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Todor Ovtcharov

Der Low-Life Experte

22. 2. 2017 - 14:17

Revolution zu verkaufen

Wir alle sind aus den verschiedensten Ecken der Welt nach Kuba gekommen, um den tropischen Realsozialismus zu erleben, bevor das Land zum amerikanischen Puff wird.

Mit Akzent

Die unaussprechliche Welt des Todor Ovtcharov und sein satirischer Blick auf das Zeitgeschehen - jeden Mittwoch in FM4 Connected und als Podcast.

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Ein alter russischer LKW fährt mit dem Geräusch eines hustenden Asthmatikers eine krumme Straße entlang. Zuerst stellt man sich vor, dass es nichts geben könne, was lauter als sein Motor sei - doch die aus Plastikkübeln selbst gebaute Stereoanlage beweist das Gegenteil. Aus ihr dröhnt eine Reggaeton-Nummer über gebrochene Herzen, Liebe und Trennungen.

Wir sitzen in diesem LKW und werden von einem Auto aus der Zeit Präsident Kennedys überholt, das wie ein grellblauer Leichenwagen aussieht. Unser LKW verschwindet in einer Staubwolke. Man sieht nichts. Der Staub vermischt sich mit den Abgasen und verklebt unsere Kehlen. Alle im LKW haben vom Staub aschgraue Gesichter, schauen aber glücklich aus. Eine Bande glücklicher Tonfiguren. Genau wie ich sind alle hier aus verschiedensten Ecken der Welt gekommen, um den tropischen Realsozialismus von Kuba zu erleben, bevor sich das Land verändert und zum amerikanischen Puff wird.

Che Guevara Straßenschild in Kuba

CC BY SA 2.0 von Matias Garabedian flickr.com/mateeas

Kuba ist ein Kommunismus-Museum, für alles steht man Schlange und im Geschäft gibt es drei Sachen zu kaufen. Werbung fehlt, es gibt nur Parteipropaganda. Alle paar Kilometer sehen wir Che Guevara, der uns versichert, dass die Revolution ewig sei und der Sozialismus gewinnen werde. Währenddessen freuen sich die Touristen. Sie fotografieren sich gerne in den leeren Geschäften und den antiken Autos aus den 50-er Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Überall wird von Altruismus und sozialer Gleichheit gesprochen, doch die Kubaner betrachten die Touristen als wandelnde Geldtaschen. Jeder will dir Zigarren verkaufen, dich zum Restaurant seiner Cousins bringen, dir "Guatanamera" auf der Straße vorsingen oder verfolgt dich mit einer mit Kaffee gefüllten Thermoskanne. Jeder will dein Geld.

Der Fahrer unseres LKWs trägt ein rosa Hemd. In jedem Dorf, durch das wir fahren, pfeift er den Mädchen nach und zeigt auf seinen mit Touristen gefüllten Laster. Die Mädchen schauen lächelnd zurück. Sie wissen, dass Touristen Geld bedeuten. Einige davon versuchen uns Che Guevara T-Shirts oder Fidel Castro Kappen zu verkaufen.

Wenn ich sage, dass ich aus Bulgarien komme, erinnern sich einige ältere Kubaner an die Konserven mit gefüllten Paprika aus Bulgarien, die es in Kuba vor 25 Jahren gegeben hat. Heute gibt es sie nicht mehr, so wie es den einen Kommunismus auch nicht mehr gibt. Die Revolution wird verkauft.

Am Abend sehe ich den Fahrer mit dem rosa Hemd wieder. Es ist schwer, seinen brummenden LKW zu überhören. Er steigt ein, mit einer Rumflasche in der Hand. Auf seinen beiden Knien sitzen zwei Mädchen. Sie fahren laut und langsam weg.

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