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Burstup

Physische Welt, virtuelle Realität. Politik und Kultur.

31. 3. 2017 - 12:58

Oculus-Gründer Luckey verlässt Facebook

Palmer Luckey galt als das zwanzigjährige Wunderkind, das in der Garage aus einer Skibrille, einem Smartphone und viel Klebeband das beste VR-Headset baute. Es folgte ein Startup-Märchen, ein umstrittener Verkauf und ein politisches Imagedesaster.

Gestern Abend löste die Nachricht Erstaunen aus: Palmer Luckey, der mit seiner erfolgreichen Kickstarter-Kampagne im Jahr 2012 die aktuelle Virtual-Reality-Renaissance ausgelöst hat, verlässt Facebook und somit seine eigene Firma Oculus.

Seit der Gründung der Firma war Palmer Luckey das Gesicht von Oculus. Jahrelang hatte er die mäßig funktionierenden Videobrillen und Games-Headsets anderer Firmen zerlegt und analysiert, und schließlich baute er einen Prototypen, der besser war als alle Headsets zuvor. Luckey präsentierte seine Geräte selbst und er steckte mit Begeisterung an, wenn er über seine Vision von Virtual Reality sprach. Über die Jahre aber büßte Palmer Luckey sein positives Image durch eine Serie von fragwürdigen Entscheidungen ein.

1. Faceboculus

Mit dem Verkauf an Facebook musste der zuvor nur Verehrung gewohnte Luckey zum ersten mal scharfe Kritik einstecken. Die Crowdfunding-Kampagne hatte ihm umgerechnet rund 2 Millionen Euro eingebracht. Die dafür versprochenenen Entwicklerkits (Prototypen des Rift-Headsets) waren auch wie versprochen ausgeliefert worden, und es stand bereits das zweite, wesentlich verbesserte Entwicklerkit kurz vor dem Verkauf - da entschloss sich der erst 20 Jahre alte Firmengründer zum Verkauf seines Unternehmens - für 2 Milliarden Dollar.

Palmer Luckey

CC0

Palmer Luckey CC0

Drei Gruppen von Kritikern schrien auf: Erstens Menschen, die Facebooks laxen Umgang mit dem Datenschutz kritisierten. Zweitens Videospielfans, die einen AppStore-artigen Walled Garden befürchteten. Und drittens einige Kickstarter-Backer, die um das romantische Indie-Image des Startup trauerten oder sich gar betrogen fühlten (obwohl sie das versprochene Entwicklerkit erhalten hatten). Zumindest letztere konnte Oculus beruhigen: All jenen Usern, die das Projekt in seiner Geburtsstunde unterstützt hatten, wurde im Jahr 2016 auch noch die kommerzielle Version des Oculus Rift geschickt - ohne zusätzliche Kosten. Die Befürchtung aber, dass sich Oculus aufgrund proprietärer Technologie, Zensur und der Datensammelwut Facebooks in eine negative Richtung entwickeln würde, blieb.

2. Nimble America

Mitten im amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf sorgte dann ein Leak für mehr Ungemach. Palmer Luckey, so schrieb das Onlinemagazin The Daily Beast, hatte die am rechten Rand angesiedelte Troll-Truppe Nimble America mit 10.000 Dollar unterstützt. Nimble America erstellte zu diesem Zeitpunkt vor allem Memes gegen Präsidentschaftskandidatin Hilary Clinton. In einem Facebook-Statement distanzierte sich Luckey kurz darauf von Donald Trump. Doch der Schaden war verursacht. Im progressiven Kalifornien hatte sich Palmer Luckeys Image von dem eines Technik-Wunderwuzzis und Vorzeige-Jungunternehmers zu dem des rechten Trolls gewandelt. Bei Produktpräsentationen und Pressegesprächen fehlte der Firmengründer ab diesem Zeitpunkt. Am augenscheinlichsten war das auf der dritten "Oculus Connect"-Konferenz, wo statt Luckey nun Facebook-Chef Mark Zuckerberg die Show leitete und seine Vision eines Social Network in VR präsentierte. Auch aus der Online-Community, etwa dem Oculus-Subreddit, wo Palmer Luckey jahrelang sehr aktiv war, zog er sich nun zurück.

Touch

CC BY-SA 4.0

Das vermutliche letzte Oculus-Produkt, an dessen Entwicklung Palmer Luckey noch selbst beteiligt war: Die Touch-Controller. CC BY-SA 4.0

3. Die Zenimax-Klage

Zenimax Media tritt vor allem als Eigentümerin des Videospiele-Entwicklers Bethesda in Erscheinung. Die Holdinggesellschaft kauft Entwicklerstudios und Marken ein und besitzt deshalb unter anderem die Rechte an Spieleserien wie The Elder Scrolls (Skyrim etc.) und Fallout. Auch das Spielestudio id Software und die Rechte an der Spieleserie Doom gehören aufgrund eines solchen Einkaufs dem Zenimax-Konzern. Der legendäre Spiele-Entwickler John Carmack, Erfinder des Egoshooter-Genres und Gründer von id, wurde auf diese Weise zum Angestellten von Zenimax.

Aufgrund der beginnenden Renaissance der VR-Technologie im Jahr 2013 entschloss sich das Programmier-Genie John Carmack, den Job bei Zenimax und somit sein eigenes Baby id Software zu verlassen. Stattdessen stieg er bei Palmer Luckeys Startup-Unternehmen Oculus ein. Die Software, die Carmack dort schrieb, ist einer der Hauptgründe für die hohe Bildstabilität bei der Benutzung eines Oculus Rift.

Zenimax behauptet, dass John Carmack beim Verlassen seines Entwicklerstudios id Software Firmengeheimnisse gestohlen hätte. Carmack, der id Software selbst gegründet und im Lauf seines Lebens zahlreiche 3D-Technologien erfunden hat, sagt, dass er alle Software, die er bei Oculus eingebracht hat, selbst programmiert habe. Im Rechtsstreit ging es dann vor allem um die Erfüllung oder Nichterfüllung von Knebelverträgen, die John Carmack bei Zenimax unterschrieben hatte. Das Gericht verurteilte in erster Instanz Facebook zu einer Zahlung einer halben Milliarde Dollar an Zenimax. Facebook hat gegen das Urteil berufen und der Rechtsstreit wird voraussichtlich einige Jahre lang weitergehen. Das erstinstanzliche Urteil gegen Facebook aber war eine Niederlage für Palmer Luckey, der John Carmack von id Software zu Oculus geholt hatte.

War es diese Niederlage, die den Keil endgültig in die Beziehung von Palmer Luckey und der Oculus-Eigentümerin Facebook trieb? Weil alle Beteiligten derzeit über solche Interna schweigen, ist das Spekulation. Vielleicht hat Palmer Luckey seinen Job bei Facebook auch selbst aufgegeben, weil er gefühlt hat, dass er nicht in die Konzernstruktur passt - ähnlich dem Minecraft-Erfinder Notch, der sich nach dem Verkauf an Microsoft aus der Entwicklung von Minecraft zurückzog, weil er in dem milliardenschweren Konzern keine Rolle für sich sah.

Gemeinsam haben Luckey und Notch jedenfalls, dass sie es sich mit jeweils mehreren hundert Millionen Dollar auf ihren Bankkonten gemütlich machen können. Parallelen weist Luckeys Geschichte jetzt aber auch mit jener von Apple-Gründer Steve Jobs auf: Auch der schied aus der von ihm gegründeten Firma aus - und gründete ein neues Unternehmen namens Next, auf deren Computern unter anderem die erste Website der Welt programmiert wurde, und auf deren Basis nach der Rückkehr von Jobs zu Apple schließlich der Mac enstand. Wer weiß: Vielleicht macht es sich Palmer Luckey nicht gemütlich, sondern bastelt in seiner Garage schon wieder an neuen VR-Headsets und einem neuen Startup-Unternehmen.

Um die Zukunft von Oculus bei Facebook muss man sich wahrscheinlich keine Sorgen machen. Videogames-Enthusiast John Carmack bleibt an Bord, während dem Chef Mark Zuckerberg die Social-VR-Strategie wichtig ist. Derzeit arbeitet das Team an einer Standalone-Version des Oculus Rift, die sowohl ohne PC, als auch ohne Smartphone betrieben werden kann. Zukünftige Versionen von Microsofts Betriebssystem Windows 10 werden VR nativ unterstützen, und die Open-Source-Community bastelt fleißig weiter an OSVR.

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