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Irmi Wutscher

Gesellschaftspolitik und Gleichstellung. All Genders welcome.

28. 3. 2017 - 17:05

Wiener Melange

Der Yppenplatz in Wien-Ottakring wird seit Jahren als das Vorzeigebeispiel für Integration verkauft.

Samstagvormittag am Yppenplatz in Wien Ottakring: Am Rand des Platzes gibt es den Bauernmarkt mit frischem Gemüse zu niedrigen Preisen. Im zum Großteil betonierten Yppen"park" sind auf einer großen Freifläche mindestens sieben Bälle gleichzeitig im Einsatz, Kinder rennen durch die Gegend. Rundherum sitzen Frauen mit Kinderwägen, an den Jausentischen sitzen Grüppchen zusammen, Großväter halten ihr Gesicht in die Sonne. "Schau, wie die Kinder schön spielen", sagt einer zu mir. "Kein Streit, Kinder sind da, Großeltern sind da, alle kommen zum Reden."

Melanzane am Markt

FM4 / Irmi Wutscher

Zwei Kinder sitzen und schauen auf den Yppenplatz

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Daneben sonnen sich ein paar von der Nacht Übriggebliebene, die versuchen mit Kaffee nüchtern zu werden oder schon wieder die erste Bierdose geöffnet haben. "Ich wohne gleich hier und komme eigentlich immer, wenn ich Zeit habe und ein bisschen entspannen möchte", erzählt mir ein junger Mann. "Es ist lebendig hier, angenehm."

Am unteren Ende des Platzes sind ein paar Marktgebäude übrig geblieben, allerdings kaum als Markt genutzt. Hauptsächlich haben sich hier hippe Kaffeehäuser angesiedelt, die Bio-Drinks in Schraubgläsern verkaufen. An einem schönen Samstag sind alle Tische draußen bis auf den letzten Platz besetzt.

Das Wirr mit Dachterrasse am Yppenplatz

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Die Dependance eines Lokals aus dem 7. Bezirk hat mit der Dachterasse für Empörung gesorgt. Samstags muss man anstehen fürs Kaffeetrinken.

Ein Angebot für alle

Veranstaltungen anlässlich 10 Jahre Brunnenpassage finden quer über das ganze Jahr verteilt statt.

Mittendrin ein großes Gebäude mit Glasfassade: Das ist die Brunnenpassage, eingerichtet von zehn Jahren von der Caritas, die mit Kulturangeboten die vielen verschiedenen Anrainer_innen vom Yppenplatz zusammenbringen will. Hier findet gerade "Saturdance" statt, ein offener Tanzworkshop. Jeden Samstag wird ein anderer Stil geboten, heute Afrodance.

Ein Blick ins Innere der Brunnenpassage

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Neugierig durchs Glas schauen: Heute gibt's Afrodance.

"Der wesentliche Aspekt unserer Arbeit ist, dass wir Menschen über Kunst zusammenbringen. Wir wollen sozialen Zusammenhalt ermöglichen. Wir sind in Wien ein Raum für alle", sagt Anne Wiederhold, sie ist die künstlerische Leiterin der Brunnenpassage und hat sie vor zehn Jahren mitbegründet.

Neben Tanz gibt es hier Theatergruppen, den Brunnen-Chor, der mittlerweile 100 Mitglieder hat, außerdem Vorträge, Diskussionen und Filmabende. Das DJ-Kollektiv Brunnhilde, das Mädchen zu DJs ausbildet, ist über die Grenzen Wiens bekannt.

Die Leute im Grätzel

Mehr als 400 Veranstaltungen gibt es in der Brunnenpassage im Jahr, letztes Jahr wurden mehr als 25.000 Menschen erreicht. Zielgruppe sind vor allem die Menschen, die im Grätzel wohnen. Die spazieren manchmal einfach hinein in die Brunnenpassage, weil sie beim Einkaufen vorbeikommen. Ansonsten werden die AnwohnerInnen mit Flyern informiert – in mindestens vier Sprachen: "Nicht weil die Menschen kein Deutsch können, sondern weil das ein anderes Willkommensgefühl auslöst, wenn in Wien etwas in der eigenen Sprache steht."

Der Eingang zur Brunnenpassage

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Die Brunnenpassage

Um das Angebot leicht zugänglich zu machen, kann man es gratis besuchen bzw. gibt es ein Pay-As-You-Can-System, für Menschen, die es sich leisten können. Was bei der Zugänglichkeit hilft, ist auch die Architektur: Die Offenheit der ehemaligen Markthalle weckt oft die Neugier von Passant_innen. Eingeladen ist vor allem die Wohnbevölkerung rund um den Platz: "Genau das interessiert uns: Wie ist es möglich, dass sich Menschen, die sich hier eine Dachgeschoßwohnung gekauft haben, in Kontakt kommen mit einem Kind, das hier jeden Tag im Park Fußball spielt und das vielleicht noch nie eine Klaviertaste berührt hat." Und das funktioniert laut Anne Wiederhold auch: Über die Durchmischung der Gruppen wird genau Buch geführt.

Dachgeschoßbesitzer_innen mögen allerdings weniger Berührungsängste haben als alte Bewohner_innen von Ottakringer Gemeindebauten. Daher wird gerade ein Projekt mit Schlagermusik angedacht, um weitere Gesellschaftsgruppen anzusprechen.

Anne Wiederhold, künstlerische Leiterin der Brunnenpassage

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Anne Wiederhold, künstlerische Leiterin der Brunnenpassage

Das "hippe Brunnenviertel"

Apropos Dachgeschoß: Gentrifizierung ist ein großes Thema hier. Seit ein paar Jahren schon gilt das Viertel und der Platz als "hip" - ablesbar an den vielen ausgebauten oder sich im Umbau befindlichen Häusern in der Gegend. Die Nähe zu U-Bahn und Innenstadt sowie der kosmopolitische Flair sind es, die Investor_innen und Käufer_innen anziehen. Aber, wie Anne Wiederhold sagt: "Viele, die hier in die Cafés gehen, die sind dann auch wieder weg. Die Wohnbevölkerung - ich lebe seit über acht Jahren hier – hat sich noch nicht so massiv geändert."

Basketball spielende Kinder

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In Wien scheint Gentrifizierung langsamer als in vielen anderen europäischen Haupstädten fortzuschreiten. Auch weil in Ottakring viele Gemeindewohnungen stehen, und weil grundlegende Renovierungen zum Teil von der Stadt gefördert werden, wodurch Wohnungen in diesen sanierten Häusern für eine gewisse Zeit unter dem Marktpreis vermietet werden müssen. Das greift also nur eine gewisse Zeit.

Insgesamt ist der Yppenplatz und der angrenzende Brunnenmarkt schon ein besonderer Platz in Wien: Es "wurlt" überall, das Leben findet draußen statt – soweit es das Wetter zulässt. Auch Anne Wiederhold, die hier schon seit acht Jahren lebt, findet, dass der Ort zum Besseren revitalisiert wurde. "Es war anfangs hier noch viel leerer! Noch früher war das hier eine fast einsame Gegend, habe ich gehört. Mittlerweile pulsiert der ganze Platz! Der Markt ist am Samstag einer der frequentiertesten Märkte Wiens. Grad zu Frühlingbeginn ist es hier total voll, Wahnsinn!"

Mann trinkt Latte Macchiato

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Shabby chic, Skateboard, Alternativcola.

Projektionsfläche Yppenplatz

Wegen seiner Mischung und weil er doch ein sehr eigener Ort ist, wird der Yppenplatz auch gerne instrumentalisiert – kaum ein_e (FPÖ-)Politiker_in, der/die im Wahlkampf noch nicht für ein Interview über den Yppenplatz oder den Brunnenmarkt geschleppt wurde. "Dieser Ort ist oft auch Projektionsfläche", sagt Anne Wiederhold. "Da wird dann sehr schnell gesagt, es ist nur toll oder es ist ganz schrecklich. Das ist viel zu einfach."

Denn heile Welt herrscht in der Gegend nicht und es gibt genug soziale Probleme. "Es kommen immer wieder Kinder hier herein, die haben Hunger. Und nachts gibt es hier auch Drogenhandel. Und heute Morgen habe ich einen Mann gesehen, der auf den so genannten Arbeiterstrich geht." Sie betont aber, dass das Zusammenleben im Großen und Ganzen funktioniere. Man kenne sich hier einfach - zumindest vom Sehen. Einmal sei ihr kleines Kind aus der Brunnenpassage gelaufen und im Gewusel verschwunden - kurz danach hat ein Marktstandler das Kind wieder zurück gebracht. "Es ist einfach nicht so anonym - was im Umkehrschluss nicht heißt: Alles ist immer nur einfach."

Graffiti am Yppenplatz

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Das ehemalige Marktamt am Yppenplatz - jezt ein Lokal - wurde schon mit (Protest-)Graffitis getaggt.

Die Gastronomie am Platz hat sich auf die Hipster schon eingestellt: Café Latte und Co. wird in der Sonne geschlürft. Gleichzeitig gibt es die ex-jugoslawische Ausgehmeile auf der Ottakringer Straße, wo sich die "Švabos" eher wenig drunter mischen. Also nebeneinander existieren die Grüppchen schon, miteinander weniger. Aber in die Brunnenpassage kommen sie alle, sagt Anne Wiederhold. "Kürzlich hat mir jemand gesagt: Was ihr hier macht, war vor ein paar Jahren ganz nett. Jetzt ist es notwendig!"

Oder ist es doch das Bier, das alle vereint? Das meint ein Sonnensitzer: "Es sind schon verschiedene Communities hier auf dem Platz - aber unten bei der Sladja, das ist eine Serbin, da sitzen alle!"

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