Standort: fm4.ORF.at / Meldung: "Was vom Jahr noch übrig blieb"

Philipp L'heritier

Ocean of Sound: Rauschen im Rechner, konkrete Beats, Kraut- und Rübenfolk, von Computerwelt nach Funky Town.

3. 2. 2009 - 16:01

Was vom Jahr noch übrig blieb

Wolken ziehen vorüber. Ein Blick auf die vielleicht ein bisschen zu wenig bejubelte Platte: "Black Sea" von Fennesz.

Der Einstieg täuscht, legt leise falsche Fährten aus. Da scheinen tiefschwarze Geröllschichten sich zu verschieben, abzubröckeln und eine halbe Zivilisation, die gerne darauf wartet, unter sich zu begraben. Scharfkantiges Knistern, ein Brutzeln, ein Brummern und dunkles Maschinenraunen deuten da auf einen Besuch in den mit Schnellschussapparaten vollgestellten Fabrikshallen des Industrial hin. Weit gefehlt: Nach wenigen Momenten tun sich Ambientflächen - die haben sich, da bin ich mir sicher, Engel ausgedacht - auf und leiten den Eröffnungstrack von "Black Sea", der sich da genauso nennt wie das Album selbst, nach wenigen Minuten hinein in die melancholisch gezupfte Gitarre von Christian Fennesz. Es ist eine sachte Ahnung davon, was da noch folgen soll, auf diesem, gerade noch halbaktuellen Album von Christian Fennesz: "Black Sea".

Portrait von Christian Fennesz

Maria Ziegelboeck

Zugegeben, das Jahr 2008 liegt schon in ausreichender Ferne in der Vergangenheit. Ja eh, die Jahresrückblicke sind längst gut abgehakt, die Bestenlisten zehnmal durchgeleiert. Traditionell können neben all soviel großartigem und gleißendem, bunt die Genres durchmessendem Pop-Potpourri, Platten, die auf ersten Blick einen reduzierteren Ansatz verfolgen, in der öffentlichen Wahrnehmung ein kleines Bisschen untergehen. Christian Fennesz hat vor gut zwei Monaten ein Album veröffentlicht und es "Black Sea" genannt. Die Zeitungen haben berichtet, Interviews wurden geführt. "Black Sea" ist allerorts mehr als wohlwollend willkommen geheißen worden und hat so beispielsweise auch in ireeelchen Jahrescharts Platz 31 belegt. Der Weg hinaus aus den mehr oder weniger speziellen Spezialzirkeln hinein in eine breitere Hörerschaft hat die Platte - wieder einmal - nicht geschafft.

Okay, soo sehr nicht zu erwarten ist das auch wieder nicht gewesen, etwas mehr Spezialeffekterauschen im Medienwald hätte man vermutet. Ist "Black Sea" doch ein Album geworden, das ohne Mühe nicht ausschließlich in den Regalen der Avantgarde verstauben sollte, ein Album, das so sehr, finster grundiert zwar, Pop - man soll ihn als gut verstehen - ist, wie es diese Art von Musik nur sein kann, ein Album für ALLE. Ein letzter, kurzer, wirklich kurzer Blick in Ehrfurcht zurück auf ein bestes Album des Jahres 2008 soll da erlaubt sein, dann ist aber Schluss. Es ist ja nie zu spät. Hoffentlich.

Portrait von Christian Fennesz

Maria Ziegelboeck

Immer, immer, bis in alle Ewigkeiten hinein, wenn die Rede auf Fennesz kommt, wird auch die Rede von "Endless Summer" sein müssen. Freilich ist auch das Frühwerk von Fennesz nur schwer zu überschätzen, spätestens aber mit Erscheinen dieses, ja, wegweisenden Albums im Jahr 2001 gilt Fennesz, auch wenn ihm diese Zuschreibung möglicherweise nur wenig behagen mag, als Star einer menschenfreundlichen Avantgarde. Während vielerorts häufig so apostrophierte "Laptop-Musik" im weitesten Sinne, "Elektroakustik" oder überhaupt "Elektronik" - eine Szene, wenn man so will, deren Weltzentrum um die letzte Jahrtausendwende mit Labels wie Charizma oder Mego nicht zuletzt auch Wien war - merkwürdigerweise als zu verkopft oder akademisch verunglimpft wurde, verdeutlichte "Endless Summer", dass sich Computermusik, Technikglauben, Melodie und Pop aber so was von gar nicht im Weg stehen. Wenn denn demnächst die Abrechnungen bezüglich des gegenwärtigen Jahrzehnts ausgetüftelt werden, wird diese Zusammenführung von Rechnerrauschen, delikater Gitarre, immer wieder, den Beach Boys und einer schmelzenden Sonne so erhaben dastehen wie der Stephansdom in der Wüste. Nicht nur im weiten Feld der Elektronik, schon gar nicht auf bloße Staatszugehörigkeiten reduziert.

Wenn also nun "Black Sea" nach "Venice" aus dem Jahr 2004 erst das dritte Solostudioalbum von Christian Fennesz innerhalb von knapp 8 Jahren ist, war der Mann, der Wien und Paris als seine Wohnsitze anführen darf, in der Zwischenzeit freilich keinesfalls untätig. Zusammenarbeiten mit Vielseitigkeitsmann Jim O'Rourke, Mike Patton, Großkünstler Ryuichi Sakamoto oder Peter "Pita" Rehberg, dem Betreiber des mittlerweile zu Editions Mego gemorphtem Jahrhundertlabels Mego, sind da nur ein kleiner Ausschnitt in einem vielschichtigen Schaffen. Sein gemeinsam mit Werner Dafeldecker und Martin Brandlmayr aufgenommenes, kürzlich beim hervorragenden Wiener Label Mosz erschienenes Album mit dem sperrigen Titel "Till The Old World's Blown Up And A New One Is Created" soll da nicht in Vergessenheit geraten.

"Black Sea" aber ist wieder Fennesz als Fennesz himself. Und dabei ist er auf der Höhe seiner Kunst. Fennesz hat in Interviews kein Problem damit seine Platten unter Zuhilfenahme von Farbschattierungen zu beschreiben. War "Endless Summer" noch das sonnendurchflutete Orange-Rot und "Venice" eine sumpfige, grünbräunliche Lagunenstadt, so liegt "Black Sea" unter Schlick begraben, von Asche bedeckt, schwarz und grau. Da schwellen wohlige Drones im Zeitlupentempo an, darunter hat Christian Fennesz wie gehabt aus den Gitarrensaiten herausgearbeitete Melodien versteckt, die sich nur langsam offenbaren mögen.

Portrait von Christian Fennesz

Maria Ziegelboeck

Immer wieder werden Fennesz die großen englischen Gitarrenwanderrichter My Bloody Valentine, die ja glücklicherweise aktuell wieder hoch im Kurs stehen, als Referenz in die Biografie geschrieben: Hinter dichten Nebeln wartet da die Wonne, hineingeschnitzt ins Detail.

Albumcover von Black Sea

Fennesz

"Black Sea" ist 2008 bei Touch erschienen.

Fennesz bearbeitet feingliedrig Software und Effektgeräte, zweimal bekommt er Unterstützung von Geistesverwandten: Einmal baut da der Neuseeländer Rosy Parlane, der ebenso wie Fennesz beim englischen Label Touch veröffentlicht, das Stück "Glide" zu einem der besten im an besten Stücken nicht armen Fennesz'schen Katalog mit auf, anderswo, im Stück "The Colour Of Three", trifft das präparierte Klavier des Australiers Anthony Pateras auf den großen Gitarrenpräparator Fennesz. In der Verschiebung kleiner Sandkörner manifestiert sich auf "Black Sea" ein ganzer Mikrokosmos. Man hat schon davon gehört, die vollkommene Pracht von "Black Sea" entfaltet sich erst bei großer Lautstärke. Und dann, auch wenn "Black Sea" alles andere ist als funktionslose Umgebungsmusik, wird man gar nicht mehr bemerken, dass man sie mittlerweile wieder und wieder ohne Unterbrechung gehört hat, diese mächtige Musik.