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Rainer Sigl

Spiel, Kultur, Pop im Assoziationsblaster.

10. 3. 2017 - 11:22

Schwarze Katze auf Sinnsuche

Das hübsche Adventure "Night in the Woods" schafft den Spagat zwischen Realismus und Bilderbuchatmosphäre.

Spielkultur auf FM4

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Finji

Das Leben kann manchmal ganz schön kompliziert sein. Eine zwanzigjährige junge Frau zieht nach einem abgebrochenen Studium zu den Eltern ins Kinderzimmer zurück und schlägt nun im fremd gewordenen Heimatkaff mit alten Freunden ziellos die Zeit tot. Die Kleinstadt ist dabei ebenso melancholisch wie die Hauptfigur selbst: Weil große Industriebetriebe zugesperrt haben, herrschen Arbeits- und Perspektivenlosigkeit, und wegen des Internets und fehlender Kaufkraft schließen auch mehr und mehr Geschäfte und Restaurants.

Wer sich nach dieser Beschreibung vom Indiespiel "Night in the Woods" ein realistisches Sozialdrama erwartet, liegt nur halb richtig, denn diese Welt ist bevölkert von Tieren in Menschengestalt: Unsere Hauptfigur ist eine Katze, ihre Freunde sind ein Alligatorenmädchen, ein Fuchs und ein Bär. "Night in the Woods" ist optisch wie ein unfassbar hübsches Kinderbuch gestaltet und schon allein dadurch nicht so deprimierend, wie es die Handlung vermuten lässt.

Quarter-Life Crisis im Kinderzimmer

Der Spagat zwischen realistischer Handlung und hübscher Comictierwelt ist das Hauptkennzeichen von "Night in the Woods". Mit viel ironischem Humor begleitet man die ziellose Heldin von Tag zu Tag, plaudert mit den Eltern, steigt bei der alten Band wieder ein und vertreibt sich die Zeit mit harmloser Kleinkriminalität und langen Diskussionen. Dass das Thema nicht nur die Quarter-Life Crisis einer zwischen den Stühlen sitzenden Generation ziel- und arbeitsloser junger Menschen, sondern auch die Krise einer ganzen (westlichen, US-amerikanischen) Mittelschichtsgesellschaft ist, macht "Night in the Woods" ziemlich besonders; dass es, im Gegensatz zu etwa "Oxenfree" oder "Life is Strange", auf Übernatürliches großteils verzichtet, ist ebenso bemerkenswert.

Auch wenn es immer wieder kurze Plattform-Passagen zu durchspringen und Minsipiele zu meistern gibt, ist das Gespräch mit all den liebevoll gezeichneten Figuren das eigentliche Herzstück des Spiels. In den über zehn Stunden der Handlung kommt man alten Freunden wieder näher, lüftet ein dunkles Geheimnis und lernt vor allem viel über sich selbst und das Erwachsenenleben, in dem anzukommen gar nicht so leicht ist. Und dass der dauer-ironische Humor der Protagonisten nur deren Verletztlichkeit kaschiert, macht sie von möglicherweise nervigen Klischees zu ganz realen, berührenden Persönlichkeiten - obwohl sie eigentlich auch knuffige Comictiere sind.

Finji

Einzelstück mit Seele

Erschienen ist "Night in the Woods" für Windows, Mac, Linux und PS4.

Zwei das Spiel begleitende kostenlose Minispiele gibt es übrigens obendrauf.

Es gibt Spiele, die sich mit Selbstbewusstsein und großem Mut absichtlich zwischen die Stühle setzen und dort großartig aussehen; dies ist so eines. Wenn man die "Gilmore Girls" vor dem Hintergrund einer krisengeschüttelten US-Gegenwart mit einer etwas heruntergekommenen Version von Entenhausen kreuzt, kommt vielleicht so etwas wie dieses charmante Abenteuer dabei heraus, doch "Night in the Woods" braucht diese bemühten Vergleiche eigentlich nicht.

Als immer wieder überraschende Mischung aus berührender Welt, klassischer Coming-of-Age-Thematik und schrägem Humor ist es ein absolutes Einzelstück - und schon allein wegen seines fantastischen Stils, seiner großartigen Musik und seines feinfühligen Realismus absolut eine Empfehlung wert.

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