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Al Bird Sputnik

Record Digger, Subkulturforscher, Universal Beatnik

31. 3. 2017 - 17:28

FM4 Schnitzelbeats #18: Underground Psycho Punk

Heute im Porträt: Subkultur-Urgestein Ronnie Urini, eine Legende im wahrsten Sinn des Wortes.

Wer sich sein gesamtes Leben zum Rockstar berufen gefühlt und auch als solcher gelebt hat, ohne dem großen kommerziellen Durchbruch tatsächlich nahezukommen, der könnte mit der Zeit Gefahr laufen, der Redundanz anheimzufallen. Wenn es sich bei der Wirkungsstätte jedoch um die Subkultur eines popkulturell vernachlässigten Alpenlandes handelt und der betreffende Protagonist seit bald 40 Jahren derartig unbeirrbar (wie glaubhaft) seine eigene Rockstar-Legende in die Welt hinausträgt, wie im Fall des heute porträtierten Herrn, dann könnte einem das schon Respekt abverlangen. All jenen, die nicht down sind mit österreichischer 80er-Punk-Geschiche, soll hier mit einem kurzen Auszug aus der bewegten Karriere von Ronnie Urini (aka Ronnie Ruini, aka Marquis D’urin, aka Ronnie Rocket Superstar) nachgeholfen werden. Zur Vertiefung der einschlägigen Fachkenntnisse ist ein Talk mit dem "Psycho-Punk aus dem Wiener Underground" (Zitat: Pressetext) aber wahrscheinlich unerlässlich, wenn nicht sogar unausweichlich.

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Pressematerial aus den späten 1980ern. Foto: Chris Rosenberger.

Ronnie Urini wurde am 3. März 1956 als Ronald F. Iraschek in Krems an der Donau geboren und versuchte sich nach der Matura in den verschiedensten Studienrichtungen – vom Jazzkonservatorium bis hin zur Astrophysik war nahezu alles dabei, bevor er letztlich als Verkäufer in einem Plattenladen anheuerte. Als Drummer der psychedelischen Hardrock-Formation Dorian Gray spielte er 1978 erstmals in der Bundeshauptstadt, wo er auch mit der lokalen Punkszene in Berührung kam. Eine brauchbare Konstellation. Noch im selben Jahr stieg Urini bei der Underground-Band Dirt Shit ein, die im Nachhinein betrachtet wie die Wiener Slapstick-Inkarnation der Sex Pistols wirken: Ordinäre Texte, ruppiger Sound und ein hysterisches Auftreten sicherten der verhaltensauffälligen Chaos-Truppe einen einschlägigen Ruf. Ihre 7”-EP mit dem symptomatischen Namen “Rattenloch”, die Urini im Jahr 1979 mit geringem Aufwand im Heimstudio produzierte, zählt heute zu den gesuchtesten und kostspieligsten Tondokumenten der heimischen Punk-Ära.

Trash Rock Archives

Panzaplatte

Eine der nächsten Stationen, bei denen Urini als Drummer zum Einsatz kam, war die Dirt Shit-Nachfolge-Formation Kleenex Aktiv. Die thematische Ausrichtung der Unternehmung war zugegebenermaßen wenig erfinderisch aber dennoch gut: Pogo-Tanzen bis der Notarzt kommt. Als akustische Demonstration sei allen Schnitzelbeats-HörerInnen die Single-Veröffentlichung “Weisse Rosen” (1982) ans Herz gelegt. Die Deutschpunk-Version der gleichnamigen Nana Mouskouri-Nummer bietet eine gute Möglichkeit, zu naiven und unschuldigen Ausbrüchen heimischer Teenager-Subkultur alle Hemmungen fallen zu lassen.

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U-Prod.

In den frühen 1980ern wirkte der hyperaktive Ronnie Urini noch bei etlichen einflussreichen Punk- und New Wave-Bands. Gleichzeitig trat er auch als Initiator kleinauflagiger EP-Sampler (“Kellerrock”, “Donaustrand”) in Erscheinung, die wichtige Impulse für die Entwicklung einer eigenständigen österreichischen Underground-Szene geben konnten.

Doch auch die Leidenschaft für vernachlässigte Sixties-Klangwelten zeichnete sich allmählich ab und ließ Urini nun immer häufiger im Repertoire des US-amerikanischen Proto-Punk und Psychedelic Rock wildern. 1982 nahm er etwa für die 7”-Compilation “Liebestoll” eine deutschsprachige Cover-Version des Del Shannon-Klassikers “Runaway” auf. In Urinis Fassung als “Mädchenschreck” hätte die Nummer wohl das Potential eines großen Radio-Hits der New Wave-Ära gehabt, verschwand aber allzu rasch wieder in der Versenkung.

Die ersten größeren Erfolge erlebte Urini indes als Drummer verschiedener Szene-Bands: Seine Mod-Formation The Vogue, in der er von 1980 bis 1982 am Schlagzeug saß, konnte mit der psychedelischen Power-Pop-Eigenkomposition “The Fozen Seas of Io” im Jahr 1981 beim Ö3-Publikum punkten. 1982 landete die Rucki Zucki Palmencombo mit “Südseeträume” einen weiteren Überraschungserfolg.

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Ton Um Ton

Im Jahr 1983 veröffentlichte er schließlich sein Debut-Album als Band-Leader. Mit seiner Backing-Combo Die Letzten Poeten (aka The Last Poets) entstand das vermutlich gelungenste Urini-Werk mit dem Titel “Aus den Kellern der Nacht”, über das Wolfgang Zink für sein Austro-Rock-Lexikon seinerzeit beherzt schrieb: “Gruftgesänge aus den späten 60er und 70ern; düstere Orgelgirlanden umspielen träge ein dekadentes Roxy Music Saxophon, untermalt von hypnotischem Beat und klaustrophobischer, psychedelischer Heavy-Gitarre”. Der titelgebende Opening Track war konsequenterweise die deutsche Fassung der Psychedelic Rock-Hymne “The Wind Blows Your Hair” der US-amerikanischen 60s-Kult-Band The Seeds. Weitere einschlägige Proto-Punk-Coverversionen wurden hier zu einem bemerkenswerten 80er-Neo-Garage-Kleinod verwurstet. Ein würdiger Schlusspunkt unserer heutigen Playlist.

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Was das Zusammenspiel von Mythos und Realität in Ronnie Urinis Biographie betrifft, sprechen Zitate aus einschlägigen Special Interest-Publikation für sich. Das sonst so seriöse "Lexikon österreichischer U-Musik-Komponisten" (ÖKB/1996) erörtert etwa in Bezugnahme auf die künstlerischen Kooperationen des Wiener Einzelgängers, wie folgt: “Zusammenarbeit und Plattenproduktionen u.a. mit Jack Bruce, Nico, Chet Baker, Karl Ratzer, Mitch Mitchell, Ray Manzarek und Miles Davis”. Der Great Rock-N-Roll-Swindle in Reinkultur!

Die Obsession für räudige Superlative schlug sich letztlich auch deutlich im Gesamtwerk nieder – mit adäquater Referenzierung von schundigen B-Movies, verspiegelten Sonnenbrillen, schnellen Motorrädern und allen sonstigen grellen Verheißungen des Rock-N-Roll, die Urini in letzter Konsequenz bis in die USA führten. Von dort fütterte er einst den heimischen Feuilleton gekonnt mit Geschichten aus der großen weiten Welt. Aber das sollte man sich von Ronnie Urini – der kürzlich 61 wurde – am besten selber erzählen lassen. Er wird sich bei dem einen oder ander’n Bier vermutlich nicht sträuben...

Recommended Listening / Reissues der letzten Jahre:

Ronnie Rocket Superstar- "20th Century Hits" (2xCD/Monkey/2011)
The Vogue- "A Doll Spits Cubes" (LP/Cien Fuegos/2013)
The Vogue- "Running Fast – The Complete Recordings" (CD/Trost/2013)

Krone, 09. November 1989

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