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Boris Jordan

Maßgebliche Musiken, merkwürdige Bücher und mühevolle Spiele - nutzloses Wissen für ermattete Bildungsbürger.

17. 3. 2017 - 16:53

"Wir sind nicht mehr dreizehn"

Neun Stunden warten auf die "verdammte Hure" und "ihr Lied" - Kraftklub im Interview.

Gestern hat die Chemnitzer ("Karl- Marx- Städter") Band Kraftklub ihre Fans neun Stunden auf ein Facebook-Event warten lassen: Angekündigt war der Live-Stream zur Premiere ihres Stückes "Dein Lied", eines Vorboten auf das dritte Kraftklub-Album "Keine Nacht für Niemand", das Anfang Juni erscheinen wird. Von 10.30 bis 20 Uhr konnte man auf Facebook lediglich beobachten, wie Arbeiter ein meterhohes Holz-"K" auf ein Gerüst bauen.

Nach neun Stunden Hämmern und Schrauben trudelt ein kleines Orchester ein, schließlich die Band, die genau dieses eine Lied spielt - dazu fackelt man das erbaute "K" ab und schleicht sich.

Kraftklub vor Orchester unf Flammen

Screenshot/Kraftklub

"Wir sind nicht mehr dreizehn" heißt es im neuen Kraftklub-Song "Dein Lied". Im Hintergrund brennt ein riesiges "K".

Solche Aktionen, die an ähnlichen Aktionismus der Konzept-Prankster-Band KLF erinnern sollen, werden von Fans natürlich geduldig ertragen, erzeugen sogar ein erhöhtes "Ich war dabei"- Feeling.

Das Lied selbst wurde nicht so positiv aufgenommen, bezeichnet doch der Ich-Erzähler - der natürlich naiv-unschuldig von einer ehebrecherischen Ex betrogen wurde, und das gleich mit dem besten Freund - dieselbige in einem aufwogenden Geigen-Bombastrefrain als "verdammte Hure".

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Telefonat mit Kraftklub-Sänger Felix Brummer

Mehr braucht es nicht: In den sozialen Medien wird herumgestritten, kaum jemand, der nicht eine werte Meinung zu diesem Lied hätte. Von "ehrlich", "witzig" bis "Mario-Barth-Niveau" lauten die Verdikte, Kraftklub können das alles "verstehen" und lachen sich über die Gratis-PR ins Fäustchen, die man in Trumpzeiten für Sexismus noch bekommen kann.

Ärztewitz oder Eigenpromo? Will man hier ins Gespräch zurückkommen, weil die neuen Kraftklub sonst vielleicht zu ähnlich den alten wären? Riskiert man hier nicht, mehr Leute zu verprellen?

Wir fragen bei der Band an, Sänger Felix Brummer ruft zurück.

Boris Jordan: Hier herrscht große Depression, die Kraftklub-Fans in der Redaktion liegen traurig in irgendwelchen Ecken, niemand wollte mit dir reden, daher springe ich jetzt ein. Die immer gleiche Frage lautet selbstverständlich: Was haben sich Kraftklub dabei gedacht?

Felix Brummer: Ja, was soll das, was ist in diese Chauvinistenschweine wohl gefahren? Das kann ich den Leuten nicht verübeln. Wir suchen quasi die männliche Entsprechung zu "Hure" ....

Wozu? Wollt ihr noch so ein Machwerk veröffentlichen?

Ja, natürlich, um das zu gendern, um das alles wieder auszugleichen.

Das klingt aber jetzt nach Rückzug, zuerst Hure sagen und das dann gendern wollen, ich weiß nicht…

Na die ganzen Feministenverbände, die steigen uns jetzt aufs Dach.

Außerdem: Das Ganze ist ja ein normaler "Torch Song", meine Freundin hat mich verlassen, ich bin verzweifelt etc. Andererseits bezeichnen auch die hartgesottensten Bluesmusiker ihre Ex-Freundinnen nicht als "Huren". Außerdem singt er "wir haben uns auseinandergelebt", was regt er sich dann auf?

Ja, die ganzen tollen Ratschläge, die man bekommt, wenn die Beziehung vorbei ist, das ganze "wir sind doch alle erwachsen, wir können alle mit einem Ende der Beziehung erwachsen umgehen". Vielleicht fällt einem da auf, dass man doch nicht so erwachsen damit umgehen kann.

Kraftklub in roten Jacken

Kraftklub/Promo

Vielleicht ist er ja selber schuld, vielleicht hat er zu wenig mit ihr geredet?

Ja, klar, das muss ja überhaupt nicht die Schuld der Frau sein, wahrschenlich ist er der totale Jockel gewesen.

Ein Kollege hat über "Dein Lied" sinngemäß gesagt, das sei so schlecht, dass die nach unten offene Skala neu ausgemessen werden muss, ich glaube, so etwas sagt er sonst über Mario Barth.

(Kichert)

Jetzt kann es also schon passieren, dass Kraftklub hier auf einem schmalen Grat wandeln und die Doppelbödigkeit und Ironie gar nicht verstanden werden, wenn hier ein 13-jähriger HoGeSa-Anhänger spricht. Du schlüpfst in eine ziemliche Arschlochrolle.

Ja, klar, damit hab ich kein Problem, das macht sogar einen Heidenspaß, in die Rolle des Wütenden zu schlüpfen. Ich kann es natürlich total verstehen, wenn einem der Song nicht gefällt, wenn man sagt: "Das ist ja jetzt wohl die größte Frechheit aller Zeiten", und so ein bisschen, muss ich sagen, haben wir auch damit gespielt. Was ich wirklich schlimm gefunden hätte, wäre gewesen, wenn der Kollege jetzt gesagt hätte: "Ja, das ist die neue Kraftklub-Single halt."

"Is mir egal", hätte er sagen können.

Ja, genau, "Jo, der neue Kraftklub-Song klingt halt so wie die anderen Kraftklubs-Songs, ja, drittes Album, kann man jetzt vorbestellen" ...

Wir Journalisten sind ja mit allen Wassern gewaschen, wir denken an Bands wie KLF oder Laibach und es ist uns nicht neu, wenn jemand auf dieser provokativen Klaviatur spielt - und dann machen wir auch noch mit und tun das genau Richtige, wir sind ehrlich empört, somit ist das ja aufgegangen. Die Frage ist: Wie geht das jetzt weiter? Sagt ihr dann morgen "Schwamm drüber, war nicht so gemeint"?

Das wird natürlich nicht verraten, das ist natürlich streng geheim, wie man das weiterführt. Es wird natürlich keine Entschuldigung geben und auch keine gegenderte Version. Ganz aus der Luft gegriffen ist sowas natürlich auch nicht. Es sind natürlich auch Erfahrungen, die jeder mal gemacht hat. Da streiten sich jetzt nicht unbedingt gerade hier fünf Ex-Freundinnen, wer gemeint sein könne, aber es ist schon nicht ganz aus der Luft gegriffen…

Wären wir RTL, hätten wir jetzt natürlich diese eine Ex-Freundin ausgeforscht, die gemeint ist.

(Lacht) Natürlich würde niemand eine Frau als Hure bezeichnen, also ich bestimmt nicht, andererseits muss man ja auch niemanden umgebracht haben, um einen Krimi zu schreiben.

Apropos "umgebracht" : Wir denken bei solchen Stunts natürlich sofort an Falcos "Jeanny", der es mit so einem Schmäh ins Radio geschafft hat, weil alle darüber gesprochen haben, oh mein Gott, eine Kindesentführung und ob sie wohl tot ist … kurzum: Falco hat einen zweiten Teil veröffentlicht. Wenn ihr auf dieser Klaviatur weiterspielen wolltet, müsstet ihr eine Antwort nachschicken…

Ja, ja… ja, vielleicht, vielleicht … vielleicht … vielleicht. Ich kann und möchte ungern verraten, was da jetzt kommen wird, ob das ganze Album ein großes Orchester-Bombast-Konzept-Album über Ex-Freundinnen ist. Ich glaube, die anderen Songs werden auch für Gesprächsstoff sorgen.

Ich wundere mich ja generell, dass ich überhaupt mit einem Radiosender spreche, wir hatten gedacht, dass das nie ins Radio kommen würde. Ich habe auch schon mit Radiosendern gesprochen, die das Lied gespielt haben, und wo sich natürlich total viele Leute aufgeregt hatten, die angerufen haben, "Hey, ich fahr hier gerade mit meiner Tochter in die Schule, was soll die Scheiße?" - das kann man auch irgendwie verstehen.

Ihr scheint ja alles zu verstehen, eine verständnisvolle Band.

Wir erwarten auch sehr viel Verständnis gegenüber uns, ein Geben und Nehmen.

Felix, vielen Dank für deine Zeit.

Dir auch vielen Dank ... und haltet den Kindern die Ohren zu, wenn ihr das Lied im Radio spielt.

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  • spok | vor 126 Tagen, 1 Stunde, 33 Minuten

    Keine Ahnung woher die Aufregung kommt. Das Lied drückt die Agressionen gegenüber dem Ex-Partner, von welchem man sich betrogen fühlt, aus. Ist doch das normalste auf der Welt, die Person dann mit allerlei "Kosenamen" zu bedenken.

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  • winnetou2 | vor 127 Tagen, 30 Minuten

    Bob Dylan ist schuld

    mit seiner ganzen Authentizitätsscheiße.

    Auf dieses Posting antworten
    • chillamalheast | vor 126 Tagen, 8 Stunden, 43 Minuten

      Korrekt

    • chillamalheast | vor 126 Tagen, 7 Stunden, 5 Minuten

      Wohlstandsverwahrloste nepotism pseudo hochkultur fetisch schnösel mit zeigefingerpedantik..ohne workingclassbezug wie louis ck billburr