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Philipp L'heritier

Ocean of Sound: Rauschen im Rechner, konkrete Beats, Kraut- und Rübenfolk, von Computerwelt nach Funky Town.

2. 4. 2017 - 12:16

Watch the Throne

Der Song zum Sonntag: Kendrick Lamar - "HUMBLE."

Das Wort "humble" würde man im Normalfall nicht mit HipHop und Rap assoziieren. Bescheidenheit muss nicht sein. Oft geht es um das großspurige Auspreisen der eigenen Fähigkeiten, das Glänzen mit allen Gütern, die man sich so verdient hat, das Spazierenführen der dicken Hose.

Kendrick Lamar weiß das natürlich. Jeder weiß das, und wenn man an der Oberfläche nur eine Sache über HipHop wissen möchte, so kann man sich dann an diesen Klischees erfreuen.

Kendrick Lamar

Kendrick Lamar

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  • Auch der geschätzte Wissenschafts- und Popjournalist Thomas Kramar macht sich in der Presse am Sonntag zum jeweils selben Song seine Gedanken.

Kendrick Lamar nutzt das Reibungspotenzial des Begriffs und baut doppelte Böden ein, dreht und wendet die Bedeutungsebenen. Nicht umsonst ist Lamar mit seinen ersten beiden Alben zum spannendsten MC der letzten zehn Jahre geworden - in seinen Tracks geht sich die Pose vom Gangster und Conscious Rap aus, Politik und Fun, kosmischer Jazz, Schabernack, Afrofuturismus und Sex.

Das Stück "HUMBLE." (es muss natürlich auch gleich so geschrieben werden) ist der Vorbote auf Lamars viertes Album. Es erzählt nun davon, dass das Aufrechterhalten eine gewissen Bescheidenheit und Demut durchaus wichtig sein kann, vor dem eigenen, nun ja, bescheidenen Upbringing vielleicht, vor Familie, vor Gott.

Auch er kann das, Kendrick, bescheiden sein, in erster Linie geht es in dem Stück aber um die Umkehrung des Prinzips: Im Angesicht von Kendrick Lamars Skillz, in seinem mächtigen Schatten tun all die anderen gut daran, "humble" zu sein.

Produziert hat den Track Über-Producer Mike WiLL Made-It, der in den letzten Jahren so gut wie alle im Studio betreut hat: Rae Sremmurd, 2 Chainz, Ciara, Rihanna, Beyoncé, Miley Cyrus.

Er hat Kendrick Lamar ein betont sprödes, minimalistisches Bett gebaut. Ein knappes Klavier-Thema, das monoton, kaum variiert durch den Song schaukelt, kann durchaus fast schon an den Nerven zupfen. Ebenso rudimentär ist der Rhythmus, ein scharfes, karges Zischeln aus der Drum-Machine, ein Beat, der kaum auf Durchschlagskraft aus ist, bloß unaufdringlich Lamars Texte unterstützt - er ist hier der Star, da muss selbst die Musik bescheiden bleiben.

Ab und zu quietscht's und heult's ein bisschen im Synthesizer, kurz ein paar Töne aus der Noiserock-Gitarre, das war es dann schon, erinnert an die mittleren Arbeiten des neuen Minimalismus der Neptunes, bloß den Funk hat man hier noch zwei Stufen runtergekocht.

So soll es sein. So entsteht ein Mantra, Wiederholung, Wiederholung, Hypnose. Kendrick Lamar hat uns aufgeschüttelt und eingelullt.

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