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Karl Schönswetter

"Daylight it's web-design, at night partytime". Elektronische Musik, im Netz und auf Parties.

19. 6. 2010 - 11:00

Und morgen grüßt der Muezzin

Über den Dächern der Stadt hallt das Wort. Die Dokumentation "Muezzin" beleuchtet das Leben hinter den Stimmen und gibt Einblick in die Ästhetik der religiösen Rezitation in der Türkei.

Der verklärte Blick in den Osten gehört genauso zur europäischen Kulturtradition, wie der hasserfüllte Schlachtruf in die gleiche Himmelsrichtung. Die Hassliebe zum osmanischen Reich ist in Österreich tagtäglich nachzuerleben: Nichts wären hier die Menschen ohne ihren geliebten Kaffee. Gleichzeitig die Brühe genüsslich nippend, kündigen die selben Lippen aber sogleich an, dass der Islam der Untergang für das christliche Abendland bedeuten würde.

In diesem Lied beschreibt Guru von Gang Starr sein ganz persönliches, auch nicht einfaches Verhältnis zum Islam.

Ich merke den Zwiespalt an meiner eigenen Haut. Als Hiphop Fan der 90er Jahre musste ich wohl islamophil werden. Insbesondere Guru von Gangstarr (r.i.p.!) war dafür verantwortlich, dass ich mich intensiv mit Malcolm X auseinandergesetzt habe und auch die Soul Brothers (Pete Rock & CL Smooth) oder Brand Nubian taten das ihre, um mich für diese so fremde Kultur eines afro-amerikanischen Islam zu begeistern, besser gesagt, zu interessieren. Weil andererseits nervt mich die Humorlosigkeit und Reflexionshemmung zeitgenössischer islamischer Fundamentalismen ungemein. So sehr, dass die Frage nach dem Kopftuch oder kulturer Segregation von mir nicht immer islam-freundlich beantwortet werden kann.

Sebastian Brameshuber kenne ich aus dem Hiphop-Kontext alter Zeiten. Er war genauso wie ich ein Master of Ceremony und auf den Hip-Hop-Jams verband uns die Freude am Spiel mit dem Wort. Das ist lange her, aber dieses gemeinsame Grundverständnis war wohl ausschlaggebend dafür, dass ich seinen Ansatz und seine Faszination für das Phänomen des Muezzins von Anfang an nachvollziehen konnte. Der Anfang ist wichtig zu erwähnen, weil er liegt ebenso schon Jahre zurück. Jetzt ist das Projekt endlich zum Abschluss gebracht und seit Freitag läuft sein Film "Muezzin" in ausgewählten österreichischen Kinos.

Sebastian Brameshuber

Der Film bietet einen eindrucksvollen Einblick in die so fremde Kultur des moslemischen Gebetes. Fünf Mal am Tag ist es der Muezzin, der die Gläubigen wie die Ungläubigen zum Gebet in die Moschee ruft bzw. sie daran erinnert. In einer Stadt wie Istanbul gibt es tausende Moscheen. Es gibt auch tausende Muezzine. Istanbul ist das Zentrum dieses speziellen religiösen Sprachgesangs und die Türkei hat dieser Kultur einen ganz besonderen Stellenwert eingeräumt. Muezzine sind Beamte, sie werden ausgebildet und geprüft und auch nur in der Türkei gibt es einmal im Jahr einen Wettbewerb, der den Besten unter den Muezzinen des Landes finden und küren soll.

muezzin

"Muezzin" läuft seit 18. Juni 2010 in den österreichischen Kinos

Dies ist ein ganz wesentliches Paradoxon, ein Widerspruch, den man im aufgeklärten Abendland erst einmal verstehen muss. Es gibt islamische Theologen, die Instrumente verteufeln. Musik, die der Unterhaltung dient, ist böse und wird verdammt. Aber Muezzine erhalten die Möglichkeit einer höchst individuellen Entfaltung und schaffen eine subtile Ästhetik innerhalb ihres klar abgesteckten Rahmens.

Wir könnten sagen, dass es ein Naturgesetz gäbe und dass sich der Hang zum Schönen, zur Kultur auch nicht durch strenge Gesetze endgültig verbieten ließe. Aber genau dies wäre die europäische Falle unseres Denkens, die Wurzel des Unverständnis, der tiefe Graben zwischen so unterschiedlichen Kulturen. Diese Arroganz würde übersehen, dass der Islam nicht durch Kunst aufgeweicht werden müsste. Die Schönheit der islamischen Kultur entfaltet sich in sich selbst. Moderne Fundamentalisten entlarven sich durch Unkenntnis der Ästhetik ihrer eigenen Kultur genauso wie die ungläubigen abendländischen Lästerer und wer hier Augen und Ohren offen hat, erkennt die hohe Qualität der religiösen Rezitation auf der anderen Seite des Posporus ohne weiteren Zweifel.

Wir können unsere Perspektive nicht wechseln, aber wir sind in der Lage auf der Basis von Respekt und Verständnis miteinander konstruktiv zu kommunizieren. Das ist Sebastian Brameshuber und seinem Team ganz besonders gut gelungen. Die Portraits der durchwegs so eitlen Männer an den Mikrofonen sind sensibel in Szene gesetzt und europäisches Augenzwinkern erfolgt im respektvollen Abstand und unkommentiert. Dieser bestechend einfache Stil verschafft einen höchst intimen Einblick in eine türkische Mikrokultur, die sich gar nicht so groß von unserer Welt unterscheidet und doch ganz anders ist.

In diesem Punkt ist Jan Assmann ganz anderer Meinung. Ein interessanter Diskurs, der endlich einmal auf breiter Basis geführt werden müsste.

Die Muezzine rufen "Allah ist groß" und es wäre ein schöner Traum, wenn wir dem Ruf folgen würden. Monotheismus muss nicht als radikale Trennlinie verstanden werden. Es könnte auch als gemeinsames Element gedacht sein.