Standort: fm4.ORF.at / Meldung: "Menschen, die es sich ausgesucht haben"

Clara Trischler Jerusalem

Erzählt an dieser Stelle über israelische Alltagsbeobachtungen.

5. 1. 2010 - 17:03

Menschen, die es sich ausgesucht haben

Aus Liebe, aus Gaza oder für eine andere Welt.

Menschen die in Israel leben und ihre Geschichten: Die Israelis

Café Jerusalem

Clara Trischler/FM4

Dinge, die man niemals frei hat wählen können, die aber großen Einfluss auf Dein Leben haben können:

Die Neurosen des Vaters, das Temperament der Mutter.
Die Entfernung von einer fallenden Bombe.
Die Haut, in der man geboren ist oder der Ort - Reykjavík? Ramallah?

Als Isländerin kann man ein israelisches Visuum beantragen.
M. ist im arabischen Teil Jerusalems geboren, verliebte sich mit Anfang zwanzig in eine jüdische Europäerin und lebte zehn Jahre in Belgien. Weil er seinen Lebensmittelpunkt länger als drei Jahre außerhalb Ostjerusalems hatte, verliert er das Aufenthaltsrecht an seinem Geburtsort.

Dinge, die wir niemals frei gewählt haben: unsere Großeltern.

Wenn wir in Israel zur Welt gekommen wären, wären wir die, das Gewehr unter dem klapprigen Mosaiktisch, zu Minzlimonade im Straßencafé plaudern?

Ich suche mir Menschen, die sich ausgesucht haben, in Israel zu leben.

Der erste facebook-Nutzer Gazas

Nidal lächelnd

Nidal Bulbul

Nidal wurde als erster facebook-Nutzer Gazas ein bisschen bekannt. Er sitzt im späten Licht seines Gartens, wir trinken Minztee. Er hat den letzten Krieg nicht in Gaza erlebt, erzählt mir aber von der Zeit davor.

Von seiner Kindheit in Gaza, von der Normalität. Als Jugendlicher arbeitet er an einem Kiosk und liest das Zeitungspapier, in das er die Falafel wickelt. Warum Gaza, warum passiert das hier? "Ich habe mir meine Eltern nicht ausgesucht, ich hab mir meine Nationalität nicht ausgesucht, ich hab mir nicht ausgesucht, ein Typ aus Gaza zu sein."

Nidal rauchend in seinem Garten

Agnes Prammer

Nidal nimmt eine Kamera in die Hand, beginnt zu filmen und wird bei Reuters, der größten internationalen Presseagentur, freiberuflich angestellt. "Es war nicht immer einfach. Einmal wurden 18 Menschen derselben Familie getötet. In Stücke gebombt. Da war nichts zu filmen. Nur ein weites Bild mit zerfetzten Stücken von Menschen."

Vor zwei Jahren fällt nach einer Explosion ein vier Tonnen schwerer Jeep eine Brücke hinunter, auf Nidals rechtes Bein. Am Checkpoint nach Israel muss er nachts leichtbekleidet acht Stunden warten. Nidal ist alleine, er erinnert sich an die Blutlache, die sich unter seiner Liege bildet. Dass es kalt ist und schmerzt.

Nidals Nachbarschaft

Clara Trischler/FM4

Im Mai 2006 hört Nidal eine Explosion und macht sich fertig. Sieht augenverschleiernden Rauch aus einem Haus aufsteigen. Vier Stockwerke fallen zusammen, wie Platten, die sich ineinander schieben. Es ist das Haus seiner Freundin. Seiner Freundin, mit der er früher seine Zukunft geschrieben hat. "Um Kameramann zu sein darf ich mir nicht vorstellen, dass das jemandem passiert, der mir nahe ist." Die beiden kannten einander, seit sie acht waren. Sie starb am selben Tag.

Nidal verbrachte seine Zigarettenpausen und Nächte im Schnittstudio zusammen mit Fatel, der auch mit seiner Kamera für die Presse arbeitete. Im April 2008 filmt der, auf einem Hügel von Granatsplittern getroffen, seinen eigenen Tod.

Nidal rauchend in seinem Garten

Agnes Prammer

Im Krankenhaus denken die meisten, Nidal wäre israelischer Soldat. Die Amputation sieht nach einer Kriegsverletzung aus, er ist im richtigen Alter. Sobald sie Nidal fragen, wo er her kommt, verstummen die Annäherungen. Irgendwie ist er ja auch im richtigen Alter, um Suizidbomber zu sein.

Nidal fuhr einmal auf ein Seminar mit jungen Deutschen und Israelis. Sie erzählten einander ihre Geschichte, aßen zusammen, diskutierten, teilten Gefühle. Beim Abschied sagte ein Deutscher dann "Ja, wir mögen den Palästinenser, sind gerne in Israel und waren auch im Westjordanland. Und weil ich durch einige Checkpoints gegangen bin, wo mich Israelis aufgehalten haben, bin ich förmlich selbst zum Palästinenser geworden", die Israelis erzählten von kulturellen Ähnlichkeiten. Nidal kann das nicht glauben. "Ich sagte: 'Die Frage ist doch, würdest Du mich als einer aus Deiner Familie akzeptieren? Was, wenn ich Deine Schwester heiraten wollte?'
Der Israeli hat nur den Kopf gesenkt."

Dächer Jerusalems

Matthias Hörtenhuber

Abschied aus Jerusalem

Ein seltsames Abschiedsfest, von Weitem ist die Gitarre aus dem warmen Garten zu hören. Es ist dunkel, nur ein paar Kerzen, alle sind ruhig. Dann ein Lied, das bei der Gedenkfeier an Nidals verstorbene Freundin gespielt wurde, ein Mädchen singt immer wieder dasselbe Wort mit, eine ganze Weile, jedes Mal klingt es anders.

Wir wissen alle nicht, ob Nidal am nächsten Morgen zu seinem Kamerastipendium nach Deutschland fliegen wird. Oder ob ihn israelisches Sicherheitspersonal am Flughafen festnehmen wird, weil er als Palästinenser zu lange in Israel gelebt hat.
Das Sitzen und Warten ist bittersüß, es ist finster und spät, ein von Nidal verkuppeltes Paar ist gekommen, ein versunkenes Mädchen schaukelt stehend vor sich hin. Der Freund auf der Gitarre stimmt "Aisha" an, dieser Popsong, der in der arabischen Welt noch nicht vergessen ist, warten, die Sonne geht fast auf, es ist unglaublich.

Zu Hause bleiben, Uni beenden, Heiraten oder...

Rebecca am Strand

Clara Trischler/FM4

Emily fragte ihre Eltern, was nach der Schule kommt, und sie erzählten ihr von der Matura. "Und danach?", hat sie gefragt, dann kommt das College. "Und dann?", dann gehst Du auf die Uni, "Und nachher?", dann heiratest Du und kriegst Kinder.
"In den USA werden die Menschen darüber definiert, was sie tun. Wie in Europa ist es eben eine Leistungsgesellschaft, wo du irgendetwas und nicht irgendjemand sein sollst. In Israel, so habe ich das Gefühl, die Menschen versuchen Dich zu sehen, wie Du bist, was Dich interessiert." Sie arbeitet in Jerusalem freiberuflich, hat Zeit für Kurse in Judaistik und im Caféhaus zu sitzen und sich Zeit dafür zu geben, an ihrem Buch zu schreiben. In den USA würde ihr Leben so nicht funktionieren, das weiß sie, und es ist seltsam, das Gefühl, dass sie bald wieder in diese Welt zurück gehen wird. Sie fühlt sich zufrieden, mehr als als sie noch kämpfte und das Gefühl hatte, alle möglichen vorgefertigten Stationen erfüllen zu müssen. Als sie geradliniger war, nahe daran, den amerikanischen Mittelklasse Lebenslauf abzuspulen, ihren Ex-Freund zu heiraten und heute ganz woanders zu sein.

"Das Zusammenleben von drei Religionen an einem Ort ist wie mit dem Ex-Freund zusammen wohnen zu bleiben"

Kedem und Natalie tanzend

Clara Trischler/FM4

Die Australierin Natalie kellnerte sich winters einige Monate durch Paris und lernte in einem Hostel Kedem kennen. Nach stundenlangem Flanieren, ungeplantem Picknick und nicht vergessbarem Kuss kam er immer wieder zurück. Als sie ihn nach einigen Monaten zum ersten Mal in Israel besuchte, verlobten sie sich.
Die jüdische Amerikanerin Rebecca kam für einen Sommer nach Israel, machte einen Sprachkurs, lebte in Jaffo am Meer, verliebte sich im Bus von Jerusalem nach Tel Aviv in Yuval und kam nach ihrem Collegeabschluss wieder zurück. Sie kellnert, babysittet und arbeitet in einem Buchladen, schlecht bezahlt, hat aber das Gefühl, gerade am richtigen Ort zu sein.

Schwuler Demonstrant in Jerusalem, ratlos

Clara Trischler/FM4

Schwuler Demonstrant zur Erschießung Homosexueller in Tel Aviv, Sommer 2009: "Ich bin ausgewandert um hier als Jude sicher zu leben. Und jetzt?"

"Es ist ziemlich verrückt, ich hätte nie daran gedacht, im Nahen Osten zu leben, in einem Land das im Krieg ist, so wahnsinnig chaotisch, voller neurotischer, voller direkter, seltsamer Menschen", sagt Natalie.
Der religiöse Teil von Kedems Familie lud sie lange nicht zu Familientreffen ein und stellte klar, dass sie nicht zu einer nicht-jüdischen Hochzeit erscheinen würden. "Für mich wäre es auch nicht leicht, manche Rituale, die ich aus meiner katholischen Kindheit mag, unerfüllt zu sehen", meint Natalie.

Time is short, the music won't last

Manche kommen nach Israel, um etwas zu bewegen. Der überzeugte deutsche Zionist Daniel, der die Israel-Flagge vom Balkon hängt oder die palästinenserschaltragende Lina, die in Zelten ohne Strom, in besetzten Wüstengebieten schläft, um sich gegebenenfalls vor abreißende Bagger zu stellen.

Beides zeugt von einem gewählten Gerechtigkeitsbewusstsein.
Trotzdem vermute ich eine unbestimmte Sehnsucht nach dem persönlichen Vietnam-Krieg-Protest, nach der eigenen Revolte in unserer immer wieder als konservativ und unbewegt bestempelten Generation, die sich nicht recht auf eine Richtung festlegen lässt, weil sie in Subkulturen, Musikströme, Kleidungsstile und ungruppierte Ideologien zersplittert ist.

Junge AktivistInnen, die von der israelischen Armee schwer verwundet oder getötet wurden: Rachel Corrie, Tristan Anderson, Tom Hurndall, Brian Avery.

ISM-Aktivist Tom Hurndall

Commons

Tom Hurndall

Manche ausländischen AktivistInnen leisten fast schlaflos unglaubliche Dinge, die kein Israeli oder Palästinenser politisch so organisieren könnte. Aber es ist so einfach, als friedliebender Europäer in den Nahen Osten zu kommen und zu glauben, zu wissen, was gerecht ist, was stimmt.

Es ist wahr, dass die norwegischen, die israelischen, die internationalen Medien lauter aufschreien, wenn ein junger norwegischer Aktivist angeschossen wird, als ein palästinensischer.
Vielleicht sind also verträumte Weltbeweger einfach pragmatischer geworden, wenn dann vor Nächten in palästinensischen Häusern auch mal gefragt wird: „Und wer von Euch ist bereit, sich festnehmen zu lassen?“

Demonstranten in Tel Aviv

Clara Trischler/FM4

Und so wählen sie weiter, bleiben oder verlassen das Land wieder.
Emily wohnt mit ihrem israelisch-amerikanischen Verlobten im gemeinsamen Haus in Seattle, Natalie heiratet diesen Monat Kedem in Australien, um dann wieder nach Israel zurückzuziehen, für eine Weile. Viele AktivistInnen bleiben länger als erwartet und Nidal sieht auf seinen facebook-Bildern aus Deutschland wirklich glücklich aus.