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Clara Trischler Jerusalem

Erzählt an dieser Stelle über israelische Alltagsbeobachtungen.

7. 8. 2009 - 18:53

Nächtliches Warten zu arabischem Café

Eine palästinensische Familie erzählt uns aus ihrem Leben, bevor sie aus dessen Schauplatz evakuiert wird.

Palästinenserkid am Feuer

FM4 / Clara Trischler

Es ist eine kühle Märznacht. Ich sitze mit zwei palästinensischen Burschen im Freien des arabischen Teils von Jerusalem. Wir wärmen uns die Hände an einer brennenden Tonne. Sie hören hebräischen Emo-Pop aus ihrem Handy, während wir auf die Nacht warten, um mit AktivistInnen im Wohnzimmer einer palästinensischen Familie zu schlafen.

AktivistInnen

Fm4 / Clara Trischler

Maher und seine Söhne Rami und Omer, links

13. März - Backgammon, Wasserpfeife und süßer Tee

Als 1948 Israel gegründet wurde, besetzte Jordanien den Osten Jerusalems. 1967 wurde er wieder von Israel besetzt, das seither Besitzansprüche an Orte stellt, die vor 1948 von Juden bewohnt waren. Das betrifft auch das Haus von Maher Hanoun, da half auch nicht, dass er beweisen konnte, dass dieses Haus seiner Familie schon lange vor 1948 gehörte.

Der Familienvater Maher Hanoun und sein Sohn sind schon in diesem Haus geboren. Ich treffe auf junge norwegische Aktivistinnen mit geschorenen Haaren und Palästina-Schals, die in die Runde fragen, wer bereit ist, sich festnehmen zu lassen oder anzuketten. Sie übernachten hier, seit die Familie Hanoun laut gerichtlicher Bescheinigung jederzeit evakuiert werden darf.

Nachts selbst ist es dann ruhig.
Die israelischen und internationalen SympathisantInnen spielen mit den palästinensischen Jugendlichen und Kindern Backgammon, rauchen Wasserpfeife, bringen einander Spiele bei. Sie reden über einander Leben. Die Mutter serviert süßen Tee. Auch ein „Rabbi for Human Rights“ bleibt wach. In vielen Momenten scheint es eine ausgelassene, natürliche Nacht, in der einfach am Ende alle auf Matratzen schlafen.

Josh & Jenna rauchen in der Küche

FM4 / Clara Trischler

Josh & Jenna

Der Londoner Israeli Josh fragt Mahers 17-jährige Tochter Jenna, ob sie Angst habe.
Gegen Mitternacht hätte ihr Herz gerast, sagt sie, aber sie weiß ja jetzt, wie so eine Evakuierung läuft. Vor sieben Jahren, 2002, ist ihnen das schon einmal passiert. Da war sie 10.

In dieser Nacht ist weiter nichts passiert. Im frühen Morgenlicht erwachen die Schlafenden, die Mutter macht tiefschwarzen arabischen Café. Maher ascht ins Küchenwaschbecken. Wir machen uns auf den Weg zur Arbeit, auf die Uni, ins eigene Bett.

Lichterscheinungen des Morgens

FM4 / Clara Trischler

2. August - 05:20

Es ist noch vor Sonnenaufgang, als erst das Zauntor, dann die Haustür aufgebrochen und die Fenster eingeschlagen werden. „Nur um die Kinder zu schrecken und die Nachbarn einzuschüchtern“, so Maher Hanoun, nehmen übertrieben viele Polizisten die Anwesenden fest und tragen sie aus dem Haus.

Niemand rechnete damit, dass die Soldaten in dieser Nacht kommen würden und irgendwie ist es seltsam. Nur wenige Stunden zuvor wurden in Tel Aviv zwei Menschen erschossen. Manche munkeln über einen Zusammenhang zwischen der erahnbaren medialen Aufmerksamkeit da- und der gewollten medialen Stille hierüber.

Ein Drittel der Einwohner Jerusalems sind Palästinenser, bei den bis zu 10-Jährigen sind es 42%. Die zukünftige demographische Lage ist daher absehbar.
Als OstjerusalemerIn kann es dich deinen Personalausweis kosten, einmal das Land zu verlassen. Ohne den kann man aber nicht wieder einreisen (selbst wenn man in Jerusalem geboren ist). Als OstjerusalemerIn kann man nicht national, nur kommunal wählen. Aber auch das tun die wenigsten. Angeblich, weil sich am Wahlsystem zu beteiligen so wäre, als würde man sich der israelischen Dominanz fügen.

Später am selben Tag findet der friedvolle Übergang statt, unberührt von den Spuren der Nacht ziehen die SiedlerInnen in ein unbewohntes Haus und behalten das Mobiliar. Sie hieven ihre Kinderwägen in das Haus und ich denke an all die schönen Konnotationen, die mit so einem Einzug in eine unbelastete Gegend einherkommen müssten. Der Beginn einer Zeit, der Beginn neuer Erinnerungen.

"Wo deren Vater wohl geboren ist?", fragt Maher Hanoun. Er war schon mehrmals im Gefängnis, um in diesem Haus wohnen zu bleiben.
Sein Anwalt sagt: „Es gibt keine Chance für Frieden, Frieden ist jetzt vorbei.“ So, denke ich dann, schmiedet jeder mit seinen persönlichen Geschichten sein Siegel, seinen Standpunkt, der sich unabrückbar versteift, weshalb dann die Flexibilität für den vielleicht notwendigen Kompromiss fehlt.

"Without their guns they're scared, man"

Uri, Siedler

FM4 / Clara Trischler

Hinter Uri die orthodoxen Siedler

Am Nachmittag desselben Tages mache ich mich mit Uri, einem Links-Aktivisten und Armeeverweigerer aus Gewissensgründen, auf den Weg zur Demonstration gegen die Evakuierung der Hanouns und einer weiteren Familie.
Er spricht darüber, wie alt viele der AktivistInnen plötzlich aussehen. Und fragt sich, ob er selbst darüber alt wird.

Die kommenden Stunden reihen sich in einer Stimmchoreographie von Singen, Sprechchören und warnenden Megaphon-Ansagen. Darauf folgt die Aufreihung im Spalier, Soldaten stehen DemonstrantInnen gegenüber, ein junges Mädchen schreit einem Soldaten zu: "Keep smiling! Things will change!" Die Soldaten drängen die DemonstrantInnen immer mehr an eine Grenze, bleiben stehen, zeitweise kommt es kurz zu Gerangel, die Soldaten ziehen sich wieder zurück.
"Without their guns they're scared, man", sagt ein Demonstrant zum anderen.

Soldatenspalier

FM4 / Clara Trischler

Persönliche Überbleibsel, von Siedlerkindern entsorgt

Es ist ein bizarres darauf Warten, dass etwas passiert.

Orthodoxe Talmud-Studenten fahren zweimal provokant vorbei, bleiben lachend stehen, lassen sich dabei filmen und fahren weiter.

Siedler

FM4 / Clara Trischler

Ein junger Amerikaner sagt, er wolle amerikanische Juden wissen lassen, was sie da finanziell unterstützen. Ein Siedler, der mit den DemonstrantInnen spricht, zitiert die Stelle aus der Bibel, in der Gott zu Abraham sagt "all the land that you see I will give to you and your offspring forever", also dem jüdischen Volk. Barack Obama habe auf diese Bibel geschworden, sagt er, deshalb könne der jetzt nicht aufhören, Israel zu unterstützen.

Spät ziehen sich die SoldatInnen schusssichere Westen über.
Kinder von Siedlern werden mit Kartonboxen von Sachen der Hanoun-Familie vor die Tür geschickt, um sie demonstrativ zu entsorgen.

PalästinenserInnen

FM4 / Clara Trischler

Dinge, die man niemals frei hat wählen können

PalästinenserInnen stehen relativ passiv im Hintergrund. Für sie ist es weit gefährlicher, verhaftet zu werden oder sich mit israelischen Autoritäten anzulegen. Viele protestieren mit Gesang und Sprechchören.

Eine junge Amerikanerin schreit auf hebräisch: „Du weißt, dass es falsch ist, jüdische Menschen einziehen zu lassen, wo ihr gestern noch Palästinenser geräumt habt. Du weißt, dass es falsch ist und es ist zum Kotzen und du weißt, dass es zum Kotzen ist!"

Seltsames Gefühl, 18-jährigen Soldaten gegenüber zu stehen und zu wissen, dass sie nicht die Befehle ausgeben, die sie ausführen, dass sie sich ihrer eigenen Meinung womöglich nicht sicher genug sind, um einen davon nicht zu befolgen. Dass sie nicht der wahre Feind der Menschen, die gerade ihre Häuser und ihr darin befindliches Leben verloren haben, sind.

Soldaten

FM4 / Clara Trischler

Nach einigen Stunden geht es dann ganz schnell: Sechs Polizisten greifen einen stehenden Demonstranten am Rucksack und zerren ihn in den Polizei-Minibus. Die Umstehenden sind wie paralysiert und begreifen erst nicht.

Warum müssen bei einer Demonstration Menschen festgenommen werden?

Die "Internationalen", wie sie genannt werden, sind ein notwendiger Puffer in dieser Situation. Werden sie festgenommen, werden sie vergleichsweise zart behandelt, im schlimmsten Fall des Landes verwiesen. Die internationale Reaktion, wenn ihnen etwas passiert, ist allerdings ungleich schärfer, als wenn ein Palästinenser eingesperrt wird.

Beliebig werden sitzende Anwesende unter Kreischen und Schreien in das Polizeiauto getragen oder gezogen. Drei junge Frauen umarmen einander so fest, dass sie nicht weggetragen werden können. Wie physisch sich Gewalt anfühlt, sich Schreie anfühlen, wenn sie nahe um einen passieren. DemonstrantInnen blicken um sich und die gefühlte Auswegslosigkeit macht die Situation ganz still.

Bei der Abfahrt hält sich ein Aktivist permanent am Auge, ein anderer hat offensichtliche Kopfverletzungen. Zwölf Menschen wurden festgenommen, drei Palästinenser, fünf Israelis und vier Internationale. Als das Auto davon fährt, bleiben Stille und zerstreute Menschen.

Evicted palestinian women

FM4 / Clara Trischler

Jenna und ihre Mutter, Mahers Frau (dritte von rechts)

Maher Hanoun ging gleich am nächsten Morgen wieder vor Gericht.
Seit sechs Nächten schläft er jetzt gemeinsam mit seinen Söhnen und einigen AktivistInnen am Gehsteig vor seinem Haus.