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Philipp L'heritier

Ocean of Sound: Rauschen im Rechner, konkrete Beats, Kraut- und Rübenfolk, von Computerwelt nach Funky Town.

4. 3. 2017 - 14:42

Schweres Parfüm, Konfetti

Musikrundschau vom Elevate Festival Graz, Freitag. Jenny Hval, Tropic of Cancer, Eclair Fifi und mehr.

Elevate Festival

Das Festival für elektronische Musik und politischen Diskurs findet von 1. bis 5. März in Graz statt.

Das gesamte Diskursprogramm ist bei freiem Eintritt im Forum Stadtpark zu besuchen.

Manchmal zündet es nicht ganz so recht, immerhin nicht durchgehend: Am Freitag ist beim Elevate Festival Graz wieder einmal, wie fast immer, das Programm wunderbar zusammengestellt gewesen, großartig ausgedacht, zumindest theoretisch.

Wenn die vielen, vielen Leute im Dom im Berg an einem Freitagabend tanzen wollen, dann ist verspukter Avant-Pop mit kaum Konturen und Haltegriffen jedoch vielleicht ein bisschen schwierig. So soll es aber auch sein, die Mischung macht die Reibung, bisweilen geht es eben nicht ganz auf.

Jenny Hval

Clara Wildberger

Jenny Hval
Tropic of Cancer

Johanna Lamprecht

Tropic of Cancer

Die norwegische Musikerin und Theoretikerin Jenny Hval beispielsweise ist eine der interessantesten Künstlerinnen der jüngeren Vergangenheit, ihr Album „Blood Bitch“ ist ein Album des Jahres des 2016 gewesen.

Doom-Elektronik und Todes-Synth, Minimal Music und Lieder über Vampire, Hexen, Feminismus und Blutungen aller Art. Da kann man sich gut reinvertiefen und darin versinken, wenn man beispielsweise zuhause auf der harten Matratze liegt.

In der Live-Darbietung probierte Jenny Hval in Graz die minimale Variante: Flüster-Performance, begleitet einzig von einem Mann an Elektronik, nur wenige Töne erklangen. Auch Hits scherten Hval wenig, es ist Kunst, aber doch recht halbgar und desinteressiert dargeboten.

Immerhin im performativen Segment wurde ein wenig die Trickkiste aufgemacht: Hval und Kollege waren in rote Capes gehüllt, Hval gestikulierte ausladend und theatralisch, zwei Rosen, echte, shakte Hval im Takte zum Klange der Shaker aus der Konserve. Seltsam uneinnehmend, interessant.

atmo elevate

Johanna Lamprecht

Es folgten Tropic of Cancer auf der Bühne im Dom im Berg. Hier verkehrten sich die Vorzeichen. Tropic of Cancer ist das Projekt der kalifornischen Musikerinnen Camella Lobo, anfänglich noch mit dem Produzenten Juan Mendez von der Bergwerks-Techno-Institution Sandwell Disctrict betrieben.

Lobos Platten erscheinen beispielsweise bei solch verlässlichen Düster- und Schmerzenslabels wie Downwards und Blackest Ever Black. So eine Musik ist das dann auch. Schemenhafter elektronischer Postpunk, Blubbern, Rauschen, Nebel. Darüber schwebt Lobos kaum fassbarer Gesang, vom Winde verblasen.

In der Live-Darbietung gestalteten sich die wundersamen Geräusche von Tropic of Cancer jedoch gar nicht so sehr als das Sedativum, das man vielleicht hätte erwarten können. Camella Lobo stand am Synthesizer, Unterstützung kam von einer Frau am Bass.

Zwar wurde da nicht unbedingt der Dancefloor bedient, dennoch war Tropic of Cancer hier druckvoller, dynamischer als auf Platte. Immer wieder durchzog ein Beat die schwarzgraue Atmosphäre, eine Wummern lud den Rauch mit Energie. Hier funktionierte die Hypnose.

Härteres gab es derweil im zweiten Floor, dem Tunnel. Ein Live-Set des englischen Dubstep-Mystikers Shackelton zum Beispiel.

Dubstep ist für Shackelton auch schon lange bloß ein Wort. Deutlich fließen ihm auch Dub im Sinne von Dub, Dancehall und Noise in die Musik, beim Elevate zeigte er sich gut gelaunt und freundlich – im besten Sinne. Ein vergleichsweise weiches, melodiöses Set, doch mit Haken und Kanten. Es wurde getanzt. Sehr gut.

Jon Hopkins

Johanna Lamprecht

Jon Hopkins
Jon Hopkins

Johanna Lamprecht

Im Dom im Berg stand zeitgleich ein Mann an den Plattenspielern, den man für gewöhnlich in anderer Position kennt: Jon Hopkins. Musiker, Produzent, feinstofflicher Elektroniker, Ambient-Weiterdenker, Homie von Brian Eno, „Klangdesigner“.

Eclair Fifi

Johanna Lamprecht

EclairFifi

Sein DJ-Set verknüpfte trance-igen, kuscheligen House im Andenken an James Holden, Nathan Fake und ihr Label Borderline Community mit rohem Knüppel-Techno, der Berghain sein will und doch bloß Großraum ist. Funktioniert zwar, aber vielleicht doch lieber bei den Kernkompetenzen bleiben.

Erwartungsgemäß konnte dann noch eine schottische DJ die Nacht in Regenbogenfarben kleiden: Eclair Fifi, wunderbar versatile Plattendreherin, bei der zwischen Techno und Electro der rohen Sorte immer auch Raum ist für melodische Einsprengsel, Verbeugungen vor HipHop und R’n’B und sonstiges Konfetti.

Das ist kein albern zusammengewursteter Eklektizismus und kein DJ-Set von Skrillex, sondern sinnvoll gesetzte Vernetzung und Verwebung von Styles und Codes, Partikeln, Sounds und strammen Beats, die teacht und Spaß bringt. Luftschlangen raus.

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