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Dalia Ahmed

Schaut gern Sachen im Internet und Leute auf der Straße

9. 3. 2017 - 14:02

A Grime Ting

Drake, Kanye West und A$AP Rocky sind schon ganz verliebt in das Londoner Genre Grime. Anfang 2000 aus den UK Garage, Jungle und Rave Szenen heraus entsanden, erlebt der Grime gerade eine Renaissance.

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Anfang der Nullerjahre beginnen Londoner wie Wiley und seine Roll Deep Crew ihre vielfälltigen kulturellen, musikalischen, sprachlichen und soziologischen Einflüsse in Raps zu verarbeiten, die hart und schnell über Beats gesprochen werden, Beats mit hohen bpm-Zahlen und einer saftigen Bassline. Die neue Musik, die nicht dem Hip Hop entspringt, sondern wie der US-Cousin in der Tradition jamaikanischer MC-Kunst steht, verbreitet sich anfangs mit Hilfe von Piratensendern wie Rinse FM rasch im Untergrund und verdrängt bald den Garage als das Lieblingsgenre der Kids der äußeren Londoner Boroughs.

Dabei werden die Clashes, also Battle-Konzerte und Showcases zur treibenden Kraft der Bewegung und zeigen mit stets ausverkauften Hallen auf, dass Grime ein riesiges (Verkaufs-)Potential hat. Als Dizzee Rascal 2003 sein Debüt "Boy in da Corner" veröffentlicht, erringt das Genre die Aufmerksamkeit des Mainstreams. Doch dann wird es in der zweiten Hälfte der 2000er etwas ruhiger um die Szene. Die Pfeiler des Genres Wiley, Dizzee Rascal und Skepta produzieren "poppigere" Alben, um den Aufwind zu nutzen und Dubstep schiebt Grime als die Musikrichtung der Stunde bei Seite.

Mit Artists wie dem zum Grime zurückgekehrten Skepta und dem frisch aufgekommenen Stormzy an der Speerspitze sowie AkteuerInnen wie Lady Leshurr, Tinie Tempah und P Money erlebt das Genre aber gerade eine Renaissance. Die nordamerikanischen Kollegen wie Drake, Kanye West und A$AP Rocky verbringen auf der Suche nach den (sub)kulturellen Trends ganz viel Zeit an der Themse. A$AP Rocky schleppt sogar den ganzen A$AP Mob nach London und macht dort gemeinsame Sache mit Skeptas Boy Better Know-Label.

Drake hat sich vom Style der Grime-Stars inspirieren lassen und trägt jetzt Jogger und Nikes. Ein Stil, den sich junge Fans löblicherweise einfach und relativ billig nachkaufen können. Auch an der jamaikanischen Patois scheint er Gefallen gefunden zu haben. Drake meint, er spricht jetzt so, weil eine eigene Form des Dialekts auch in Toronto weit verbreitet ist. Die tatsächliche Inspiration ist aber wohl eher die starke Präsenz der Patois in den Texten der UK Rapper.

Skepta und Asap Rocky

Still: AWGE

Skepta und Asap Rocky

Kanye West war von den Londonern so angetan, dass er sie bei seinem energiegeladenem Brit Awards Auftritt 2015 auf die Bühne mitgebracht hat. Ein Erlebnis, auf das Skepta dann auch direkt mit einem Mini-Skit in seinem Überhit "Shut Down" (ein Song dessen Intro und Outro von Drake auf Jafaican also fake Jamaican eingesprochen ist) Bezug nimmt. Eine poshe und irritierte Frau beschwert sich da über die Show und schimpft: "A bunch of young men all dressed in black dancing extremely aggressively on stage, it made me feel so intimidated and it's just not what I expect to see on prime time TV".

Obwohl ein paar der amerikanischen Trendsetter auf den Grime-Zug aufgesprungen sind, scheint die Mitte der britischen Gesellschaft noch ein bisschen ihre Probleme beim Warmwerden mit der Szene zu haben. Die Daily Mail verwendet Anfang des Jahres zum wiederholten Mal ein Foto der South-Londoner nicht-ganz-Grime-aber-Grime-affinen Formation Section Boyz, um einen Artikel über steigende Bandenaktivität in Australien zu bebildern.

Letztes Jahr besucht ein Journalist des Evening Standard ein Skepta-Konzert und beschwert sich in der anschließenden Rezension des Auftritts zuerst darüber, dass der Mercury Prize an Skepta und nicht an David Bowie ging und spekuliert dann, dass es beim Auftritt wohl "technical difficulties" gab, da Skepta seine Songs oftmals "restarted" hat . Dabei entgeht dem Musikredakteur, dass das Reloaden oder Rewinden der Tracks nicht durch technische Probleme bedingt ist, sondern einem Kunstgriff, der jamaikanischen Soundsystem-Kultur entspringt. Dabei werden Songs und Teile der Songs, die das Publikum besonders aufgeheizt haben nochmal angespielt.

Aber das sind die üblichen Growing Pains, die aufkommen, wenn eine Subkultur plötzlich ganz groß wird. Ganz oben ist Grime zumindest schon in den Straßen Londons und den britischen Charts. Jetzt geht es an die Weltherrschaft. Aber diesmal machen das nicht die Kolonialmächte des Empires, sondern die Nachfahren der einstigen Besetzten mit ihrer Musik und dem dazugehörigen Style. God save the Grime!

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