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Christoph Sepin

Pixel, Post-Punk, Psychedelia und sonstige Ableger der Popkultur

22. 3. 2017 - 19:02

Einmal ausrauchen lassen

Wie man Reunion richtig macht: The Jesus and Mary Chain kehren mit neuem Album "Damage and Joy" zurück.

Es ist tatsächlich schon 40 Jahre her, seit die Brüder Jim und William Reid als Teenager im schottischen East Kilbride laut darüber nachzudenken anfingen, ihre eigene Rockband zu gründen. Punkrock war schuld, eh klar. Bis sich die beiden als The Jesus and Mary Chain zusammenfinden sollten, vergingen aber noch ein paar Jahre. 1985 war es schließlich soweit, die Band veröffentlichte ihr Debütalbum - die Platte für die Rock'n'Roll-Ewigkeit, "Psychocandy" mit Liedern wie "Just Like Honey", "Never Understand" und "You Trip Me Up".

"Es ist so perfekt, wie wir es zur damaligen Zeit machen konnten", sagt Jim Reid heute über das Album. "Natürlich haben sich die Zeiten geändert, auch wir haben uns geändert. Natürlich würden die Songs anders klingen, wenn wir sie heute aufnehmen würden. Aber ich weiß, warum sie so klingen, wie sie klingen." Eine wegweisende Platte zwischen Schwere und Leichtigkeit, hart und rau, gleichzeitig klebrig und süß wie Honig war der Band gelungen, damals noch mit Primal Screams Bobby Gillespie in der Band und dem mittlerweile zur Producer-Legende aufgestiegenen Flood als Toningenieur.


32 Jahre nach dem Debüt und 19 Jahre nach der letzten The Jesus And Mary Chain-Platte kehrt die Band mit dem siebenten Album "Damage and Joy" zurück. Komplett neu möchte sich die Gruppe damit offenbar nicht erfinden, zu stark sind die Referenzen auf die früheren Releases darauf hörbar. Trotzdem: Ohne Spuren gingen die letzten zwanzig Jahre an der Band auch nicht vorbei.

Als The Jesus and Mary Chain im Jahr 2007 - zehn Jahre nach dem vorläufigen Ende der Band - auf die Bühne zurückkehrten, hatte sich nicht nur die Welt verändert, sondern auch das Publikum der Schotten. Grund dafür war nicht zuletzt der Film "Lost in Translation" von Sofia Coppola mit einem Soundtrack der verwaschenen Weichheit und Bands wie Death in Vegas, My Bloody Valentine und eben The Jesus and Mary Chain darauf. Scarlett Johansson, Hauptdarstellerin von "Lost in Translation" und neues Posterchild dieser wiedergekehrten Jugendkulturbewegung, die sich mal "Shoegazing" schimpfen lies, sollte dann auch bei der Reunion-Show der Band die Backing Vocals zu "Just Like Honey" performen.

The Jesus and Mary Chain

The Jesus and Mary Chain

Another shoegaze reunion?

Das was in den 90ern einmal nur kurz aufblitzte, bevor es von der Lad-Culture um so Bands wie Blur und Oasis aufgefressen wurde, feierte in den 2000ern seine Rückkehr: Menschen, die auf Pedale starren, verzerrte Gitarren, ausgewaschene Atmosphäre, die sumpfig-nebelige "Wall of Sound", die Gruppen wie Slowdive, Ride, My Bloody Valentine und zu einem gewissen Grad auch The Jesus and Mary Chain auszeichneten, erreichten ein neues Publikum der postironischen Melancholie. Shoegaze eben, auch wenn das ein Wort ist, das nicht jeder gerne hört.

"Ah, Shoegazing", sagt Jim Reid dazu. "Das ist so ein Ausdruck, den sich ein Redakteur vom NME eines Nachmittags ausgedacht hat. Es hat eben ein paar Bands in den späten 80ern und frühen 90ern gegeben, die ausgesehen haben, als ob sie sich unwohl im Scheinwerferlicht fühlten. Aber ich verwende das Wort Shoegazing nicht, weil das Bullshit ist."

Dennoch: Ein großer Teil der Bands, die damals unter dem Label zusammengefasst wurden, ist heute nicht nur auf die Live-Bühnen zurückgekehrt, sondern arbeitet auch wieder aktiv an neuem Material: My Bloody Valentine meldeten sich schon 2013 mit dem Album "mbv" zurück, Slowdive und Ride arbeiten mittlerweile auch schon an neuen Alben, von denen es bereits erste Songs zu hören gibt. Und jetzt auch The Jesus and Mary Chain.

The Jesus and Mary Chain

The Jesus and Mary Chain

Going to the darklands

"Damage and Joy" macht dort weiter, wo die Gruppe Ende der 90er aufgehört hat: Musik für die späteren Stunden in schummrigen Bars zu schreiben, für die laute Introversion und die ausrauchende Zigarette. Wenn man bemerkt, dass das gerade bestellte Getränk das letzte für den Abend ist. Aber einmal noch Exstase, einmal noch Energie vor dem nach Hause gehen. Mit Liedern drauf, die solche Namen tragen wie "All Things Pass", "Always Sad", "Get On Home" oder "Amputation".

"Es gab eine Zeit, in der ich mich wie im Exil gefühlt habe", sagt Jim Reid über den Track. "Niemand hat nach uns gefragt, wir bekamen auch keine Gigs. Da fühlte ich mich wie abgeschnitten! Deshalb fühlten wir uns wie 'Rock´n´Roll amputations'". Mit "Amputations" als erster Nummer fängt "Damage & Joy" auch direkt an, überraschend upbeat, trotz der niedergeschlagenen Grundstimmung. Aber das war ja auch schon immer ein Markenzeichen der Band: Den Bullshit akzeptieren, den die Welt so mit sich bringt. Ist halt so. "I dont know, I guess that we are through".


Popsongs, die sich unter einem Haufen Noise, Verzerrung und musikalischer Ablenkungsmanöver verstecken, dabei aber immer mit dem nächsten eingängigen Hook und der nächsten Ohrwurmmeldie abholen - das ist The Jesus and Mary Chain im Jahr 2017 und dabei gar nicht so unähnlich dem letzten Release von Ex-Mary-Chain Bobby Gillespie und seiner Band Primal Scream.

"I just can't get peace of mind, there's a piece that I can't find", lamentiert Jim Reid bereits auf Lied Nummer zwei am Album, dem viel melancholischeren, düsteren, verträumteren "War on Peace" und man bemerkt: Da geht was. Und dass das nicht nur irgendein Reunion-Album ist, sondern ein ganz großes. "Love don't live hear anymore, don't come knocking on my door."


I think I'm always gonna be sad, 'cause you're the best I've ever had

Und immer wieder: Die Referenz zur eigenen Bandgeschichte. Auf "Always Sad" werden die Akkorde von "Sometimes Always" dem Duett mit Hope Sandoval von Mazzy Star aus dem Jahr 1994 angespielt und "Song for A Secret", das Jim Reid vor ein paar Jahren schon mal als Sololied veröffentlicht hat, erinnert stellenweise an Nummern wie "Darklands". Zu sehr ins Selbstplagiat rutscht die Band aber trotzdem nicht ab, sondern zelebriert einfach den eigenen Sound.

The Jesus and Mary Chain - Damage and Joy

The Jesus and Mary Chain

"Damage and Joy" von The Jesus and Mary Chain ist auf ADA und Warner erschienen.

Das kann man natürlich zynisch sehen, aber für The Jesus and Mary Chain machte es anscheinend einfach Sinn, lieber den eigenen Stärken zu folgen, als jetzt komplett neu zu konzeptionieren, was die Band denn im Jahr 2017 bedeuten soll. Musik aus der Zeitmaschine, die wirkt, als ob sie ignoriere, was da sonst gerade in diesem seltsamen Ding namens Musikindustrie passiert. Und das kann auch eine gute Sache sein.

Ganz isoliert von der aktuellen Musikwelt ist die Band aber trotzdem nicht: Die großartige Sky Ferreira, deren neues Album auch irgendwann dieses Jahr erscheinen sollte, macht die Backing Vocals auf der vorletzten Nummer "Black and Blues", bevor die Mary Chains fast schon plakativ mit der Nummer "Can't Stop The Rock" die Rückkehr abschließen. "Share your imagination and your deep dark inspiration" lautet die Anleitung zur kreativen Selbstentdeckung. Dann als allerletztes Wort von Jim Reid am Ende: "Stop!". Zigarette aus, Bier leer, nach Hause gehen.

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