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Christian Lehner Berlin

Pop, Politik und das olle Leben

28. 2. 2017 - 12:03

Der sanfte Held des R&B

Der aus London stammend Sänger und Produzent Sampha ist allgegenwärtig in der heißen Popmusik dieses Planeten und doch kaum greifbar. Anfang Februar hat er sein Solodebüt "Process" veröffentlicht. Ein Gespräch.

Da sitzt er nun an der Bar eines hippen Hotels in Berlin und scheint der normalste Typ zu sein. Ist er wahrscheinlich auch, ist er aber auch nicht. Seine Stimme, seine Beats, sein Talent stehen derzeit hoch im Kurs und trotzdem kann fast niemand etwas mit dem Namen anfangen: Sampha Sisay aus London, Sohn von Einwanderern aus Sierra Leone, Producer, Sänger, in beiden Funktionen einer der gefragtesten Zuarbeiter des Pop. Die Liste seiner Kollabos ist beeindruckend: Kanye West, Drake, Solange, Frank Ocean, FKA Twigs und Jessie Ware - alle wollen sie ein Stückchen der Sampha-Magie.

Sampha

Young Turks

Sampha macht Musik zwischen R&B und Grime, James Blake und Ghostpoet, Gospel und Soul. Als Kind hat er am Laptop der älteren Brüder Beats gebastelt. Schon früh erkannte die Familie sein Talent an der Stimme, aber nichts ist dem 28-Jährigen so heilig wie sein Klavier, ein Piano der Marke Büthner aus Leipzig.

Samphas Idiom harmoniert mit dem musikalischen Zeitgeist der Verletzlichkeit und Tenderness. Auf "Process", dem lange erwarteten Debütalbum, richtet der ehemalige Grime-MC seine Stimme nach Innen und hört, was da nach den schweren Schicksalsschlägen geblieben ist. Als Kind verlor Sampha seinen Vater an Krebs, erst vor wenigen Monaten seine Mutter, ein mysteriöser Knoten an den Stimmbändern gefährdete mehrere Monate lang Samphas zarte, aber umso wirkungsmächtigere Stimme. Alles, so die Lektion, ist fragil und zerbrechlich und findet sich genau so am Album.

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"Process" ist vielleicht das letzte R&B-Werk neuerer Machart, das die Welt noch braucht, bevor der Mumble-Soul von James Blake, Frank Ocean oder The xx den ersten Sättigungsgrad erreicht hat. Aber dieses Album braucht sie unbedingt.

Christian Lehner: Ist Sampha dein echter Name?

Sampha: Ja, es ist mein Vorname. Er kommt aus Westafrika. Meine Eltern stammen aus Sierra Leone. Er kommt aber auch in Südostasien vor. Einige bekannte Buddhisten trugen ihn. Frag mich aber bitte nicht, warum mich meine Eltern so genannt haben, ich weiß es nämlich nicht (lacht)! Als MC nannte ich mich noch Kid Nova.



Deine Familie erkannte früh, dass du Talent hast. Wann hast du mit dem Musizieren begonnen?

Ich habe mit Drei begonnen, Klavier zu spielen. Meine Brüder waren um einiges älter als ich, also fühlte ich mich eher wie ein Einzelkind. Später habe ich sie genervt und mich an ihren Computern zu schaffen gemacht. So lernte ich, Beats zu programmieren.

Hattest du eine Ausbildung?

Ja, mit 14 bekam ich Klavierstunden, aber das ging nicht lange gut. Meine Aufmerksamkeitsspanne war zu kurz und außerdem wollte ich immer meine eigenen Akkordfolgen spielen. Heute bereue ich es ein wenig, dass ich die Ausbildung so früh abgebrochen habe.

Du bist der seltene Fall von einem Musiker, der sehr progressive Beats und Sounds programmiert, die Stimme und das Instrumentarium aber auf klassische, fast konservative Weise anlegt.

Ich bemühe hier immer den Begriff des Prozessors, als den ich mich verstehe. Die Noten schweben herum und ich bringe sie in Einklang. Die Quellen sind für mich dabei kein Widerspruch, weil ich so aufgewachsen bin. Aber das Klavier ist schon mein emotionales Zentrum.

Es gibt ja auch diesen Song am Album "No One Knows Me Like The Piano". Warum geht dir das Instrument so zu Herzen?

Vielleicht ist es seine Dimension, die Größe des Resonanzkörpers, das Vibrieren. Dann habe ich sehr viel Zeit mit dem Klavier verbracht. Für mich ist es wie meditieren. Die Zeit steht still. Manchmal vergehen Stunden und ich merke es gar nicht. Man ist also weggetreten, fühlt sich dabei aber äußerst lebendig.

Hast du dann das Gefühl, das Klavier spielt auch mit dir?

Ja sicher. Ich sehe das wieder prozesshaft. Das fängt bei den Menschen an, die dieses Instrument gebaut haben. Ich habe diese Voraussetzung ja nicht selbst geschaffen. Ich bin ihnen zutiefst dankbar. Auch sie sind Teil meiner Musik. Ohne sie könnte ich mich nicht ausdrücken.

Wie schätzt du dein Spiel ein? Bist du dort, wo du immer hin wolltest?

Nie im Leben! Von hundert Prozent habe ich vielleicht ein Prozent erreicht. Ich nehme wieder Stunden, weil ich merke, dass ich mein Fähigkeiten erschöpft habe. Man kann mit diesen zwölf Noten so viel mehr anstellen.

Es gibt ein Video, das dich auf dem Dach deines Labels Young Turks zeigt. Du spielst ein Klavier der deutschen Marke Blüthner.


Ja, es ist mein eigenes. Ich hatte keine Ahnung von der Geschichte des Klavierbauers, aber ich verliebte mich sofort in den gedämpften Klang, ich glaube, sie nennen es den "Goldenen Ton". Die Farben des Sounds, dieser spezielle Klang, das hat mich an bestimmte Stücke von Erik Satie erinnert und es schwingt auch eine gewisse Vorstellung deutscher Kompositionen des 19. Jahrhunderts mit.

"Process" wird dominiert von einem Gefühl der Verletztlichkeit, was auch mit der Geschichte deiner Familie zu tun hat.

Ich spreche in den Stücken durchaus Autobiografisches an. Viel wichtiger ist aber, dass ich ein bestimmtes Gefühl erlebt habe und nicht, dass eine bestimmte Geschichte erzählt wird. Bei Harmonien ist das übrigens ähnlich.

Deine Musik ist expressiv aber gleichzeitig sehr sanft, du machst definitiv keinen Hardcore. Hast du dich jemals gefragt, warum du die Musik machst, die du machst?

Ich bin mir da gar nicht so sicher, ob sie vielleicht doch "hardcore" ist. Es dauert, bis man den Mut findet, sich zu öffnen und seine eigene Unsicherheit zu thematisieren. Dabei hat mir mein Producer-Freund Kwes geholfen. Ich fand etwas in seiner Musik, das mich bestärkte. Wenn man so gepolt ist wie ich, bleibt das natürlich eine Herausforderung, aber es braucht einfach ein gewisses Maß an Selbstbewusstsein, wenn man in diesem Geschäft bestehen will.

Sampha

Christian Lehner

Sampha beim FM4-Interview in Berlin

War es diese Unsicherheit, warum es dann doch eine Weile gedauert hat, bis du dein Debütalbum veröffentlicht hast? Du warst einfach noch nicht so weit?

Wenn es nach mir ginge, würde ich nur Musik machen und sonst nichts. Alben interessieren mich gar nicht so sehr, aber das muss so sein, sonst würden wir vermutlich nicht hier sitzen und die Menschen würden möglicherweise nie etwas von meiner Musik hören.

Du bist ja auch sonst nicht unterbeschäftigt. Wie kam eigentlich der Kontakt zu Superstars wie Kanye West oder Drake zustande?

Drake pflegt einen sehr engen Kontakt zu Young Turks. Das ist das Label, auf dem ich gesignt bin. Er lässt sich immer Neuigkeiten schicken. Dann kam eines Tages eine Anfrage für eine Kollabo und dann die Tour. Bei Kanye West war es sein Produzent Rick Rubin, der mich nach Los Angeles eingeladen hat. Als Dankeschön für die Zusammenarbeit auf "The Life of Pablo" hat er mit mir den Song "Timmy’s Prayer" geschrieben.

Mittlerweile zweifeln viele an Kanyes Verstand.

Der Unterschied ist, dass Kanye alles in der Öffentlichkeit auslebt, während die anderen lieber hinter verschlossenen Türen ausrasten. Jeder Musiker, der mit ihm zusammengearbeitet hat, weiß, wie sehr er für die Kunst brennt. Seine Schaffensdrang ist enorm. Er hat ja auch eine ganz spezielle Art des Arbeitens. Ich habe in Florenz für ihn einige Freestyles aufgenommen. Kanye war mal da, dann war er wieder weg. Später hat er ein paar Sachen editiert und daraus einen Chorus geformt. Ich hatte gar keine Ahnung, für welchen Track er das brauchte, bis er mir den fertigen Song geschickt hat.


Du hast zuletzt auch sehr prominent an dem neuen Solange-Album "A Seat At The Table" mitgewirkt - für viele das Album des vergangenen Jahres. Was bringen diese Superstar-Kollabos außer einen fetten Scheck?

Die Bestätigung, dass man ein Gefühl für den richtigen Zeitpunkt entwickeln muss. Ein Album ist so ein riesen Ding. Es sind so viele Leute involviert. Gutes Timing ist sehr wichtig. Nicht nur was den organisatorischen Kram betrifft, sondern auch vom Feeling her. Und dann muss man es einfach durchziehen, konsequent bleiben. Ich lasse mir zwar gern viel Zeit, aber irgendwann ist es dann auch genug.

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