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Conny Lee

Prokrastinative Hinterstübchen des Alltags

5. 3. 2017 - 11:58

Die irische Königin und der Stier

In ihrem Roman verknüpft die steirische Autorin Andrea Stift-Laube irische Sagen mit der Geschichte einer jungen Frau in einem Käseladen.

Buchcover Die Stierin

Kremayr Scheriau Verlag

Die Stierin von Andrea Stift-Laube, erschienen bei Kremayr-Scherau

Von allen Sagenkreisen und Mythologien auf der ganzen Welt sind uns manche vertrauter und andere weniger. Die griechischen Sagen beispielsweise sind beliebte Motive in der Kunst und Populärkultur: Zeus und seine Liebschaften, die Heldentaten des Herkules oder auch die Reise des Odysseus. Auch die nordischen Sagen sind, nicht zuletzt dank der Marvel-Comics, sehr bekannt - der Allvater Odin, sein Sohn Thor und der listige Loki. Aber was ist mit der Irischen Mythologie. Wie viel weiß man üblicherweise über den Ulster-Zyklus? Wie populär ist die Königin Medb und ihr Krieg um den magischen Stier? Auf diese altirischen Sagen greift die steirische Autorin Andrea Stift-Laube in ihrem jüngsten Roma Die Stierin zurück, was sich allerdings erst im Laufe der Erzählung offenbart.

Zunächst geht es um die junge Frau namens Maeve. Sie lebt in einer kleinen Stadt und hat einen Käseladen und lebt ein ruhiges, zurückgezogenes Leben.

Ich nehme den Käse und lege ihn auf eine der breiten, marmornen Arbeitsflächen. Ich werfe der Kundin einen fragenden Blick zu, ich forme um ihr Einverständnis heischende Gesten und lächle dazu. Ich schneide den Käse mit dem Käsemesser. Ich verpacke ihn und lasse ihn bezahlen. Ich fertige den Käse ab. So geht es immer von vorne. Der befriedigendste Moment während dieses Vorgangs ist der, in dem mein Käsemesser durch den Käse gleitet.

Wir erfahren, dass sie mit 18 ihr zu Hause verlassen hat um in die Stadt zu kommen, wo sie niemanden kannte. Sie fand ein leistbares Zimmer bei einem älteren Mann, dem damals der Käseladen gehörte. Nach zwei Jahren entwickelt sich zwischen ihnen eine Beziehung und sie heiraten. Doch ab diesem Zeitpunkt verändert er sich, lässt sie kaum noch außer Haus und wird zunehmend brutaler

Kalkspuren sind ein besonderes Charakteristikum der unordentlichen Hausfrau. Die Armaturen sind stets dort zu reinigen, wo man es nicht erwartet. Wo man nicht hinsieht, versteckt sich immer der größte Dreck. Überhaupt ist alles dort zu reinigen, wo sich auch nur theoretisch Schmutz entwickeln kann. Die blau gefärbte Augenhöhle ist hinter der Sonnenbrille unsichtbar zu machen, bei der hilft auch das ganze Reinigen und Schrubben nichts, Peelings sind wirkungslos bei Bluterguss.

In den Momenten des Missbrauchs, wenn ihr Mann sie schlägt oder vergewaltigt, flieht Maeve in Gedanken in eine andere Welt, wo eine rothaarige Königin durch die grüne Landschaft Irlands wandelt. Ohne die irischen Sagen zu kennen, durchlebt sie in ihrer Fantasie unzusammenhängende Szenen aus den Sagen rund um Königin Maeve, die sich erst nach und nach zu einem Gesamtbild zusammenfügen. Der Geschichte nach gab es in Irland zwei mächtige, magische Stiere und einer davon war im Besitz des Königs. Maeve war seine Frau und eine stolze, schöne Königin. Sie konnte sich nicht damit abfinden, dass ihr Mann ein derartiges Tier besaß und sie nicht, also begann sie einen Krieg, der das ganze Land verwüsten sollte.

Irgendwann stirbt der gewalttätige Käseladenbesitzer und die junge Frau übernimmt das Geschäft, glücklich über ihre neu erlangte Freiheit. Doch eines Tages treten drei Frauen in ihr Leben: Bod, Morrigen und Macha. Diese Figuren sind gleichzeitig Teil der Welt, in dem die junge Frau Käse verkauft, aber sie entstammen auch den irischen Sagen und fungieren an manchen Stellen im Buch als Chor.

Wir warten ungeduldig. Wir sind ein lächerlicher Chor, aber das waren wir nicht immer. Bloß drei Frauen, wir singen in den verschiedensten Tonlagen und solange wir singen, solange werden wir gehört. Wir sehen, was kommen wird, wir sehen die Enttäuschung, die erste große Wunde. Wir rufen dir seit jeher zu. Bis heute hast du nicht auf uns gehört.

Die drei Frauen erzählen der jungen Maeve von den irischen Sagen und der kriegerischen Königin. Immer enger verwebt die Autorin Stift-Laube die verschiedenen Erzählebenen, bis die Grenze fast verschwimmt. Als Maeve sich nach langer Zeit wieder auf einen Mann einlässt, der sie jedoch auch alsbald misshandelt und erniedrigt, durchbricht die junge Maeve ihr Verhaltensmuster und setzt sich auf drastische Weise zur Wehr.

Es ist nicht ganz einfach, in die Geschichte hineinzufinden, da man nicht gleich etwas anzufangen weiß mit den diversen feinen Fäden der Erzählung, die sich erst nach und nach zu einem Strang zusammendrehen. Lässt man sich allerdings darauf ein, gewinnt die Geschichte dadurch an Nachdruck. Es ist auch kein Vorwissen über die irische Mythologie notwendig. Allerdings weckt Die Stierin durchaus die Neugierde, mehr über diese bei uns so wenig bekannten Sagen zu lernen.

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