufdeckerplattform zu sperren, ist allerdings ein Ding der Unmöglichkeit, da stets neue Sites dazukommen.

Einschüchterung

Das weiß man natürlich auch seitens der US-Regierung, deshalb wird eben auf Einschüchterung gesetzt. In mehreren E-Mail-Wellen wurden die Angestellten des öffentlichen Diensts davor angewiesen, WikiLeaks zu verlinken, zu zitieren, oder auch nur anzusehen, da die auf der Site enthalten Dokumente immer noch als "geheim" eingestuft seien. Die Studenten der "School of International and Public Affairs" an der Columbia University wurden gar gewarnt, derlei würde eine künftige Karriere im öffentlichen Dienst gefährden.

Die Karriereplanung der Althacker von 2600.com - dazumals der Schrecken der analogen US-Telefonnetze - ficht derlei jedenfalls nicht an. Sie verlinken auf jene Dokumente, die von den Studenten der Politikwissenschaft in Boston - Schwerpunkt des Instituts sind internationale Beziehungen- nicht gelesen werden dürfen.

"Bin ich denn ein Krimineller?" fragte sich Columbia-Professor Gary Sick in seinem Blog am Sonntag Abend. Politologe Sick analysiert die Inhalte der auf Wikileaks veröffentlichten "Cables" (Depeschen). Sehr viel absurder geht's wohl nicht im "Land der Freien", das die freie Meinungsäußerung als ersten und wichtigsten Zusatz zur Verfassung hat.