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Maria Motter Graz

Bücher, Bilder, Kritzeleien. Und die Menschen dazu.

1. 4. 2017 - 11:32

Nur raus aus der Wüste

Eine exklusive Preview von Ana Lily Amirpours jüngstem filmischen Horrortrip auf der Diagonale in Graz spießt sich mit der Erwartungshaltung.

Am schönsten ist die Diagonale in den kleinen Momenten, in denen einem der österreichische Film persönlich über den Weg läuft. Mitten in der Nacht sieht ein Angestellter des Hotels in meiner Nachbarschaft im Schanigarten nach, ob alles passt und rückt die Sessel in Position. "Ich hab' auch schon mal in einem Film mitgespielt", erzählt er dabei einer kleiner Runde mit dem Schauspieler Philipp Hochmair, "'Wochenende' hat der Film geheißen und gedreht wurde auch am Dach von Kastner&Öhler."

Indessen ist die Luft im Haus der Architektur dünn wie in einer schwülen Sommernacht und zwischen Kunsthaus-Innenhof und Bar8020 wird begrüßt, getroffen, nachbesprochen, empfohlen und umarmt. Für den Empfang von Ulrich Seidl wurden nachmittags viele Brote geschmiert. Die Leinwand im KIZ KinoRoyal ist um eine Handbreite größer als die im Gartenbaukino in Wien und mitten im Riesenandrang in den Foyers warten GrazerInnen mit Getränken in Pappbechern, Popcorn und Wartenummern. Auf gut Glück haben sie vorbei geschaut und hoffen, noch Karten kaufen zu können. Mit dem Wochenende wird das Festival noch um einige BesucherInnen reicher, die an Werktagen nicht untertags ins Kino gehen können.

Die Diagonale setzt dieses Jahr einen Pop-Schwerpunkt und so ist heute Abend u.a. der Regisseur Antonin Pevny in Graz zu Gast. Moby und zuletzt Bilderbuch und Mavi Phoenix zählen zu seinen Auftraggebern. Vielleicht erfährt man die eine oder andere Hintergundanekdote zur Popgeschichte am Puls der Zeit.

Über London und über New York in den Siebziger Jahren weiß man viel. Aber was war zu der Zeit eigentlich in Wien los? Im Dokumentarfilm "Chuzpe" erzählen Zeitzeugen von ihrer Leidenschaft Punk. "Chuzpe" ist jiddisch für Unverfrorenheit und so hieß eine Punkband. Es macht Freude, diese Geschichten zu hören.

Rückenansicht: Ein Mann trägt eine Jacke mit der Aufschrit "Wien du tote Stadt"

Michael Snoj aka Kodak

Unverforenheit - auch ein tolles Konzept für jede Stadt in den Wochen ohne Festivals

Einer Leidenschaft und einem großen Wunsch ist auch Wolfgang Pfoser-Almer nachgegangen: Er hat einen Film über den Bluesgitarristen Leo „Bud“ Welch gemacht. Es ist eine schöne Doku geworden, die man sehr mag, selbst wenn man zuvor noch nie vom 85-jährigen Protagonisten gehört hat. Jetzt geht Wolfgang Pfoser-Almer wieder seinem regulären Beruf als Organisator von Veranstaltungen nach. Er hätte nur den einen Film machen wollen. Auch das ist österreichischer Film.

Ein alter Mann geht vorbei an einem schönen Kino, einem Backsteingebäude

Sixpackfilm

Ana Lily Amirpour und die Erwartungshaltung

In den USA kommt ihr neuer Film erst diesen Sommer in die Kinos, jetzt in Graz zu sein und das Werk jetzt zu zeigen, das sei weird, sagt Ana Lily Amirpour. Die Regisseurin ist mit ihrem zweiten Spielfilm "The Bad Batch" internationaler Gast im Programm der Diagonale und wird vor dem Film mit Begrüßungsjubel gefeiert. Ihr Debüt "A Girl Walks Alone At Night" führte schon mit einer skateboardenden und Hijab tragenden Hauptfigur auf ein Terrain, in dem das amerikanische Gesetz aufgehoben ist. Ana Lily Amirpour wird mitunter als "the new Tarantino" bezeichnet. Vor Filmbeginn schickt sie warnende Worte voraus: Achtung, die Szenen können die Darstellung von Gewalt beinhalten. Jemand johlt. "Well, then I guess you are kinky", kommentiert Amirpour und los geht die Vice-Produktion "The Bad Batch". Für die Kannibalengeschichte gab es bei den Filmfestspielen in Venedig Anerkennung in Form eines Spezialpreises der Jury.

Mach's gut bei den Kannibalen

Gerade aus dem Gefängnis entlassen, wendet eine junge Frau dem US-Bundesstaat Texas den Rücken zu und geht in die Wüste. Ein Schild stellt klar, dass jetzt alle Gesetze aufgehoben sind - "Good luck". Willkommen in einem langsam erzählten Horrortrip, dessen Inspiration ein Alptraum vor dem Besuch des Burning Man Festivals gewesen sein könnte. Aber zu Burning Man fahren längst Marketingabteilungen aus aller Welt zum Betriebsausflug.

In den ersten zwanzig Minuten fließt "The Bad Batch" wie eine Musikvideo-Serie und nur wenig Blut spritzt.
“I love James Dean, Die Antwoord, Michael Jackson, Madonna, the Bee Gees, Sergio Leone, David Lynch, Sophia Loren", hat Ana Lily Amirpour einmal zu Protokoll gegeben. Ihre Hauptdarstellerin gerät in die Falle von Outlaws, die in der Wüste ihr Lager aus Schrottplatzdingen erbauen. Bald muss sie - auf einer Seite die Gliedmaßen amputiert- über den Sand robben. Zwinkersmiley auf gelben Hotpants, Beinprothese und weiter geht es in die benachbarte und verfeindete Zusammenrottung Verrückter, einige Wüstenkilometer entfernt. Dort ist Keanu Reeves in seiner Rolle als Sektenguru erst kaum wiederzuerkennen. Umgeben von einer Privatarmee Schwangerer mit T-Shirts mit dem Aufdruck "The dream is inside me" zelebriert er Auftritte, vercheckt den menschlichen Kreaturen einen "Dream" und lässt Drogen wie Hostien reichen.

Ein Mann mit einem Tattoo über der Brust und eine junge Frau. Filmstill aus "The Bad Batch".

Annapurna-Pictures

"The Bad Batch"

Ich war im Fanblock Ana Lily Amirpours, aber in der Schlussszene mit Hauptfigur, dem Kannibalen und dem besten Filmkind müssen nur wenige laut lachen. Ich muss laut lachen. Natürlich ist das komisch. Und doch noch zum Schluss ein würdiges Filmzitat aus dem Kindermund: "I want spaghetti!!!" Das Beste an "The bad batch" ist das kleine Mädchen, das mit seinem großartig angefressenen Gesichtsausdruck alles sagt.

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