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Philipp L'heritier

Ocean of Sound: Rauschen im Rechner, konkrete Beats, Kraut- und Rübenfolk, von Computerwelt nach Funky Town.

26. 3. 2017 - 16:52

Der große, schwarze Vogel

Der Song zum Sonntag: Mount Eerie - "Real Death"

Das ist ein hartes Lied. Ohne Zynismus, ohne Ironie. Ein sehr kurzes Lied über den Tod, über den Verlust und über den Schmerz und darüber, wie die Kunst damit umgehen soll. Oder ob sie das überhaupt soll oder darf.

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  • Auch der geschätzte Wissenschafts- und Popjournalist Thomas Kramar macht sich in der Presse am Sonntag zum jeweils selben Song seine Gedanken.

Darüber, dass im Angesicht des Todes die Kunst verblassen muss, und dass jede Romantisierung bloßer Unsinn ist. Dass man aber dennoch seine Gefühle vielleicht irgendwo zum Ausdruck bringen muss. "Real Death" heißt dieses Stück, und darum geht es.

Mount Eerie

Phil Elverum

Mount Eerie

"Death is real", so geht gleich die erste Zeile, ohne Vorspiel, ohne Intro, sofort, unvermittelt, gleich in der ersten Sekunde des Songs dringt sie in unser Ohr. Wie um die Direktheit, die niederschmetternde Macht des Todes zu unterstreichen. Man hat ihn vielleicht kommen sehen, gewusst, dass es geschehen wird, dennoch wird man überwältigt ohne Vergleich.

Der aus dem Bundesstaat Washington stammende Musiker Phil Elverum hat mit seinen Projekten The Microphones und Mount Eerie schon etliche Platten mit toll putzigem Lo-Fi-Pop vollgespielt, mit fuzzy Garagenrock mit feinen Melodien und Hooks, mit geil schrulliger Tapedeck-Musik. Immer wieder hat da ein verschmitzter Humor mitgespielt, Indie-Zynismus und frecher DIY-Stolz.

Das neue Album von Mount Eerie heißt "A Crow Looked At Me" und singt also vom Todesvogel und ist ganz ohne Witz und Pose. 2016 ist Phil Elverums Ehefrau, die Künstlerin Geneviève Castrée, im Alter von 35 Jahren an Krebs verstorben, ihr ist diese Platte gewidmet.

Es ist betont karge Musik, leerer Raum, ein bisschen Gitarre, Stimme. Man kann den Tee dampfen hören, und möglicherweise auch das Knarren einer alten Tür, hinter der niemand mehr ist.

Fast in jedem Stück des Albums erwähnt Elverum seine Frau, ausdrücklich oder immerhin in Andeutungen. Der Song "Real Death" ist der klarste und eindringlichste. Noch einmal: Dieses Stück heißt "Real Death".

Gleich die zweite Zeile lautet so: "Someone's there and then they're not". Genauer und schmerzvoller ist es noch nie formuliert worden. Und weiter: "When real death enters the house, all poetry is dumb". Und dennoch singt Phil Elverum.

Er bemüht keine große Poesie und keine großen Bilder. Er singt vom kurzen Alltag, von der Ohnmacht, von der gemeinsamen Tochter und davon, dass die verstorbene Ehefrau immer noch Post bekommt.

Ganz am Ende singt er, dass er nichts daraus lernen will, nicht aus dem Tod, dem Schicksal und nicht aus diesem kleinen Lied, bevor am Ende dann die einfachsten und die richtigsten Worte stehen, die noch nie wahrer geklungen haben: "I Love You".

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