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Rainer Sigl

Spiel, Kultur, Pop im Assoziationsblaster.

15. 3. 2017 - 14:45

Stranger Screens

Das Horror-Abenteuer "Stories Untold" katapultiert das Textadventure ins 21. Jahrhundert.

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Auf meinem Bildschirm sehe ich einen Bildschirm, genauer gesagt: einen uralten monochromen Röhrenmonitor aus den späten Achtzigerjahren. Daneben steht ein fast antiker Heimcomputer mit Kassettenlaufwerk, an der Wand dahinter stehen Familienfotos. Langsam fährt ein Spiel hoch - ein Textadventure. Wenn ich Befehle eintippe, höre ich das klapprige Tastengeräusch des alten Computers vor mir.

"Stories Untold" ist ein außergewöhnliches Spiel, so viel wird schon in den ersten Spielminuten klar, und das nicht nur wegen seiner Retro-Nostalgie. Vom Titelschriftzug über die Musik bis hin zur Handlung erinnert es an die erfolgreiche TV-Serie "Stranger Things", die auch mit viel Achtzigerjahre-Style eine Horrorgeschichte erzählte. "Stories Untold" erzählt gleich vier davon in einzelnen Episoden, die aber alle zusammenhängen - und überrascht wieder und wieder mit originellen Ideen, die es so schlicht noch nie zu sehen gab.

Das Spiel zum Spiel zur TV-Serie zum Trauma

Dass es Grafik, Musik und Soundeffekte gibt, zeigt schon, dass "Stories Untold" mehr ist als ein Textadventure. In allen vier Episoden finden wir uns vor Monitoren wieder, die wir zu bedienen haben - die reichen vom erwähnten Heimcomputer über medizinische Gerätschaften bis hin zu Funkgeräten und Mikrofilm-Leseapparaten. Gemeinsam haben alle vier, dass sich die zu Beginn alltäglichen Szenen unmerklich immer weiter ins Unheimliche verändern - bis sich bis zum überraschenden Finale langsam herausschält, dass alle vier durchaus zusammenhängen.

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Dabei unterschieden sich die einzelnen Episoden spielmechanisch teils grundlegend: Während der beschriebene Teil 1 ganz auf die nostalgische Erzählform des Textadventures setzt, sind wir in anderen Teilen mit dem Lösen von Interface-Puzzles beschäftigt oder verlassen sogar unseren Platz vor dem jeweiligen Monitor. Mehr zu sagen, wäre schon gespoilert - die knapp vier Stunden Spieldauer sollten Spielerinnen und Spieler schon selbst erleben. Wie das Spiel zwischen billiger VHS-Serienästhetik, 80er-Jahre-Horrorzitaten und Psychothrill wechselt, ist ganz großes Kopfkino, auch wenn das Wort "cineastisch" hier weit, weit entfernt ist.

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Experiment gelungen

"Stories Untold" ist als erzählerisches Experiment zum Teil in einem Gamejam entstanden, seine Macher haben ihre Wurzeln aber in der großen Gamesbranche und unter anderem an "Alien Isolation" mitgearbeitet; beides merkt man dem Spiel auf angenehme Art und Weise an. Dass der Parser nicht besonders viele Befehle erkennt und manche Rätsel ziemlich gutes Verständnis von gesprochenem Englisch oder punktgenaues Klicken erfordern, trübt die Freude nur bedingt.

"Stories Untold" ist für Windows erschienen.

Eine Vielzahl an neuen Ideen trifft auf professionelle Präsentation, die das altehrwürdige Genre Textadventure auf moderne Art und Weise interpretiert. Und stellenweise ist das sogar noch wirklich unheimlich geraten. Eine große Empfehlung nicht nur für Adventure-FreundInnen.

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