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Erich Möchel

Netzpolitik, Datenschutz - und Spaß am Gerät.

6. 3. 2017 - 19:00

Uber in schweren Turbulenzen

Zwei Vorstandsmitglieder des Transport-Start-Ups binnen zweier Wochen zurückgetreten, drei verschiedene aktuelle Skandale und ein PR-Desaster ausgelöst durch den CEO.

Die Skandalserie beim kalifornischen Start-Up Uber hat einen vorläufigen Höhepunkt erreicht. Am Freitag trat der Uber-Vorstand für Produktentwicklung zurück, wobei nicht klar ist, welcher der aktuellen Skandale dafür den Ausschlag gab. Zugleich wurde bekannt, dass der webbasierte Transportdienst sein "Big Data"-System dazu benützt, um behördliche Kontrolleure hinters Licht zu führen. Davor hatte eine Ex-Angestellte dem Führungspersonal der Firma Mobbing und Sexismus vorgeworfen, vor einer Woche war ein zweiter Vorstand abgetreten.

Der neue Uber-Technikchef Amit Singhal war im Jänner von Google gekommen, nach sechs Wochen musste er seinen Hut schon wieder nehmen. Singhal hatte angeblich Vorwürfe wegen sexueller Belästigung während seiner Zeit bei Google verschwiegen. Die Google-Mutterfirma Alphabet wiederum hatte Ende Februar eine Klage wegen Diebstahls von Geschäftsgeheimnissen eingereicht, dabei geht es um nicht weniger als um die Basistechnologie für selbstfahrende Autos.

UBER Car

AFP

PR-Desaster als Draufgabe

Dazu auf ORF.at

Ende Jänner hatten sich Wiener Taxi-Unternehmer zum wiederholten Mal über Umsatzeinbußen beschwert, die seit dem Start des Fahrdienstes auch in Österreich aufgetreten seien

All diese Vorgänge spielten sich binnen zweier Wochen ab, in denen Uber-CEO Travis Kalanick auch noch ein Lapsus unterlief, der dem ohnehin schon strapazierten Image der Firma noch ein handfestes PR-Desaster überstülpte. Kalanick hatte einen Uber-Fahrer, der sich bitter über die Firmenpolitik beschwert hatte, verbal attackiert und als Versager bezeichnet, ohne darauf zu achten, dass die Konversation von der Dashcam im Wagen mitgeschnitten wurde.

Das Video fand seinen Weg zu Bloomberg News und kam bis jetzt auf vier Millionen Abrufe. Die Beschwerde des Fahrers über gesunkene Fahrpreise und dadurch schrumpfende Einkommen richtete sich gegen die Algorithmen, die alle Geschäftsprozesse steuern, wie es bei allen Big-Data-Firmen Usus ist. Über solche komplexen Rechenanweisungen werden die Fahrpreise kalkuliert, denn das gesamte Uber-Angebot für Transporte basiert bekanntlich auf Angebot und Nachfrage.

Travis Kalanick von Uber

dpa

Travis Kalanick, der CEO von Uber, war erst Anfang Februar aus dem Gremium der Wirtschaftberater Donald Trumps ausgetreten. Dies geschah auf Druck der Belegschaft, da im Transportgewerbe überproportional viele Migranten arbeiten, die von den angekündigten Deportationen betroffen sind.

Wer die Kampfpreise finanziert

Eine Unzahl solcher Programme kalkuliert und überwacht alle möglichen Geschäftsprozesse. Starke Konkurrenz auf einem neuen regionalen Markt durch eingesessene Mitbewerber wie Taxi-Rufzentralen oder den wesentlich kleineren Start-Up-Rivalen Lyft haben die Fahrpreise kräftig abgesenkt. Solche Kampfangebote, um Konkurrenten aus dem Markt zu drängen, aber werden von Uber auf dem Rücken der Transportfirmen und Einzelunternehmen augetragen.

Im konkreten Fall hatte sich der Uber-Fahrer bei Kalanick beschwert, dass seine kleine Firma nach einer Investition Bankrott anmelden musste, nachdem die Uber-Algorithmen die Fahrpreise gesenkt hatten. Dieses Geschäftsgebaren hatte in europäischen Städten aber auch in Indien und anderswo auf der Welt zu Streiks bei Fahrern und Taxifunkzentralen sowie einem Rattenschwanz von Gerichtsverfahren gegen Uber vor allem in neuen Märkten geführt. In Indien wird etwa seit 2014 versucht, den eingesessenen Rikscha-Taxis Kunden mit Kampfpreisen abzujagen, regelmäßig hat das Streiks zur Folge, weil ganze Familien von diesen Einkommen leben müssen.

Center vor Responsive Politics

Anlog zur Zunahme der Probleme mit Behörden, Regulatoren und Fahrern sind die Kosten für Lobbying der Firma während der letzten beiden Jahre auf 1,36 Millionen Dollar explodiert.

Algorithmen gegen Kontrolleure

Aus diesem Grund steht der Fahrtendienst auch unter Beobachtung verschiedener regionaler Regulationsbehörden und Stadtverwaltungen. Der Konter durch die Firma kam nicht ganz überraschend in Form von Algorithmen im Rahmen des sogenannten "Greyballing"-Programms, das nun aufgeflogen ist. Die selbstlernenden Systeme von Uber wurden darauf trainiert, Testfahrten städtischer Kontrolleure schon bei der Bestellung des Dienstes zu verhindern.

Mittels "Geofencing" werden so Bestellungen über Smartphones aus Amtsgebäuden der jeweiligen Stadtverwaltung erfasst und mit anderen Daten abgeglichen. Die Uber-App zeigt dann für solchermaßen "verdächtigen" Kunden entweder nicht buchbare Geisterautos oder gar keine Transportmöglichkeiten an. Diese Manipulationen und die zugehörigen schwarze Listen - darauf spielt auch der Begriff "Greyballing" an - um Konttrolleure systematisch hinters Licht zu führen, wurden freilich als Instrument zur Identifikation und Abwehr unlauterer Mitbewerber bei Uber eingeführt.

Falschinformation der Fahrer

"Wie Uber weltweit Behörden täuscht" - der Artikel in der New York Times

Es bestehen wenig Zweifel an der Illegalität dieser von der "New York Times" aufgedeckten, systematischen Praktiken zur Umgehung von Verordnungen durch Täuschung der Kontrollorgane. Strafrechtlich relevant wird dies allerdings erst dann, wenn ein konkreter Fall nachgewiesen ist. Und das ist schwierig, weil allfälliges Beweismaterial in den Algorithmen hinter der Uber-App verborgen ist.

Solch dubiose Geschäftspraktiken sind nicht die Ausnahme, sondern stellen bei Uber ganz offensichtlich die Regel dar. Erst im Jänner hatte Uber mit der "Federal Trade Commission" (FTC) einen Vergleich abgeschlossen. Gegen eine Zahlung von 20 Millionen Dollar wurde ein Verfahren vor der FTC eingestellt, Vertragsfahrer hatten der Firma falsche Information über mögliche Umsätze vorgeworfen.

Ausblick zum Follow-Up

Ob dieser geschätzte Marktwert so hoch bleibt, ist durchaus fraglich. Die hier - längst nicht vollständig - angerissenen Probleme von Uber werden erst langsam schlagend, wohl am gravierendsten dürfte die Klage der Google-Mutter gegen eine Uber-Tochterfirma namens Otto sein. In der Klageschrift ist von einer halben Milliarde Entwicklungskosten Googles für die LIDAR-Systeme die Rede, auf denen die automatische Objekterkennung und damit die autonome Steuerung des selbstfahrenden Autos basiert. Mehr über die Klage und LIDAR-Technologien, die etwa auch Systeme zur Kennzeichenerfassung von PKWs oder solche zur Zielerfassung für Kampfjets steuern, folgt im zweiten Teil.

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  • maxitb | vor 168 Tagen, 4 Stunden, 45 Minuten

    Mit der app kann man gar nix nachweisen ...

    Die app selbst ist ja nur ein frontend von einem bzw. mehreren web services, welche am backend laufen (meistens eine server farm). Dort kann man finden was wirklich abläuft aber ich bin mir ziemlich sicher, daran kommt man nur wenn eine Straftat vorliegt in den US. Oh, Moment, man braucht die Algorithmen um eine Straftat nachzuweisen ? Ups.

    Willkommen in einer Zeit wo Staat und private Unternehmen, daß machen wofür sie Cracker in den 80iger/90iger verteufelt haben. Pech nur, daß sie dabei auch Hacker in die Illegalität gedrängt haben wegen Unternehmensinteressen, ... oh my, naja, das passiert halt wenn man Aufdecker als Staatsfeinde abstempelt. Hätten wohl die Medien damals eine bisserl stärker drauf pochen sollen, daß nicht nur Journalisten ein Recht auf Aufdecken von moralisch und legal fraglichem ein Anrecht haben.

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    • tantejutta | vor 168 Tagen, 2 Stunden, 3 Minuten

      +1. Wie immer trefflich