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Christian Lehner Berlin

Pop, Politik und das olle Leben

6. 3. 2017 - 17:50

Piss’n’Shit

Sleaford Mods Chef-Ranter Jason Williamson im Artist of the Week-Interview über den Brexit und Ringo Starr, ein unwiderstehliches Menü namens "English Tapas" und das gleichnamige neue Album.

Artist of the Week

Musikempfehlungen aus der FM4 Redaktion

Jason Williamson ist ein Sanfter. Zumindest im Interview. Er spricht so soft und leise, dass ich einige Male den Pegel des Aufnahmegeräts nachjustieren muss. Dabei ist er genau für das Gegenteil bekannt. Seit 10 Jahren und 9 Alben rotzt der Engländer im Stakkato Flüche und Schimpftiraden ins Mikrophon. Jetzt sitzt er auf der Couch eines Berliner Hotels, in dem niemand mehr Deutsch zu sprechen scheint. Williamson hat vermutlich wenig Freude an der Promo-Tätigkeit, gibt aber sein Bestes.

Der Vater von zwei Kindern ist ein Mann mittleren Alters und sieht ein wenig mittelalterlich aus. Das liegt an den Stirnfransen und den vielen Schlachten, die hinter ihm liegen. Er hat einiges erlebt und viel darüber berichtet. Williamson ist ein Chronist des gesellschaftlichen Niedergangs, den er an seiner eigenen Biographie studierte. Nottingham. Generation „Lager, Lager!“, Studienabbrecher, Gelegenheitsjobber, Gelegenheitsmusiker. Ein Mann ohne Eigenschaften, für den Tony Blair keinen Plan hatte. Alkohol, Pillen. Arm, aber nicht sexy. Trotzdem nicht nur eine sanfte Sprechstimme, sondern auch noch verträumte Augen.

Band als Himmelsfahrtskommando

Jason Williamson, Sleaford Mods

Christian Lehner

Ein sanfter Fluchbolzen: Jason Williamson beim FM4-Interview in Berlin

Der letzte Strohhalm war, sich an diesem großen Nichts aufzurichten, es produktiv zu machen. Also begann Williamson eine künstlerische Person zu entwickeln, die als Katalysator und Teilchenbeschleuniger der großen und kleinen Frustrationen wirkte.

Von einem anfänglichen Versuch als Band blieb von den Sleaford Mods, so der Name dieses Himmelfahrtskommandos, am Ende nur Andrew Fearn als Partner übrig. Man kennt ihn von den Shows und Videos als By-Stander, Wing- und Hypeman mit Ruhepuls. Williamson beißt, spuckt und hyperventiliert am Mikrophon, während Fearn vor, meistens aber neben, seinem Laptop steht, per Spacebar Beats und Basslines abruft und sonst bloß Bier trinkend als eine Art Gummiball ohne Fallhöhe agiert. So ein bisschen wie der Wackel-Elvis im Auto, nur dass Fearn aussieht wie ein bleicher Frosch mit Basecap und Kaputzinger.

New England Blues

Es ist Punk, es ist Post-Punk, es ist Punk-Post, was die Sleaford Mods machen. Es ist auch Techno, Rave und Pub. Es ist ein Fluchen, Speien und Schwitzen. Es ist sehr eigenwillig, stur und variantenarm. Es geht um Ausscheidungen gesellschaftlicher und körperlicher Art. Gut möglich, dass die beiden Mitvierziger eines Tages als Begründer des Genres Piss’n’Shit gelten.

Aber wo liegt der Nutzen, fragt sich nun der Soziologiestudent, der sich nicht ohne gesellschaftlichen Mehrwert verbrauchen möchte? Die Sleaford Mods hauen nicht nur weg, sie machen auch die Sicht frei. Man muss als Nichtengländer nicht einmal alle Codes und britischen Alltagsreferenzen entschlüsseln können, mit denen die Lyrics gespickt sind wie ein Igel mit Stacheln. Man bekommt auch so einen guten Eindruck davon, wie low und aussichtslos das Leben am sozialen Rand irgendeiner mittelgroßen Stadt in den Midlands sein muss und wie sich immer breitere Schichten der Bevölkerung auf diese Klippe zubewegen.

Die Schilderungen sind prägnant und zeugen von persönlichen Erfahrungswerten. Hier wird ein Blick in Ecken geworfen, die sonst niemanden zu interessieren scheinen. Die Tristesse der Sleaford Mods hat nichts sozialromantisches. Williamson schafft zwar Erleichterung mittels Humor, trotzdem möchte man nie und nimmer auch nur einen Tag in den geschilderten Zuständen verbringen. Wir haben es hier also mit dem Glücksfall abstoßender Anziehung zu tun – sowohl was die Themen als auch den Vortrag betrifft.

„English Tapas“ ist kein Brexit-Album

So richtig in die Gänge kam die Karriere erst 2013 mit dem 6. Studioalbum „Austerity Dogs“, das gegen die Sparpolitik der britischen Regierung anrotzte. Warum das neue und 9. Album „English Tapas“ kein reiner Brexit-Rant geworden ist, obwohl der geplante Ausstieg Englands aus der EU sehr wohl ein Thema ist und warum Williamson erstmals auch singt anstatt bloß herumzupöbeln, haben wir im folgenden Gespräch versucht zu klären.

CL: Tapas, das ist doch spanisches Fingerfood. Was also sind „Englisch Tapas“ Gar etwas perverses?

Williamson: Ja klar! (lacht). Die Idee zum Titel stammt von Andrew. Er hat den Namen auf der Menütafel eines Pubs gelesen. Unter „English Tapas“ verstanden die dort einen seltsamen Fraß bestehend aus Chips, einem Scotch Egg, eingelegten Zwiebeln und noch so einigen exotischen Beilagen. Wir mussten lachen, weil es so typisch ist für England. Man nimmt wunderbare Sachen aus aller Welt und verwandelt es in Shit.

Es ist also ein passendes Bild für den Stand der Dinge im UK?

Nicht nur dort. Es ist doch überall dasselbe derzeit. Ich glaube, ich muss das auch nicht näher ausführen. Die Ignoranten übernehmen, weil andere Ignorante nichts getan haben. Das ist ein internationales Phänomen.

Hat Andrew die „English Tapas“ eigentlich probiert?

Er ist vielleicht verrückt, aber nicht so verrückt. Nein, er hat nur darüber gelacht.

Live

Sleaford Mods live im Flex in Wien am 8. Mai 2017

Humor ist neben der Wut ein wesentliches Merkmal der Sleaford Mods. Donald Trump hingegen setzte ausschließlich auf Wut und machte daraus eine Superpower. Hat dich das nachdenklich gemacht im Umgang mit Rage?

Nein, nicht wirklich. Es kommt ja auf den Treibstoff der Wut an und der ist bei uns sicher nicht patriotisch oder nationalistisch motiviert. Was sicher stimmt, ist, dass er als Außenseiter gesehen wurde, als jemand, der nicht zur Elite gehört, obwohl er Teil der Elite ist. Er gehörte zwar dazu, war aber aufgrund seiner Manieren verpönt. Aber er ist genau so weit entfernt von den Problemen normaler Menschen wie die anderen. Man muss sich bloß ansehen, wie er während seiner Immobilientätigkeit etwa mit Tischlern und Klempnern umgegangen ist. Das wird auch sein Downfall sein. Aber derzeit schaut es einfach beschissen aus.

Was gegen das Koma tun?

Man muss den Menschen wieder eine Perspektive geben. Es ist nicht nur so, dass sie ihnen abgeht, viele haben überhaupt keine Ahnung mehr, was das überhaupt bedeutet. Das moderne Leben ist pure Isolation. Ich kann mich glücklich schätzen, weil ich durch das für mich noch immer relativ neue Leben als Vollzeitmusiker viel herumreisen kann und überall andere Menschen treffe.

Aber die meisten Angehörigen von dem, was man früher Arbeiterklasse nannte, kommen nie aus ihren Shitholes heraus. Armut lähmt dich enorm in deiner Mobilität. Wirklich sehr viele unserer Songs handeln davon. Und die neuen Jobs in Logistikzentren, Warenhäuser und Call-Centers sind der pure Horror. Da gibt es überhaupt keinen Unterschied zum vormaligen Fließband. Man kann auch kaum davon leben. Wenn du in so einer Situation bist, wird die Welt immer kleiner und die sogenannte Demokratie rückt in immer weitere Ferne.

Auftritt großer starker Mann mit seltsamer Haartracht, so wie du ihn in "Moptop" beschreibst.

Boris Johnson, Donald Trump und all die anderen Populisten versprechen nun, dass sie den Menschen ihre Identität zurückgeben. Welche Identität denn? Ach, die nationale! Was soll das aber sein? Ich bin mir sicher, Amerika war vor Trump auch „great“. Jedes verdammte Land ist großartig, weil in jedem Land verdammt großartige Menschen leben. Allein schon deshalb ist jede Form von Isolation widersinnig.

Ich glaube, viele haben von euch ein „Brexit-Album“ erwartet.

Andere Bands kümmert das gar nicht. Man muss im UK sehr lange suchen, bis man etwas Relevantes findet. Zu viele Stars haben sich mit den Verhältnissen arrangiert. Sie lassen gelegentlich Luftblasen steigen, aber es passiert nichts, was an die Substanz geht. You know who you are! Ich kann also verstehen, wenn es Leute gibt, die sich den Brexit als Thema wünschen, aber was meine Lyrics betrifft, webe ich das Thema ein, wie es zu mir kommt. Bei uns geht es ja in einem Track meistens um 10 Dinge gleichzeitig. Der Brexit hat daran nichts geändert, er ist bloß eine Facette in einem größeren Zusammenhang.

Im Song „Dull“ benennst du das Rockstar-Problem sehr deutlich mit einem prominenten Namen. Ich zitiere „Brexit loves that fucking Ringo“.

Ja, Ex-Beatle Ringo Starr hat sich für den Brexit eingesetzt, was ich für verantwortungslos halte. Er hat mit äußerst dummen und undurchdachten Argumenten hantiert. Das Zynische ist: Falls es schief läuft – und es wird schief laufen - ist er fein raus. Er hat einen goldenen Arsch, no problem. Ringo liebt Brexit, Brexit liebt Ringo. Jetzt können sie miteinander ein scheiß Tänzchen drehen. Und es gibt viele Ringos.

Sleaford Mods, "English Tapas"

Beggars

Das neue Album der Sleaford Mods: "English Tapas" (Beggars)

Überrascht hat mich, dass du Mitglied in einer politischen Partei bist, bzw. warst. Nach einem bösen Tweet hat die Labour Party deine Mitgliedschaft aufgehoben.

Absurd ist, dass ich erst Monate nach Verfassen des Tweets rausgeworfen wurde.

Das Argument war, dass du eine Hassbotschaft verfasst hast?

Ja, ich habe einen Parlamentsabgeordneten hart kritisiert, aber ich vermute, die Parteispitze wollte einfach die Wiederwahl von Jeremy Corbyn als Parteivorsitzenden verhindern und so suchten sie nach Gründen, bekennende Unterstützer mundtot zu machen. So wie mir erging es auch Tausenden anderen Parteimitgliedern. Dass so etwas Undemokratisches ausgerechnet in einer linken Partei möglich ist, ist natürlich deprimierend.

Warum Corbyn?

Die Austerity-Politik der Tories wurde einfach unmenschlich. Die Hilfsprogramme für so ziemlich alle sozial Benachteiligten in diesem Land wurden gestrichen – Arbeitslose, Alleinerziehende, Alte, Ausländer. Die Selbstmordrate stieg sprunghaft, ein Grauen. Corbyn versprach dagegen anzutreten. Es gab Hundertausende Neueintritte in die Partei.

Du schimpfst im Track „Carlton Touts“ über diesen Rauswurf und bedenkst die Labour Party mit deftigen Sprüchen. Vielleicht kannst du für uns Nichtengländer erklären, was der Titel zu bedeuten hat. Er ist für mich deshalb signifikant, weil deine Lyrics voll sind von britischen Alltagscodes, die Außenstehende nur schwer entschlüsseln können.

Ich saß in einem Working-Class-Pub im Stadtteil Carlton in Nottingham. Neben mir eine Reihe von Arbeitern in blauen Overalls, wie sie ein Pint nach dem anderen stemmten. Über ihnen riesige Fernsehschirme, die die zunehmenden Fehlinformationen der BBC ausschütteten. Aber das scherte niemanden. Alle soffen weiter. Und überall die Fahnen mit dem Sankt-Georgs-Kreuz.

Das Wort „Touts“ kommt von „Ticket Touts“. Das sind die Typen, die dir vor den Konzerthallen Schwarzmarkttickets andrehen wollen. Sie werden von der Musikindustrie dämonisiert, dabei sind es meistens arme Kerle, die sonst keine Einnahmequelle haben. Für mich symbolisieren sie die Verteufelung der Arbeiterklasse und wie ihr derzeit in den Arsch getreten wird. Und es geht wieder um „Little England“, diese kleine idiotische Insel, die wir bald sein werden.

Woher kommt eigentlich dieser ganz eigene Stil zwischen Fluchen und Rappen?

So rede ich nun mal! Ich habe mich schon früh für harten Rap interessiert, diesen Mafiosi-Style von der Ostküste. Ich überlegte, was diese Reime so speziell macht. Es liegt am lokalen Slang, also habe ich das auch versucht. Aber ich konnte nicht rappen, also habe ich die Lines gesprochen. Mit der Zeit wurde ich schneller und schneller. Als dann Andrew mit seinen Backing-Tracks an Bord kam, passte es perfekt.

Deine Lyrics speisen sich aus Alltagsbeobachtungen und persönlichen Erlebnissen. In einer Bio habe ich gelesen, dass du insgesamt über 30 Jobs ausgeübt hast. Irgendwann hast du dann in einem Sozialamt im Benefits-Programm gearbeitet. Hat sich dort all das Elend Großbritanniens vor deinem Schalter ausgebreitet?

Das Schlimmste ist, wenn du Hilfesuchende abweisen musst, weil alle staatlichen Angebote erschöpft sind. Die Bürokratie ist kafkaesk. Lokale Anordnungen spießen sich mit der Zentralregierung. Man gibt einen kleinen Betrag und weiß, dass das niemals einen ganzen Monat reichen kann. Diese Erfahrung habe ich selbst auch sehr oft gemacht, nur dass ich das Geld sehr schnell mit dem Kauf ungesunder Substanzen durchgebracht hatte. Die Alben „Divide And Exit“ und „Key Markets“ standen stark unter dem Eindruck dieses Jobs.

Ihr werdet häufig als die „Stimme der Arbeiterklasse“ bezeichnet. Ich denke, darüber seid ihr gar nicht so glücklich. Kann man als Künstler überhaupt für die Working Class sprechen?

Ich denke schon, dass man das kann. Man muss nur wissen, wovon man spricht und singt. Wenn man weiß, wie sich das anfühlt, dann kann man es auch glaubwürdig vertreten. Das muss schon aus dir kommen. Natürlich sind wir nicht „die Stimme“, aber ich sehe auch, dass es kaum Stimmen gibt, die die Dinge beim Namen nennen. Man darf sich allerdings nicht zu viel erwarten und wir erwarten uns nichts. Große Teile der Bevölkerung sind von der gesellschaftlichen Teilhabe quasi ausgeschlossen und sie sind sich dessen gar nicht bewusst. Das neoliberale System ist perfide in seiner Wirkung.

Der Pub war für dich auch immer eine Recherche-Quelle. Nach eigenen Aussagen verbrachtest du Jahre in dieser britischen Institution.

Der Pub ist Fluch und Segen. Hierher kommen die Menschen, um zu vergessen. Wie machen sie das? Sie gießen sich einen hinter die Binde! Auf die Dauer kann das nicht gut gehen. Aber du triffst dich auch mit anderen Leuten, tauscht dich aus, fühlst dich für einen kurzen Moment geborgen und nicht so allein. Ich habe es definitiv übertrieben. Mittlerweile bin ich aber trocken. Trotzdem wird der Pub für mich immer einen besonderen Stellenwert haben.

Muss jetzt die Bierdose raus aus dem Sleaford-Mods-Logo?

Klar (lacht)! Sie wird durch einen Kaffee-Mug ersetzt. Wir trinken jetzt literweise Kaffee. Das ist auch ungesund.

Ein Klischee lautet: Wenn Künstler ein bürgerliches Leben beginnen, werden sie langweilig. Wird man dich in Zukunft über First-World-Problems schimpfen hören?

Ich mag mich verändert haben, aber die Welt hat es nicht. Solange dieser ganze Shit vor unseren Augen passiert und alles noch schlimmer wird, solange fühle ich mich direkt angesprochen. Als sich der Erfolg einstellte, hatte ich anfangs ein schlechtes Gewissen. Es dauerte eine Weile, bis ich damit umgehen konnte. Ich musste lernen, mich selbst ein bisschen mehr zu mögen.

Ist das der Grund, warum das „Ich“ in den neuen Texten einen größeren Stellenwert bekommen hat?

Ja, wir haben jetzt sogar mehr Melodien und fast richtige Songs am Album (lacht). Wichtig war mir aber, dass in den Texten keine Sentimentalitäten und geborgte Gefühle ausgebreitet werden. Das „I“ muss sich mit den anderen Themen, Bildern und sinnlosen Füllwörtern arrangieren, die sich in einem typischen Sleaford-Mods-Song um die Vorherrschaft prügeln.

Und du singst. Fast.

Wir versuchen ja schon, uns zumindest ein wenig weiterzuentwickeln. Man kann ja nicht nur den ganzen Tag lang fluchen.

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